Der amerikanische Stützpunkt Diego Garcia. Zwischen strategischem Kalkül und humanitärer Willkür
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Im Herbst 2024 beschloss die Labour-Regierung in Großbritannien, die Chagos-Inseln im Indischen Ozean an Mauritius zu übergeben. Dies bezeichnete USUnited States-Präsident Donald Trump nun als „große Dummheit“. Das Korallenatoll Diego Garcia bleibt für weitere 99 Jahre eine Militärbasis der Vereinigten Staaten von Amerika. Denn es ist für die USAUnited States of America von strategischer Bedeutung.
Show of Force: Angehörige der USUnited States-Luftwaffe auf dem Marinestützpunkt Diego Garcia vor dem Tarnkappenbomber B-2, 31. August 2020.
picture alliance / ZUMAPRESS.com | U.S. Air ForceDiego Garcia ist das größte Atoll in der nahe der Malediven im Indischen Ozean gelegenen Chagos-Inselgruppe, die seit 1810 unter britischer Herrschaft steht. Bereits im Oktober 1965 beschloss das britische Kabinett die administrative Abtrennung Diego Garcias von den Chagos-Inseln, um das strategisch hochgradig attraktive Atoll den USAUnited States of America zu überlassen. Während Washington in den 1960er-Jahren im Indischen Ozean sowjetische Aktivitäten fürchtete, sind es heute nicht zuletzt die Ambitionen der Volksrepublik China, die die USAUnited States of America an Diego Garcia festhalten lassen. Wie kaum eine andere Episode der Dekolonisation versinnbildlicht der Disput um die Zugehörigkeit von Diego Garcia den nach 1945 ablaufenden Prozess einer neuzeitlichen translatio imperii, also der Ablösung des Britischen Empire als globaler Ordnungsmacht durch die Vereinigten Staaten. Um die Tragweite dieser Entwicklung verstehen zu können, muss man sechs Jahrzehnte zurückblicken, als selbst vermeintlich randständige Territorien zu einer strategischen Drehscheibe im Kalten Krieg werden konnten.
Noch im Frühjahr 1965 hatte der Labour-Premierminister Harold Wilson die Grenzen des Vereinigten Königreichs im Himalaja verortet. Doch diese markige Formulierung konnte nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Dekolonisation des britischen Imperiums bereits weit fortgeschritten war und im Prinzip nur noch kleinere, strategisch jedoch keineswegs unbedeutende Gebiete in Übersee der britischen Krone unterstanden. Die Logik des Kalten Kriegs sorgte allerdings dafür, dass sich die Regierungen der USAUnited States of America nicht mehr automatisch als Fürsprecher einer raschen Abwicklung der europäischen Imperien gerierten, wie dies – zumindest auf der rhetorischen Ebene – nach dem Zweiten Weltkrieg der Fall gewesen war. Zum einen nämlich kam bereits seit den 1950er-Jahren ozeanischen Besitzungen der westlichen Alliierten im amerikanischen Konzept eine herausgehobene militärstrategische Bedeutung zu. Zum anderen gebot es die auf Eindämmung abzielende Strategie der USAUnited States of America während des Kalten Kriegs, den militärischen und weltanschaulichen Rivalen keine unnötigen Geländegewinne zuzugestehen.
Idylle mit hohem strategischem Wert: Das Atoll Diego Garcia ist Teil der Chagos-Inseln im Indischen Ozean.
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | UncreditedDas Vereinigte Königreich seinerseits suchte seit den späten 1950er-Jahren nach Möglichkeiten, trotz des unvermeidlichen Abschieds vom Empire den weltpolitischen Status des Landes zu bewahren. Deshalb war es auch bereit, den amerikanischen Wunsch nach globalem Burden Sharing zu akzeptieren. Vor diesem Hintergrund fügt sich überdies die Frage nuklearer Teilhabe in die Geschichte der Abtretung von Diego Garcia: Im Dezember 1962 hatte der britische Premierminister Harold Macmillan dem USUnited States-amerikanischen Präsidenten John F. Kennedy bei einem Treffen auf den Bahamas den Verkauf von „Polaris“ Raketen an Großbritannien abgerungen, welche dieses zum Aufbau einer U‑Bootgestützten Nuklearstreitmacht benötigte. Um den Briten die seit etwa 1960 erwogene Übereignung von Diego Garcia schmackhaft zu machen, gewährte die USUnited States-Administration dem finanziell klammen Königreich einen Abschlag von 14 Millionen Dollar auf den Kauf der „Polaris“-Raketen. Die Abtretung von Diego Garcia wurde von beiden Regierungen dann in Form eines diplomatisch niederschwelligen Notenaustausches finalisiert. Sie verzichteten bewusst auf einen Vertrag, der den Parlamenten weiterreichende Informationsund Mitwirkungsrechte eingeräumt hätte.
