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ZMG 2/2026

Seeschlacht ohne Sieger Die Skagerrakschlacht am 31. Mai 1916

Seeschlacht ohne Sieger Die Skagerrakschlacht am 31. Mai 1916

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250 Kriegsschiffe trafen am 31. Mai 1916 vor dem Skagerrak aufeinander. In einem Gefecht mit dramatischen Verlusten kämpften die Royal Navy und die Kaiserliche Marine stundenlang mit ihren Flotten gegeneinander. Noch heute studieren viele Marinen diese Seeschlacht, die zu den größten der Geschichte zählt, um aus ihr Lehren für die Gegenwart zu ziehen.

Skagerrakschlacht, deutscher Flottenverband

Wendung in der Linie: Deutsche Einheiten stoßen vor der Skagerrakschlacht in die Nordsee.

BArch, Bild 183-R10843 / o.Ang.

Zweitgrößte Flotte der Welt 

Seit 1898 war im Deutschen Reich die zweitgrößte Flotte der Welt aufgebaut worden. Gemäß der sogenannten Risikotheorie sollte sie die größte der Welt, diejenige Großbritanniens, von einem Krieg mit dem Reich abschrecken. Doch das Konzept versagte 1914 mit der britischen Kriegserklärung. Während die deutschen Armeen im Ersten Weltkrieg an der Ost- und vor allem an der Westfront horrende Verluste erlitten, blieben die Schlachtschiffe der Hochseeflotte weitestgehend passiv, denn die Briten vermieden eine Schlacht. Sie verfolgten das Konzept der „fleet in being“, das heißt, sie schützten die britischen Seeinteressen von ihren Stützpunkten in Schottland aus und schnitten das Reich mit einer Seeblockade vom Fernhandel ab. Sowohl die deutschen Versuche, durch den Beschuss der britischen Küste Ende 1914 die Briten zur Schlacht zu bewegen, als auch der darauffolgende Handelskrieg mit U-Booten scheiterten – Letzterer am Protest der neutralen USA. 

Portrait von Vizeadmiral Reinhard Scheer

Vizeadmiral Reinhard Scheer, Chef der deutschen Hochseeflotte

BArch Bild 146-1968-021-38/O. Ang.

Der im Januar 1916 neu ernannte Chef der Hochseeflotte, Vizeadmiral Reinhard Scheer, plante, die fast doppelt so starke „Grand Fleet“ mit aktiven Vorstößen in die Nordsee zu locken. Wenn sie nicht mit voller Stärke antreten würde, bestünden in einer Schlacht zumindest Chancen auf deutsche Teilerfolge. Den Gegner in Stücken bekämpfen — so lässt sich der Plan vereinfacht zusammenfassen. Doch auf britischer Seite hatte man einen wesentlichen Trumpf in der Hand: Der „Room 40“, die nachrichtendienstliche Abteilung zur Entschlüsselung von Funksprüchen in der Admiralität in London, besaß mehrere deutsche Funkschlüssel und Codebücher und konnte deshalb die deutschen Funksprüche abfangen und mitlesen. Für Ende Mai plante Vizeadmiral Scheer einen Vorstoß in die Nordsee. Dafür setze er die gesamte Hochseeflotte ein. Um 2 Uhr in der Nacht zum 31. Mai 1916 liefen aus Wilhelmshaven zuerst die fünf Schlachtkreuzer der I. Aufklärungsgruppe mit 16 Knoten in Richtung Skagerrak nach Norden. Der Befehlshaber der Aufklärungskräfte, Vizeadmiral Franz Hipper, hatte seine Flagge auf dem Schlachtkreuzer „Lützow“ gesetzt. Die II. Aufklärungsgruppe folgte mit drei Kleinen Kreuzern sowie 30 Torpedobooten. 

Portrait von Franz Hipper in Uniform, der seitlich ernst aus dem Bild schaut.

Vizeadmiral Franz Hipper, Befehlshaber der deutschen Aufklärungskräfte

BArch, Bild 134-B3267/o. Ang.

Anderthalb Stunden später verließ die Hochseeflotte mit 16 Schlachtschiffen unter dem Kommando von Scheer die Jade. Begleitet wurde sie von der IV. Aufklärungsgruppe mit sechs Kleinen Kreuzern sowie 31 Torpedobooten. Weitere sechs ältere Schlachtschiffe trafen von der Elbmündung kommend um 5 Uhr mit der Schlachtflotte zusammen. Aber im „Room 40“ wusste man bereits von Scheers Vorstoß. Deshalb war auch die „Grand Fleet“ unter Admiral John Jellicoe bereits in See gestochen. Vizeadmiral David Beatty operierte mit seinen Schlachtkreuzern vor dem britischen Gros und suchte die deutsche Hochseeflotte. Die Royal Navy sah die einmalige Chance, mit ihren 28 modernen Schlachtschiffen des Dreadnought-Typs und 9 Schlachtkreuzern nun ihrerseits die deutsche Flotte zu schlagen. Die Falle war gespannt – so dachten sowohl Scheer als auch Jellicoe.

