Die erste Schlacht der kanadischen Militärgeschichte. Ridgeway, 2. Juni 1866
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Am 2. Juni 1866 trafen Mitglieder der Fenian Brotherhood auf kanadische Truppen. Die Fenians wollten Teile der britischen Kolonien in Kanada erobern, um diese gegen die Freiheit Irlands zu „tauschen“. Ein gewagtes Unternehmen und der Beginn der kanadischen Militärgeschichte.
Der Schein trügt: Auch wenn die Uniformen und Symbole vermuten lassen, dass hier britische gegen irische Soldaten antraten, handelte es sich um einen Kampf irisch-amerikanischer gegen kanadische Milizionäre, kolorierte Litographie von 1868.
picture alliance / Bildagentur-onlineDie militärische Symbolik in der abgebildeten Farblithografie ist auf den ersten Blick leicht zu lesen. Auf der rechten Seite sind die typischen roten Uniformen beinahe so einfach einzuordnen wie die Flagge, die noch heute als Union Jack offizielles Staatssymbol ist: Die Truppen sind britisch – selbst wenn die Farben auf der Flagge durch einen Druckfehler vertauscht sind. Die Symbolik auf der linken Seite ist zwar nicht offiziell, aber kaum weniger eindeutig: das Grün der Uniformen und der Flagge, dazu die keltische Harfe – schnell denkt man an Irland. Die Buchstaben „I.R.A.“ als Abkürzung für Irish Republican Army wurden im Laufe der Jahrhunderte von gleich mehreren, teils konkurrierenden Organisationen genutzt. Es handelt sich also um eine Szene aus dem langen Unabhängigkeitskampf der Bevölkerung Irlands gegen die britische Herrschaft, die wahrscheinlich erste Schlacht der IRA.
Doch die abgebildete Schlacht von Ridgeway fand 1866 keineswegs auf der Grünen Insel, sondern in Kanada statt. Sie war der erste Höhepunkt der sogenannten Fenian Raids. Die Fenian Brotherhood, benannt nach Kriegern aus der irischen Mythologie, war ein Geheimbund von in Amerika lebenden Iren, die den Freiheitskampf in der „alten Heimat“ unterstützen wollten. Ihr Plan: Teile der britischen Kolonien in Kanada erobern und dann gegen die Freiheit Irlands „eintauschen“. So wenig naheliegend das klingen mag, waren die Fenians nicht zu unterschätzen. 1866 hatten sie mehrere Tausend Mitglieder, darunter sehr viele kriegserfahrene Veteranen des gerade zu Ende gegangenen Amerikanischen Bürgerkriegs, die dank großzügiger Spenden exzellent bewaffnet waren. Auf der Lithografie blitzen unter den grünen Jacken graue Uniformstücke hervor. In der Realität hatten sich die Fenians meist nur grüne Tücher umgebunden. Tatsächlich trugen sie bei ihrem Überfall eine Mischung aus den grauen Uniformen der Konföderierten und den blauen der Union – Veteranen beider Seiten kämpften für die irische Sache.
Am 1. Juni 1866 überquerten etwa 1200 Fenians unter Führung von John O’Neill, einem ehemaligen Offizier der Unionsarmee, den Grenzfluss Niagara und besetzten die kanadische Stadt Fort Erie im heutigen Ontario kampflos. Am nächsten Tag marschierten 650 Mann nach Ridgeway, einer nahen Bahnstation, wo es zum Kampf kam. Die unter dem Union Jack kämpfenden 850 Soldaten waren in der Überzahl. Doch auch hier erzählen die Symbole im Bild nicht die ganze Geschichte. Es handelte sich keineswegs um professionelle Soldaten der britischen Armee, sondern um kanadische Miliztruppen. Die überforderten Offiziere deuteten den Gefechtsverlauf falsch und die unerfahrenen Männer gerieten beim Sturmangriff der Bürgerkriegsveteranen in Panik. Das Bild zeigt den Beginn der ungeordneten Flucht nach kurzem Feuerkampf. Die Verluste waren auf beiden Seiten gering. Noch am selben Tag besiegten die Fenians weitere kanadische Milizionäre in einem zweiten Gefecht. Diese schnell und verlustarm errungenen Siege konnten das baldige Scheitern der Unternehmung jedoch nicht verhindern. Gerüchte machten die Runde, dass nun Einheiten der britischen Berufsarmee auf dem Weg seien. Außerdem schritt die US-Marine ein und blockierte den Nachschub an Truppen und Material über den Niagara. Einzelne Fenians setzten sich ab, ihre Verbände begannen sich aufzulösen. Dann zog sich das Gros der Angreifer über den Fluss zurück und ergab sich den amerikanischen Behörden. Sie konnten auf Gnade hoffen, und tatsächlich wurde niemand ernsthaft bestraft; die Fenians durften sogar ihre Waffen behalten.
In den kommenden Jahren gab es immer wieder Überfälle der Fenian Brotherhood auf Kanada. Sie scheiterten jedoch an den Verteidigern, die nun entschlossener kämpften, und am Eingreifen der USA. O’Neill unternahm 1870 und 1871 zwei weitere Invasionsversuche und wurde beide Male von US-Behörden verhaftet. Die kanadische Presse skandalisierte das Versagen der eigenen Offiziere und Truppen bei Ridgeway. Dies gab den Anstoß, die damals „Permanent Active Militia“ genannten kanadischen Streitkräfte zu professionalisieren. Da die Briten in den folgenden Jahrzehnten durch die Burenkriege zunehmend gebunden waren, mussten Kanadier größere Lasten bei der Verteidigung ihrer Heimat tragen. Die Niederlage von Ridgeway, so unrühmlich sie für die kanadische Seite auch war, gilt heute als die erste Schlacht der kanadischen Militärgeschichte. Denn erstmals kämpften hier ausschließlich kanadische Truppen unter kanadischen Offizieren ohne Beteiligung der britischen Armee.
Dieser Beitrag stammt aus Ausgabe 2/2026 der Zeitschrift „Militärgeschichte“ 2/2026.
von Björn Mielbrandt