Das nach Unabhängigkeit strebende Mauritius war 1965 nicht in der Lage, die Angliederung der Chagos-Inseln zu erzwingen, und wurde von Großbritannien mit einem Betrag in Höhe von drei Millionen Pfund für das spätkoloniale Teilungsedikt abgefunden. Drei Jahre später erlangte Mauritius dann seine Unabhängigkeit, nachdem das ehemalige Mutterland im Herbst 1965 aus Teilen von Mauritius und der Seychellen das British Indian Ocean Territory (BIOT) geformt hatte – eines von 14 aktuell noch existierenden Britischen Überseeterritorien. Artikel 111 der Verfassung von Mauritius enthält bis heute den Anspruch, das Chagos-Archipel inklusive Diego Garcia als integralen Bestandteil des eigenen Staatsgebiets zu betrachten. Den Umstand, dass die Sowjetunion ausgerechnet im Jahr der mauritischen Unabhängigkeit erstmals einen Flottenverband in den Indischen Ozean entsandte, konnte man in Washington und London als nachträgliche Rechtfertigung für das eigene Vorgehen verstehen.
Der Entschluss der britischen Regierung, zunächst die Chagos-Inseln von Mauritius und dann Diego Garcia vom Chagos-Archipel zu trennen, fußte auf einem bündnisstrategischen Kalkül und ignorierte dabei die völkerrechtliche Maßgabe, welche eine Aufspaltung kolonialer Territorien im Vorfeld der Erlangung staatlicher Unabhängigkeit untersagte. Da sich der amerikanischbritische Deal jedoch im Windschatten der Öffentlichkeit vollzog und in beiden Staaten drängendere Probleme – wie die schlechte Wirtschaftslage in Großbritannien und der Vietnamkrieg in den USAUnited States of America – die politische Agenda prägten, fand die Regierung von Mauritius anfangs keine Unterstützer in ihrem Protest gegen das spätimperiale Handeln. Dies änderte sich indes, als die britischen Behörden 1967 damit begannen, die Bewohner der Chagos-Inseln aus ihrer Heimat zu verdrängen. Zunächst setzten sie auf eine Taktik der Nadelstiche. So durften Inselbewohner, die sich zu einer medizinischen Behandlung in ein anderes Territorium begeben hatten, nicht mehr in ihre Heimat zurückkehren. Vor Ort wurden die Versorgung mit Nahrungsmitteln eingeschränkt und Haustiere zwangsgeschlachtet. Im Oktober 1971 wurden die letzten Bewohner von Diego Garcia ausgesiedelt, im Mai 1973 verließ der letzte Alteingesessene die Chagos-Inseln. Der anschwellenden Kritik an diesem flagranten Verstoß gegen die Menschenrechte begegnete die Regierung in London mit der Behauptung, die Ausgewiesenen seien Wanderarbeiter gewesen, deren Verträge nun eben abgelaufen seien. Ebenso dreist wie berüchtigt war die Aussage eines britischen Diplomaten, dem zufolge lediglich Möwen das Atoll bewohnten
Die meisten ehemaligen Chagossianer wurden in Mauritius und auf den Seychellen angesiedelt, wo sie – finanziell meist unzureichend abgefunden – zum Teil unter erbärmlichen sozialen Umständen und isoliert von der heimischen Bevölkerung eine neue Existenz aufbauen mussten. Die Verantwortlichen in London und Washington schoben sich gegenseitig die Verantwortung zu: In den USAUnited States of America hielt man zunächst an der Legende von der menschenleeren Inselgruppe fest. Als diese nicht mehr zu verteidigen war, zeigte man mit dem Finger auf die Briten, von denen man das Gebiet schließlich nur gepachtet habe. Die Regierenden in London wiederum beriefen sich auf die Entschädigungszahlungen an Mauritius, womit die Sache aus ihrer Sicht erledigt sei. Anders als in Amerika gelang es den Verantwortlichen in Großbritannien sogar noch 1975, das Erscheinen eines kritischen Zeitschriftenartikels, der das Schicksal der vertriebenen Chagossianer beleuchtete, unter Verweis auf nationale Sicherheitsinteressen zu vereiteln.
