Eine Herkulesaufgabe. 70 Jahre Aufstellung der Teilstreitkräfte der Bundeswehr
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Vor 70 Jahren wurde mit dem Aufbau der westdeutschen Streitkräfte ein Vorhaben eingeleitet, dem die Bundesregierung höchste politische Bedeutung beimaß. Die militärischen Planer in Bonn standen bei der Aufstellung der Teilstreitkräfte Heer, Luftwaffe und Marine unter hohem Druck. Sie mussten möglichst schnell viele Verbände aufstellen.
Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Militärgeschichte“.
Erstes Antreten in Andernach: Bundeskanzler Adenauer (3. v. li.), Verteidigungsminister Blank (1. v. li.) und der spätere Generalinspekteur Heusinger (2. v. li.) schreiten am 23. Januar 1956 eine Formation der ersten Soldaten der Bundeswehr ab.
Bundeswehr / MunkerIm Mai 1955 stellte Bundeskanzler Konrad Adenauer fest: „Die Bundesrepublik Deutschland ist souverän.“ Diese Aussage erscheint bemerkenswert, wenn man bedenkt, dass Deutschland zehn Jahre zuvor eine totale Niederlage erlitten hatte. Deutsche Staatlichkeit existierte nach 1945 zunächst nur noch theoretisch, die alliierten Siegermächte hatten in Gestalt des Kontrollrats die Regierungsgewalt übernommen. 1949 wurde die Bundesrepublik Deutschland gegründet, in vielen Bereichen standen die Entscheidungen der Bundesregierung aber weiterhin unter dem Vorbehalt der Westalliierten USAUnited States of America, Großbritannien und Frankreich.
Adenauers kühne Aussage über die deutsche Souveränität erfolgte im Kontext einer entscheidenden Weichenstellung, die die Außenpolitik der Bundesrepublik bis heute prägt: Der westdeutsche Staat trat 1955 der NATONorth Atlantic Treaty Organization bei. Dieser Schritt war aus Sicht Adenauers Grundlage für die Wiedergewinnung der Souveränität Deutschlands. Neben einer internationalen Aufwertung der Bundesrepublik erhoffte sich die Bundesregierung zudem einen Sicherheitsgewinn durch den Beitritt zum westlichen Bündnis.
Die Westmächte nahmen die Bundesrepublik allerdings nicht ohne Gegenleistung in die NATONorth Atlantic Treaty Organization auf. Seit der Kalte Krieg den europäischen Kontinent teilte, war den militärischen Planern in Washington und im NATONorth Atlantic Treaty Organization-Hauptquartier klar, dass sie der konventionellen Übermacht der Sowjetunion in Europa kaum etwas entgegenzusetzen hatten. Zunächst konnte dieses Ungleichgewicht zwar durch die alleinige USUnited States-amerikanische Verfügungsgewalt über Atomwaffen ausgeglichen werden. Als die Sowjetunion aber 1949 ebenfalls in den Besitz nuklearer Waffen gelangte, war abzusehen, dass ein westlicher Einsatz von Atomwaffen durch nukleare Gegenschläge beantwortet werden würde. Daher versuchte man händeringend, die konventionellen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Streitkräfte in Europa zu stärken, um den Gegner auch mit der Androhung einer wirksamen konventionellen Verteidigung von einem Angriff abschrecken zu können.
Solange wir nicht zur NATONorth Atlantic Treaty Organization gehören, sind wir im Falle eines heißen Krieges zwischen Sowjetrußland und den Vereinigten Staaten das europäische Schlachtfeld [...] und wenn wir in der Atlantikpaktorganisation sind, dann sind wir dieses Schlachtfeld nicht mehr.
