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Litauen

Blick in den Abgrund des Kalten Krieges

Blick in den Abgrund des Kalten Krieges

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Prof. Dr. Jörg Echternkamp, Leitender Wiss. Direktor und Leiter des Forschungsbereichs Militärgeschichte nach 1945 am ZMSBw, wurde vom 4. bis 29. Mai 2026 zu einer Gastprofessur nach Litauen berufen. Dort besuchte er gemeinsam mit Studierenden der Universität Klaipėda einen ehemaligen sowjetischen Atomraketenstützpunkt.

Unter einem Sicherheitsnetz blickt man in 30 Meter Tiefe.

Blick in den 30 Meter tiefen Abgrund von einem der vier Raketensilos. Alle vier Silos wurden mit Beton versiegelt und durch ein Netz abgesichert.

Bundeswehr/Echternkamp

Museum des Kalten Krieges

Unter strengster Geheimhaltung plante hier die Sowjetunion Anfang der 1960er Jahre, den neuen Typ einer ballistischen Mittelstreckenrakete mit Atomsprengkopf „R-12“ (NATO-Codename „SS-4 Sandal“) gegen das westliche Europa in Stellung zu bringen. Während das gleiche Vorhaben durch die USA in der Kubakrise verhindert wurde, blieb die sorgfältig versteckte Raketenanlage in Litauen lange Zeit unentdeckt. Dreizehn Kilometer nördlich der Stadt Plungė wurden vier 30 Meter tiefe Raketensilos angelegt. Vier weitere Mittelstreckenraketen des Typs SS-4 wurden zum „Nachladen“ vorgehalten, jede mit einem thermonuklearen Sprengkopf von zwei Megatonnen bestückt. Die einstufige ballistische Rakete hatte eine Reichweite von 2.000 Kilometern und hätte London, Paris und Mailand erreichen können, mithin das gesamte Westdeutschland als Hauptpfeiler der NATO in Westeuropa.

Zwei Studenten haben sich eine originale Gasmaske aufgesetzt

Sinnliche Erfahrung: Studierende der Universität Klaipėda im "Museum des Kalten Krieges" mit originalen Gasmasken

Bundeswehr/Echternkamp

Abschreckung und Forschung

Erst 1978 wurde die streng geheime Anlage von den USA aufgeklärt. Aus der sowjetrussischen Raketenanlage wurde mehr als zehn Jahre nach dem Fall des „Eisernen Vorhangs“ das litauische „Museum des Kalten Krieges“. Gemeinsam mit seiner Studierendengruppe blickte Prof. Dr. Jörg Echternkamp in den über 30 Meter tiefen Abgrund. Dieser war im Kalten Krieg dazu ausersehen, Ausgangspunkt für millionenfaches Sterben zu werden. Wie sah der Dienst in einer solchen Raketenbasis aus? Wie komplex war die unterirdische Anlage? Was wären die Folgen einer Atomexplosion gewesen? Und weil diese ausblieb: Was sagt der Raketenstützpunkt über die atomare Abschreckung im Kalten Krieg aus? Zur Beantwortung dieser Fragen setzt das Museum auf die sinnliche Qualität des authentischen, unterirdischen Ortes, dessen abgründige Bedeutung durch Originale in Vitrinen, historische Inszenierungen von Wachstuben und Kontrollposten, Modelle, Infografiken und Texte in den größeren Zusammenhang des atomaren Zeitalters gestellt wird. An diesem Originalschauplatz des Kalten Krieges ließ sich dessen Abschreckungslogik besonders gut erläutern und in die wissenschaftliche Forschung des ZMSBw integrieren.

von Jörg Echternkamp

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