Kleine Insel mit großer Bedeutung: Sowohl Afrika, der Nahe und Mittlere Osten sowie Südostasien sind von Diego Garcia aus gut erreichbar.
Bundeswehr / NogliUnterdessen wuchs die militärische Bedeutung von Diego Garcia für die Vereinigten Staaten. Die Lagune bot bis zu dreißig Schiffen der USUnited States Navy Platz, und Mitte der 1970er-Jahre gewährte der USUnited States-Kongress Mittel zur Verlängerung der Landebahn, was es den B-52-Langstreckenbombern erlaubte, von Diego Garcia aus zu operieren. Und im Sommer 1975 entdeckten USUnited States-Spionageflugzeuge sowjetische Militäreinrichtungen im somalischen Berbera, welche eine Gefahr für die USUnited States-Marine am Horn von Afrika darstellten. Der Sturz des proamerikanischen Regimes des Schahs von Persien sowie die sowjetische Invasion Afghanistans im Jahr 1979 erhöhten die strategische Relevanz Diego Garcias für die amerikanischen Streitkräfte weiter, zumal das vom Kreml gestützte Regime des Südjemen die prowestliche Regierung im Nordteil des damals geteilten Landes zu unterminieren versuchte. Der Kalte Krieg hielt also auch die Anrainer des Indischen Ozeans pausenlos in Atem. Unter den Präsidenten Jimmy Carter und Ronald Reagan wurde der Stützpunkt Diego Garcia ausgebaut, um dort eine Flugzeugträgerkampfgruppe und eine schnelle Eingreiftruppe der USUnited States Navy stationieren zu können.
Im Jahr 2000 entschied schließlich der High Court of Justice in London, dass die vertriebenen Bewohner der Chagos-Inseln ein Recht auf Rückkehr hätten. Davon ausgenommen war lediglich Diego Garcia, womit die amerikanischen Sicherheitsinteressen berücksichtigt wurden. Da der nach den Anschlägen vom 11. September 2001 ausgerufene »Krieg gegen den Terror« und die Invasion im Irak 2003 Diego Garcia zu einem zentralen Stützpunkt für die Betankung von Militärflugzeugen machten, verbot die Regierung die Wiederbesiedelung des BIOT. Dieser politisch-juristische Schachzug wurde 2008 und erneut 2016 höchstinstanzlich bestätigt.
Strategische Bedeutung vor Dekolonisierung: Die USUnited States-Regierung widersetze sich jeglichen Bestrebungen das Chagos-Archipel wieder an Mauritius zu übergeben. Die Bedeutung, vor allem als Air Base für die USUnited States-amerikanische Luftwaffe ist schlicht zu groß.
IMAGO/CPA MediaLässt man die Ereignisse der vergangenen sechs Jahrzehnte Revue passieren, mutet die Entscheidung der britischen Regierung vom Herbst 2024, die Souveränität über das Chagos-Archipel an Mauritius zu übertragen, geradezu revolutionär an. Offensichtlich möchte man in London eines der letzten Überbleibsel aus der Zeit des Empire loswerden, das dem Ansehen des Landes zusehends geschadet hat. Der Entschluss lässt sich zudem als Bekenntnis Londons zu regelbasierten internationalen Beziehungen interpretieren – und somit als Abgrenzung gegenüber jenen Mächten, die eine solche Ordnung als illegitime Einschränkung ihrer nationalen Interessen ablehnen. Ausgeschlossen von der britischen Kehrtwende bleibt Diego Garcia. Das USUnited States-Bombardement von Stellungen der Houthi-Rebellen im Jemen Mitte März 2025 und die Verlegung von B‑2‑Tarnkappenbombern dorthin haben abermals die herausragende strategische Bedeutung des Stützpunkts vor Augen geführt. USUnited States-Präsident Donald Trump hat Premierminister Keir Starmer unterdessen grünes Licht für den Deal mit Mauritius gegeben. Schließlich wird sich ja für die Vereinigten Staaten nichts ändern.
Dieser Artikel stammt aus der aktuelle Ausgabe der Zeitschrift „Militärgeschichte“.
Gerhard Altmann, Abschied vom Empire. Die innere Dekolonisation Großbritanniens 1945‑1985, Göttingen 2005.
von Gerhard Altmann