In der Folge bot sich die bevölkerungsreiche und wirtschaftlich erstarkende Bundesrepublik als Schlüssel zur Lösung dieses Problems an. Ein rasch aufgestelltes, kampfstarkes westdeutsches Militär sollte die NATONorth Atlantic Treaty Organization bedeutend stärken und deren Mitgliedsstaaten entlasten. Diese Konstellation erklärt den enormen Zeitdruck, unter dem die westdeutschen militärischen Planer nach dem NATONorth Atlantic Treaty Organization-Beitritt standen. Adenauer steckte das Ziel in kaum erreichbare Höhen: „Die Aufstellung der vorgesehenen deutschen Divisionen wird etwa zweieinhalb Jahre in Anspruch nehmen.“
Mit dem Aufbau des neuen westdeutschen Militärs, das den Namen „Bundeswehr“ erhielt, wurde der Anspruch verfolgt, etwas völlig Neues ohne Bezug zu belasteten Traditionen des deutschen Militärs bis 1945 zu schaffen. Konkrete Planungen zum Aufbau der Streitkräfte hatten bereits Ende der 1940er-Jahre mit Billigung der Bundesregierung und der Vereinigten Staaten begonnen. An diesen diskreten Arbeiten waren ehemalige Generale der Wehrmacht wie Adolf Heusinger oder Hans Speidel beteiligt, die später führende Positionen in der Bundeswehr bekleiden sollten. Die Militärplaner standen trotz des Neuanfangs personell nicht vor dem völligen Nichts. Nach Kriegsende 1945 hatte zum Beispiel eine Reihe von deutschen Marinesoldaten ihren militärischen Dienst unter britischer Flagge fortgesetzt, unter anderem zum Zweck der Minenräumung auf See. 1951 war darüber hinaus der Bundesgrenzschutz gegründet worden, der zwar im Hinblick auf Ausrüstung und Personalstärke nicht als Ersatz oder Vorläufer einer regulären Armee bewertet werden kann, aber durchaus militärische Strukturen aufwies. Viele Angehörige dieser Organisationen traten später zur neuaufgestellten Bundeswehr über.
Anfangs erfolgten die Planungen zum Aufbau der westdeutschen Armee noch gar nicht mit Blick auf eine Mitgliedschaft in der NATONorth Atlantic Treaty Organization, sondern im Rahmen der Verhandlungen zum Aufbau einer Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (EVG). Dieses Projekt scheiterte zwar 1954. Die EVG-Verhandlungen waren aber dennoch fruchtbar, da bereits detaillierte, später wieder aufgegriffene Konzepte zum Aufbau der Teilstreitkräfte entwickelt worden waren.
Im Rahmen dieser frühen Planungen deuteten sich bereits klare deutsche Interessen an. Westdeutschland sollte gemäß der Himmeroder Denkschrift von 1950 „soweit ostwärts wie möglich“ mittels einer „beweglichen Kampfführung“ verteidigt werden. Hintergrund waren zum einen Befürchtungen, die potenziellen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner würden erst weit im Westen unter Preisgabe eines großen Teils der Bundesrepublik die Verteidigung gegen den sowjetischen Gegner aufnehmen. In der Tat reichten die konventionellen Streitkräfte der NATONorth Atlantic Treaty Organization vor dem Aufbau der Bundeswehr kaum dazu aus, auch nur die Rhein-Ijssel-Linie zu verteidigen. Zum anderen zeigte sich, dass das Denken der militärischen Planer in Bonn stark von den Anfangserfolgen der deutschen Panzerwaffe im Zweiten Weltkrieg geprägt war. Im Gegensatz zu einem als zu starr und unflexibel eingeschätzten Ansatz der USUnited States-Amerikaner und Briten vertrauten deutsche Offiziere weiterhin und trotz der Niederlage im Zweiten Weltkrieg auf die Überlegenheit beweglicher gepanzerter Verbände. Der Schwerpunkt lag entsprechend in diesem frühen Stadium der Planungen auf dem Heer, während einer westdeutschen Luftwaffe und Marine primär unterstützende Rollen zugedacht wurden.
Von der EVG zur NATONorth Atlantic Treaty Organization: Nachdem die Planungen für eine Europäische Verteidigungsgemeinschaft gescheitert waren, trat die Bundesrepublik 1955 der NATONorth Atlantic Treaty Organization bei und wurde zu einem essenziellen Mitglied, NATONorth Atlantic Treaty Organization-Ministerkonferenz in Bonn, 1956.