Gefecht der Schlachtkreuzer

Portrait von Vizeadmiral David Beatty

Vizeadmiral David Beatty, Kommandeur der britischen Schlachtkreuzerflotte

BArch, Bild 134 B3267/o. Ang.

Am Nachmittag trafen die aufklärenden deutschen Kreuzer auf den britischen Aufklärungs- und Sicherungsschirm. Kurz vor 16:29 Uhr sichtete Hipper Beattys Schlachtkreuzer. Die deutschen Schiffe eröffneten zwanzig Minuten später das Feuer auf eine Entfernung von etwa 13 Kilometern. Als die beiden Linien der deutschen Schlachtkreuzer zum Angriff übergingen, begann ein Duell mit ihren Counterparts in der britischen Linie. Bald verringerte sich die Entfernung zwischen den Schiffen auf etwa zwölf Kilometer, sodass die mittlere Schiffsartillerie eingreifen konnte. Beide Flottenchefs wussten nun von der Vorhut des Gegners. Scheer hoffte, die britischen Schlachtkreuzer auf seine Geschwader ziehen und versenken zu können, und Jellicoe musste auf Beattys Kontakt mit den deutschen Schlachtschiffen warten, um wiederum die Hochseeflotte zur „Grand Fleet“ zu ziehen. 

Es folgten die ersten Verluste im Gefecht. Um 17:06 Uhr zerriss nach einem Treffer eine katastrophale Explosion die HMS „Indefatigable“. Beatty drehte ab, während die vier Schlachtschiffe der „Queen-Elizabeth“-Klasse des britischen 5. Schlachtgeschwaders eintrafen und eingriffen. Zwanzig Minuten später riss eine Explosion auch die HMS „Queen Mary“ in zwei Teile. Kurz darauf griffen sowohl britische als auch deutsche Zerstörer die gegnerischen Linien mit Torpedos an. Die führenden deutschen Schlachtschiffe waren um 18:00 Uhr in Reichweite und nahmen das Gefecht auf. Beatty wendete seine Schiffe nach Norden, um die deutsche Flotte in die Richtung von Jellicoe zu´ziehen. Hipper folgte ihm, da er nicht ahnte, was ihn erwartete.

Das Hauptgefecht

Im Lauf des Abends wurde die Sicht immer schlechter. Gegen 19 Uhr näherten sich Beattys Kräfte der „Grand Fleet“. Das deckende Feuer von Beattys Schiffen zwang Hipper, seine Schlachtkreuzer vorübergehend nach Südwesten zurückzuziehen. Scheer hatte erwogen, sich vor Einsetzen der Dunkelheit zurückzuziehen. Doch jetzt sichteten seine führenden Schlachtschiffe die „Grand Fleet“. Jellicoe hatte das „Crossing-the-T“-Manöver erfolgreich vorbereitet. Seine Schiffe standen mit ihren Breitseiten dem Bug der deutschen Schiffe gegenüber, sodass die Briten alle Geschütze und die Deutschen nur ihre vorderen Rohre einsetzen konnten. Scheer saß in der Falle. Weil die britischen Schiffe schneller als seine waren, hätte er bei einer Flucht die langsameren älteren Schlachtschiffe geopfert, oder seine neueren Schlachtschiffe und Schlachtkreuzer wären zur Deckung des Rückzugs dem überwältigenden britischen Feuer ausgesetzt gewesen. Stattdessen befahl Scheer um 18:37 Uhr eine Gefechtskehrtwendung nach Steuerbord. Das bedeutet: Alle Schiffe der Flotte drehten auf einmal um 180 Grad nach Steuerbord und die Formation fuhr in die entgegengesetzte Richtung nach Südwesten davon. 

Hippers schwer angeschlagene Schiffe bekamen dadurch etwas Luft. Die Ungewissheit über die genaue Position und den Kurs von Scheers Schiffen veranlasste Admiral Jellicoe, seine Schiffe nach Osten zu wenden. Das hielt er für den wahrscheinlichen Weg des deutschen Rückzugs. Die deutsche Flotte steuerte nun jedoch nach Westen. Um 19:55 Uhr befahl Scheer eine zweite Gefechtskehrtwendung, die seine Schiffe wieder auf das Zentrum der britischen Flotte richtete, da Jellicoe in der Zwischenzeit mit seinen schnelleren Schiffen nach Süden eingeschwenkt war. Die deutsche Flotte geriet erneut unter heftigen Beschuss durch die britische Linie, und Scheer schickte seine Schlachtkreuzer mit hoher Geschwindigkeit auf die britische Flotte zu, um deren Formation zu stören und Zeit für den Rückzug seiner Hauptstreitmacht zu gewinnen. Kurz darauf zog sich die deutsche Flotte mit einer dritten Gefechtskehrtwendung, gedeckt von einem Torpedobootangriff, nochmals nach Südwesten zurück. Jellicoe steuerte weiter nach Süden, wollte ein Nachtgefecht aber auf jeden Fall vermeiden, während Scheer, ohne es zu wissen, auf fast parallelem Kurs blieb. Scheer musste mit seinen angeschlagenen Schiffen angesichts der britischen Übermacht unbedingt ein neues Taggefecht vermeiden, um die deutsche Hochseeflotte zu retten. Das hieß, er musste sich vom Feind lösen.