1956 Bundeswehr / Archiv-BMVgWährend die Planer im Hinblick auf die bewegliche Kriegführung der Wehrmacht nacheifern wollten, distanzierten sie sich in einem anderen Punkt klar von den vorherigen Streitkräften: Das Verhältnis der Teilstreitkräfte zueinander sollte ohne Reibungsverluste gestaltet werden. Die einzelnen Wehrmachtteile hatten nämlich keiner übergeordneten militärischen Führung unterstanden. Bei Entscheidungsfindungen waren sie von der Gunst Hitlers abhängig gewesen, was eine starke Rivalität der Teilstreitkräfte im Krieg zur Folge gehabt hatte. In der neuen westdeutschen Streitmacht sollten hingegen Heer, Luftwaffe und Marine gemeinsam einem verantwortlichen Inspekteur unterstehen. Nachdem der Beitritt der Bundesrepublik zur NATONorth Atlantic Treaty Organization 1954/55 vereinbart worden war, mussten die deutschen Konzepte zunächst in Einklang mit den Vorgaben des transatlantischen Bündnisses gebracht werden. Da dort im Rahmen der Strategie der „Massiven Vergeltung“ zentral auf den Einsatz von Nuklearwaffen gesetzt wurde, kollidierten die NATONorth Atlantic Treaty Organization-Forderungen mit den deutschen Überlegungen. Die Allianz forderte eine wichtige Rolle einer deutschen Luftwaffe als Träger nuklearer Waffen – die freilich deutscher Kontrolle entzogen sein sollten – und eine größere Betonung der Infanterie im Verhältnis zu Panzerverbänden. Infanterieverbände wurden als geeigneter betrachtet, den Gegner zu einer Konzentration seiner Streitkräfte zu zwingen, um diese dann wiederum mit Atomwaffen zu bekämpfen. Dieser Dissens wurde durch eine Reihe von Kompromisslösungen in den folgenden Jahren entschärft.
Zunächst folgte der Auftakt zum Aufbau der Bundeswehr. Am 12. November 1955 erhielten die ersten 101 Soldaten der neuen westdeutschen Streitkräfte in einer wenig feierlichen Zeremonie ihre Ernennungsurkunden. Dieser Tag gilt bis heute als Geburtsstunde der Bundeswehr. In der Wahrnehmung der damals Verantwortlichen stellte dieser Akt allerdings nur ein aus der Not geborenes, symbolisches Signal an die Öffentlichkeit und die Verbündeten dar, dass es nun endlich voranging. Der spätere Generalinspekteur Adolf Heusinger sah nicht diese „Schaunummer für die Presse“, sondern den Dienstbeginn in den Lehrkompanien der Teilstreitkräfte am 2. Januar 1956 als den eigentlichen Startschuss für die Bundeswehr an. Mit der NATONorth Atlantic Treaty Organization war vereinbart worden, dass das Heer bis 1959 zwölf einsatzbereite Divisionen aufzustellen hatte. Um dieses Ziel zu erreichen, mussten allerdings erhebliche Schwierigkeiten gemeistert werden. Der Bundeswehr gelang es während der zur gleichen Zeit boomenden Konjunktur kaum, genügend Personal zu gewinnen. Das Bundesfinanzministerium sperrte sich gegen starke Erhöhungen des Verteidigungsbudgets. Das größte Problem stellte allerdings der Mangel an Infrastruktur wie Unterkunftsbauten dar, die erst allmählich errichtet wurden. Im Jahr 1957 waren die ersten aufgestellten Divisionen daher stark unterbesetzt, im Mittel umfassten sie tatsächlich nur 40‑60 Prozent des geforderten Personals.
Ursprünglich sollten die Divisionen in der Heeresstruktur 1 starke Panzeranteile aufweisen, dabei waren sie wenig an den Erfordernissen nuklearer Kriegführung orientiert. Bereits 1958 wurde zur Heeresstruktur 2 umgegliedert. Ziel war zum einen eine Annäherung an die Vorstellungen der NATONorth Atlantic Treaty Organization, zum anderen eine Reduzierung des Personalansatzes. Das NATONorth Atlantic Treaty Organization-Hauptquartier hatte unterdessen einen höheren Anteil an Panzerverbänden in den neuen deutschen Divisionen akzeptiert. Im Ergebnis wurde die Anzahl der Kampfpanzer deutlich erhöht, so sollte eine Grenadierdivision nun 216 anstatt vormals nur 72, eine Panzerdivision 270 anstatt vormals 216 Kampfpanzer erhalten. Dafür wurde die Anzahl an Führungs- und Versorgungsfahrzeugen sowie der Personalumfang verringert. In den Jahren 1956/57 wurden im Übrigen die drei deutschen Korps in Münster, Koblenz und Ulm aufgestellt, denen die neuen Divisionen unterstellt werden sollten.
Das Heer im Fokus: Die Bundeswehr hatte großes Interesse daran, starke konventionelle Kampftruppen aufzustellen, um den möglichen Einsatz von Nuklearwaffen zu begrenzen.
Bundeswehr / BundeswehrAnfang 1956 musste Verteidigungsminister Theodor Blank die ursprünglich der Allianz versprochene Zahl von 605 000 Soldaten auf 500 000 verringern. Im Herbst des Jahres wurde Blank durch Franz Josef Strauß ersetzt. Ende 1956 musste Strauß der NATONorth Atlantic Treaty Organization gegenüber sogar erklären, dass man vorerst nur noch einen Personalumfang von 350 000 Soldaten anstrebe. Ab 1957 nahm der Aufbau der Bundeswehr unter diesen realistischeren Bedingungen dann wirklich Fahrt auf. Im selben Jahr wurde die sogenannte Strategie der „Massiven Vergeltung“, die den massiven und unterschiedslosen Einsatz von Nuklearwaffen vorsah, zugunsten konventioneller Elemente aufgeweicht. Das Ziel, insgesamt zwölf Divisionen aufzustellen, blieb dennoch weiterhin bestehen. Entsprechend mussten die Divisionsstärken herabgesetzt und kreative Lösungen gefunden werden. So wurden eine Gebirgsjäger- und eine Fallschirmjägerdivision aufgestellt, die ursprünglich lediglich als Brigaden konzipiert worden waren. Franz Josef Strauß berichtet in seinen Erinnerungen, dass ein Generalstabsoffizier, der im Januar 1957 bei einem Vortrag von einer „Gebirgsbrigade“ gesprochen habe, von Generalleutnant Speidel mit dem Hinweis unterbrochen worden sei, es handle sich nun um eine Division. Der Offizier habe pflichtgemäß geantwortet: „Dann haben wir in Garmisch nicht mehr die 101. Gebirgsjägerbrigade, sondern die 1. Gebirgsdivision!“ Hierbei handelte es sich um Planungen, die wiederum nur teilweise umgesetzt wurden.
Da der Aufbau des Heeres unter hohem Zeitdruck stattfand, war in den ersten Jahren nicht an eine Ausstattung mit eigens für dessen Bedürfnisse entwickelten Rüstungsgütern zu denken. Vielmehr musste man das Wehrmaterial erwerben, das bereits verfügbar war. Daher wurde zum Großteil Altmaterial der USUnited States-Amerikaner und Briten, wie der Kampfpanzer M 47, übernommen. Die Folge war ein umfangreicher und teils veralteter Waffenmix. Ein großer Teil des Heeres war Ende der 1950er-Jahre somit zwar auf dem Papier aufgestellt, an seiner Einsatzbereitschaft bestanden allerdings ernsthafte Zweifel.
Wie dargestellt bestand zwischen der Bundeswehrführung und der NATONorth Atlantic Treaty Organization ein Dissens hinsichtlich der Rolle von Atomwaffen in einem künftigen Krieg. Während die westdeutschen Militärplaner, die meist heeresgeprägt waren, für ein stärkeres Gewicht auf konventionelle Kräfte plädierten, spielten nukleare Waffen in den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Konzepten eine größere Rolle. Konventionellen Truppen kamen hier eher defensive Aufgaben zu. Hier darf allerdings nicht unerwähnt bleiben, dass diese Frage auch in den Vereinigten Staaten oder Großbritannien keineswegs unumstritten war. Die Luftwaffe stand im Zentrum der Auseinandersetzung, da sie als primärer Träger von Atomwaffen fungieren würde.