Die Nachtgefechte

sich die deutsche Flotte erneut, aber in umgekehrter Reihenfolge. Kurz nach 21 Uhr trafen die leichten Kräfte wieder auf die Briten. Infolge des Geschützfeuers lenkte Beatty seine Schlachtkreuzer nach Westen. Wenige Minuten später sichtete er die deutschen Schlachtkreuzer und eröffnete das Feuer. Beatty zwang das führende deutsche I. Geschwader, nach Westen abzudrehen, um einen Zusammenstoß zu vermeiden. Dies brachte das langsamere deutsche II. Geschwader direkt hinter die Schlachtkreuzer und hinderte die britischen Schiffe daran, die deutschen Schlachtkreuzer zu verfolgen, als diese nach Süden abdrehten. Die britischen Schlachtkreuzer richteten ihr Feuer nun auf die alten Linienschiffe, worauf die Hochseeflotte nach Südwesten abdrehte, um mit allen Geschützen wirken zu können. 

Skagerrakschlacht, Briten, HMS "Chester"

Durchschuss: Der britische Kreuzer HMS "Chester" wurde in der Skagerrakschlacht schwer beschädigt.

BArch, Bild 183-S11955 / o.Ang

Langsam setzte die Nacht ein — ein Artilleriegefecht konnte also nur noch auf kurze Entfernungen mit Scheinwerfern geführt werden. Es entstand eine chaotische Gefechtssituation, in der es fast unmöglich war, Freund von Feind zu unterscheiden. Jede Kontaktaufnahme mit einem unbekannten Schiff konnte einen selbst verraten. Während der Nachtkämpfe kam es zwar zu vielen unerwarteten Begegnungen und Verlusten, aber im Durcheinander der Nacht gelang den Deutschen der unerkannte Durchbruch nach Süden in Richtung Horns Riff, westlich des dänischen Esbjerg, und damit der Befreiungsschlag. Scheer brachte die angeschlagene Hochseeflotte sicher nach Wilhelmshaven zurück. Viele deutsche Schiffe hatten schwere Gefechtsschäden erlitten und waren nicht sicher, solange sich der Feind noch einmal nähern konnte. Mehrere Schiffe, wie die „Seydlitz“, konnten den Anschluss an die Flotte nicht halten. Nach mehr als einem Tag in See waren die Besatzungen beider Seiten erschöpft, aber auch froh, das Inferno überlebt zu haben. Von all dem, was um sie herum geschah, bekamen die meisten Besatzungen kaum etwas mit. Sie verrichteten im Inneren der Schiffe ihren Dienst, ohne Blick nach draußen oder auf eine Karte. Sie waren Teil eines Maschinenkrieges und bedienten die Armaturen der Stahlkolosse, heizten die Kessel oder bedienten die Waffen. Der Tod und das Leid kamen plötzlich und ohne Warnung. 

Kollektiverinnerungen und Seekriegsgeschichte

Portrait von Admiral John Rushworth Jellicoe

Admiral John Rushworth Jellicoe, Befehlshaber der "Grand Fleet"

BArch, Bild 134-C1815/o.Ang,

In der Skagerrakschlacht sanken auf deutscher Seite der Schlachtkreuzer „Lützow“, das Schlachtschiff „Pommern“, vier Kleine Kreuzer und fünf Torpedoboote, auf britischer Seite die drei Schlachtkreuzer HMS „Indefatigable“, HMS „Invincible“ und HMS „Queen Mary“, drei Panzerkreuzer und acht Zerstörer. Dabei sind 2551 deutsche und 6094 britische Seeleute gefallen. Obwohl die britischen Verluste doppelt so hoch wie die deutschen waren, kann nicht von einem deutschen Sieg gesprochen werden. Die taktische Leistung Scheers änderte nichts an der strategischen Situation in der Nordsee. Ungehindert konnte die Royal Navy auch weiterhin ihre Blockade gegen Deutschland aufrechterhalten. Während Scheer für seine Leistung gefeiert wurde, musste Jellicoe harsche Kritik ertragen und gab später das Kommando über die „Grand Fleet“ an Beatty ab. Die Skagerrakschlacht ist eine der größten Schlachten der Seekriegsgeschichte sowie die größte zwischen Schlachtschiffen und hat sich fest in die Kollektiverinnerungen beider Marinen eingeschrieben.

Dieser Beitrag stammt aus der Ausgabe 2/2026 der Zeitschrift „Militärgeschichte“.

Literaturtipps

Christian Jentzsch, Christian und Jann Markus Witt, Der Seekrieg 1914‑1918. Die Kaiserliche Marine im Ersten Weltkrieg, Darmstadt 2016.

Skagerrakschlacht. Vorgeschichte – Ereignis – Verarbeitung. Im Auftrag des MGFA hrsg. von Michael Epkenhans, Jörg Hillmann und Frank Nägler, München 2009.

von Christian Jentzsch

Seeschlacht ohne Sieger Die Skagerrakschlacht am 31. Mai 1916

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