Ursprünglich war für die bundesdeutschen Luftstreitkräfte eine eher konventionelle Rolle vorgesehen. Entsprechend war zunächst geplant, eine Luftwaffe aufzustellen, die vor allem aus Jagdflugzeugen und Jagdbombern bestehen sollte. Im Herbst 1956 wies das NATOHauptquartier aber eine Änderung der Konzeption an. Die deutsche Luftwaffe sollte in die atomare Kriegführung der Allianz integriert werden. Folglich wurden mehr Jagdbomber mit nuklearem Kampfauftrag und weniger Jagdflugzeuge gefordert. Dies war durchaus im Sinne der Luftwaffenführung, da sie so größeres politisches Gewicht im Gegensatz zum Heer erhielt. Die Rivalität zwischen den Teilstreitkräften lebte also auch in der Bundeswehr fort; der Generalinspekteur hatte Mühe, zu vermitteln. Im Übrigen war der zweite Bundesverteidigungsminister, Franz Josef Strauß, ein Fürsprecher einer starken nuklearen Rolle der Luftstreitkräfte, da er sich für die Bundesregierung hierdurch ein größeres Mitspracherecht in der NATONorth Atlantic Treaty Organization erhoffte.
Geschätzt und gefürchtet: Der Wert der leistungsfähigen F-104 wurde durch zahlreiche Abstürze mit Todesfolge geschmälert.
Bundeswehr / SiwikMit der nuklearen Bewaffnung einher ging auch eine deutlich stärkere Verflechtung der Luftwaffe mit den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Strukturen, hier insbesondere mit dem USUnited States-amerikanischen Verbündeten, als dies bei den anderen Teilstreitkräften der Fall war. Ab 1957 wurde die Luftwaffe voll in die taktisch-atomare Verteidigungsplanung der NATONorth Atlantic Treaty Organization integriert. Im Hinblick auf Einsatzplanung und Kriegführung hob sie sich in der Folge immer mehr von Heer und Marine ab. Ein Beispiel sind die „pre-planned missions“ für Piloten nuklear bestückter Jagdbomber, die eine konsequente Übernahme der USUnited States-amerikanischen Befehlstaktik erforderten. Die Luftwaffe kann im Übrigen auch militärkulturell als die am stärksten amerikanisierte Teilstreitkraft gelten. Dazu trug etwa bei, dass ein Großteil der Ausbildung vieler Luftwaffensoldaten in den USAUnited States of America erfolgte. Die Luftstreitkräfte wurden, ebenso wie das Heer, unter enormem Zeitdruck aufgestellt. Auch sie konnten die überhöhten Forderungen kaum erfüllen. Folglich forcierte die Luftwaffenführung um den damaligen Inspekteur Generalleutnant Josef Kammhuber eine Konzentration auf nuklear bewaffnete Offensivkräfte. Damit einher gehen sollte eine Vernachlässigung der Luftverteidigung. Grundlage dieses Konzepts war der Umstand, dass die Mittel der NATONorth Atlantic Treaty Organization ohnehin nicht ausreichten, um den eigenen Luftraum gegen die überlegenen Luftflotten des Gegners zu schützen. Daher strebten die Militärplaner an, die feindlichen Offensivkräfte auf deren Territorium mittels Atomwaffen auszuschalten.
Hinsichtlich der Flugabwehr favorisierte die Luftwaffe mit Blick auf die begrenzten Ressourcen, wenn schon eine flächendeckende Verteidigung des Bundesgebiets nicht möglich war, einen starken „missile belt“ entlang des Eisernen Vorhangs. Die NATONorth Atlantic Treaty Organization priorisierte allerdings den Schutz der atomar bewaffneten Bomberverbände weiter westlich. Wie so oft resultierte daraus ein Kompromiss: Entlang der Grenze wurden schwächere Luftverteidigungseinheiten stationiert, während stärkere die sensiblen Flugplätze im Westen schützen sollten. Ähnlich wie das Heer übernahm auch die Luftwaffe anfangs Wehrmaterial der Verbündeten, da eigene Entwicklungen nicht verfügbar waren. Den größten Teil machten 450 Jagdbomber vom Typ F‑84F aus den USAUnited States of America sowie 225 Jagdflugzeuge des Typs F‑86 aus Kanada aus. Zwar verfügte die Luftwaffe bald über genügend Flugzeuge, aufgrund des Personalmangels jedoch nicht über eine ausreichende Zahl Piloten.
An den Auseinandersetzungen bezüglich der Rolle nuklearer beziehungsweise konventioneller Streitkräfte war die Marine eher weniger beteiligt. Die Aufgaben der westdeutschen Seestreitkräfte lagen nämlich von Beginn an im konventionellen Bereich, dies sollte sich im Grundsatz in den folgenden Jahrzehnten nicht ändern. Den Schwerpunkt der frühen Marineplanungen bildete die Ostsee. Absicht war es in erster Linie, im Kriegsfall die Ostseeausgänge zu sichern und feindlichen Schiffsverkehr in dem Binnenmeer zu unterbinden. Damit einher ging gemäß vom Mai 1958 die Aufgabe, amphibische Landungsversuche des Gegners abzuwehren.
In der Ostsee sah man sich, genau wie an Land, mit einer überwältigenden numerischen Überlegenheit des Gegners konfrontiert, ganz besonders im Bereich der Marineflieger. Die Marineführung beurteilte die Lage für ihren Bereich allerdings noch düsterer als das Heer für seinen, denn keine der verbündeten Seestreitkräfte verfügte über ausreichend kleinere und bewegliche Fahrzeuge, die für den Einsatzraum Ostsee angepasst waren. Folglich würde die aufzustellende Bundesmarine im Baltischen Meer zunächst praktisch auf sich allein gestellt sein.
Zentraler Baustein für eine flexible schwimmende Verteidigung: Die Marine beschaffte frühzeitig Schnellboote zum Einsatz vor allem in der Ostsee.
Bundeswehr / BaumannZur Bewältigung ihrer Aufgaben plante die Marineführung, auf kleinere Seekriegsmittel wie Schnell- und U‑Boote zurückzugreifen. Da diese aber als verletzlich und im Fall der Schnellboote als zu wetterabhängig eingeschätzt wurden, sollten ihnen Zerstörer zur Seite gestellt werden. Auch westdeutsche Marineflieger spielten eine wichtige Rolle in den Planungen: Sie sollten eigenen schwimmenden Einheiten Jagdschutz gewähren, gegnerische Verbände angreifen sowie aufklären. Der erste Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Friedrich Ruge, gab analog zu den Plänen des Heeres auf dem Festland für die Ostsee die Losung aus, die Verteidigung möglichst weit vorne aufzunehmen. Jütland und die angrenzenden Gebiete seien aufgrund ihrer Flankenstellung für die Abwehr eines sowjetischen Angriffs auf Mitteleuropa von so großer Bedeutung, dass man in der Ostsee rasch mit eigenen offensiven Operationen beginnen müsse. Hinsichtlich der Nordsee beschränkten sich die Marineplaner darauf, mittels Zerstörern, Fregatten und U‑Booten dazu beizutragen, die eigenen Nachschubwege zu sichern. Sowohl in der Ost- als auch in der Nordsee sollte die Marine darüber hinaus in der Lage sein, Minen zu legen. Eine direkte Beteiligung an Geleitzügen auf dem Atlantik war noch nicht vorgesehen.
Wie Heer und Luftwaffe musste auch die Marine zunächst auf von den Verbündeten überlassenes Wehrmaterial zurückgreifen. Die Vereinigten Staaten übergaben der Bundesrepublik zum Beispiel in den Jahren 1958 bis 1960 sechs Zerstörer der „Fletcher«-Klass“, die unter den Namen Zerstörer 1 bis Zerstörer 6 in der Bundesmarine Dienst taten. Die ersten Schnellboote konnte man vom britischen „Baltic Fishery Protection Service“ übernehmen, in dessen Dienst deutsche Marinesoldaten bereits vor Gründung der Bundeswehr unter anderem Aufklärung in der Ostsee betrieben hatten. 1961 waren bereits 31 Schnellboote zugelaufen. Wie die anderen Teilstreitkräfte litt die Marine allerdings unter Personalmangel.
Ab Mitte der 1960er-Jahre trat die Bundeswehr in eine Phase der Konsolidierung ein, nachdem die Anfangsschwierigkeiten überwunden waren und die politischen Zielforderungen realistischer wurden. 1965 konnte das Heer die 12. Panzerdivision in Dienst stellen, damit war eine erste Wegmarke auf dem Papier erreicht. Der Aufbau war allerdings noch lange nicht abgeschlossen, denn die Schwierigkeiten in den Bereichen Personal, Material, Finanzen und Infrastruktur blieben teilweise bestehen. Die ab Ende der 1950er-Jahre absehbare Änderung der Bündnisstrategie hin zur stärkeren Betonung konventioneller Kriegführung („Flexible Response“) machte darüber hinaus wieder einen Wandel der Konzeption der Teilstreitkräfte notwendig.
Konsolidierung: Im Beisein des Inspekteur des Heeres, Ulrich de Maizière, und Verteidigungsminister Kai-Uwe von Hassel rollt im September 1965 der erste Panzer "Leopard 1" in München vom Band.
1965 Bundeswehr / IMZ-BildarchivVor allem im materiellen Bereich trat ab 1960 eine deutliche Verbesserung ein, da sich die westdeutsche Rüstungsindustrie zu etablieren begann. So stellte das Gewehr G3 einen qualitativen Fortschritt zu seinen Vorgängermodellen dar. Mit dem „Leopard 1“ wurde ab 1965/66 der erste größtenteils in der Bundesrepublik entwickelte Kampfpanzer an die Bundeswehr ausgeliefert. Darüber hinaus konnte auch höherwertiges Gerät aus dem Ausland in Lizenz gefertigt und weiterentwickelt werden. Ein Beispiel ist der von der Luftwaffe und Marine genutzte Lockheed F‑104 „Starfighter“. Dieser machte auch deutlich, wie stark einzelne Entscheidungen wie Rüstungsbeschaffungen von der Bündnisstrategie abhängig waren: Das ursprünglich als Abfangjäger konstruierte Luftfahrzeug sollte als nuklear bestückter Jagdbomber sowie als Jäger und Aufklärer, also als Mehrzweckkampfflugzeug eingesetzt werden. Auf diese Weise wollte die Luftwaffe mit nur einem Flugzeug sowohl nuklearen als auch konventionellen Aufgaben nachkommen können. Die daraus resultierende hohe Komplexität und ständige technische Änderungen des „Starfighters“ trugen zu zahlreichen Unfällen bei, die im medialen Echo als „Starfighter-Affäre“ bekannt wurden.
Wurden mit der Aufstellung der Teilstreitkräfte der Bundeswehr die hochgesteckten Ziele der Politik erreicht? Wie so häufig lautet die Antwort: teilweise ja, teilweise nein. Für die Alliierten brachte der Aufbau der westdeutschen Streitkräfte zweifellos eine Entlastung. In den folgenden Jahren konnten einige NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner ihre Streitkräfte in Deutschland reduzieren. Starke Kontingente mehrerer Alliierter blieben aber weiterhin bis Anfang der 1990er-Jahre dort stationiert. Die Bundesrepublik war Mitte der 1960er-Jahre noch lange nicht vollständig souverän, mit dem politischen Gewicht eigener Streitkräfte und der Vertretung in den NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gremien war sie diesem Ziel aber einen großen Schritt nähergekommen. Als Beleg für einen Sicherheitsgewinn mag gelten, dass die Sowjetunion und ihre Verbündeten niemals das Territorium der Bundesrepublik angriffen – die Abschreckung zeigte Wirkung und die Bundeswehr hatte ihren militärpolitischen Zweck trotz aller Startschwierigkeiten erfüllt.
Martin Rink, Die Bundeswehr 1950/55‑1989, Berlin 2015.
von Mischa Bose