Unsichtbare Gefahr. Die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986
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Vor 40 Jahren ereignete sich eine Katastrophe mit weltweiten Auswirkungen: Im Kernkraftwerk von Tschernobyl kam es zu einer Kernschmelze. Während die sowjetische Führung zunächst versuchte, das Ausmaß des Unfalls zu vertuschen, schlugen bald Messstellen rund um den Globus Alarm. Bis heute ist die Region ein radioaktiv verseuchtes Sperrgebiet.
Symbol des Schreckens: In Prypjat finden sich noch heute Hinweise auf die enge Verbindung mit dem nahe gelegenen Kernkraftwerk Tschernobyl. In Prypjat, 1970 als Wohnort für die Arbeiter des Kraftwerks gegründet, lebten 1986 ca. 50.000 Menschen.
picture alliance / ZUMAPRESS.com26. April 1986, 01:23 Uhr: Tiefste Nacht umgibt die Stadt Prypjat in Norden der damals noch sowjetischen Ukraine und das nahegelegene Atomkraftwerk von Tschernobyl (ukr. Tschornobyl), als eine heftige Detonation der nächtlichen Ruhe und dem bisherigen Leben in der Stadt ein Ende bereitet. Während die Bewohner Prypjats aus dem Schlaf gerissen werden, springen im Kontrollraum des vierten Blocks von Tschernobyl die Lämpchen, welche die Radioaktivitätslevel anzeigen, von Grün auf warnendes Rot. Der Reaktorblock ist soeben explodiert.
Obwohl die Ursachen für die Explosion bis heute nicht vollständig geklärt sind, wird eine Kombination aus technischen Mängeln des Reaktors und menschlichem Versagen für den Unfall verantwortlich gemacht. Ein Sicherheitstest sollte zeigen, ob der Reaktor im Fall einer geringen Leistung noch ausreichend Energie produzieren würde. Als die Techniker während der Überprüfung die Wasserzufuhr zum Reaktor drosselten, fiel dessen Leistung jedoch zunächst sehr stark und stieg dann innerhalb von Sekunden schlagartig an – der Reaktor überhitzte. Eine Reihe unvorhergesehener Reaktionen führte in der Folge zum Unglück.
Das ganze Ausmaß der Katastrophe: Der Fotograf Igor Kostin hielt die Zerstörungen, die durch das Reaktorunglück von Tschernobyl entstanden, als einer der Wenigen unmittelbar im Anschluss fotografisch fest.
akg-images / TT News Agency /Der explodierte Reaktorkern setzte Unmengen an Radioaktivität in die Umwelt frei. Die Katastrophe entfaltete ihr gesamtes Ausmaß jedoch erst in den folgenden Wochen und Monaten, in denen Tschernobyl zum Sperrgebiet erklärt und Zehntausende aus der Region evakuiert wurden. Ein Großteil der Schäden war dabei für das bloße Auge unsichtbar. Der Fotograf Igor Kostin war einer der wenigen, die das Geschehen unmittelbar nach dem Unglück für die Außenwelt festhielten. Und doch zeigen seine Bilder des zerstörten Reaktors nur die direkt sichtbare Dimension der Katastrophe. Die weit folgenreichere und langlebigere Gefahr ist auf den Bildern nur sekundär wahrnehmbar: die radioaktive Strahlung. Sie zeigt sich in Form der in Schutzkleidung gehüllten Helfer, oder noch indirekter in der durch die Radioaktivität verursachten schlechten Qualität des Bildmaterials.
Bei der Beseitigung der Folgen der Katastrophe fiel dem Militär eine entscheidende Rolle zu. Aus allen Regionen der Sowjetunion wurde militärisches Personal zusammengezogen, das als Teil der „Liquidatoren“ die entstandenen Schäden beseitigen („liquidieren“) sollte. Insgesamt kamen in Tschernobyl zwischen 600.000 und 800.000 dieser „Liquidatoren“ zum Einsatz. Während fast alle später schwer erkrankten, sind präzise Angaben zu den Todesfällen bis heute umstritten.
Zu den Aufgaben der „Liquidatoren“ zählten unter anderem unmittelbare Aufräumarbeiten, der Bau von Versorgungsstraßen, die Durchführung von Evakuierungsmaßnahmen und das Arbeiten an der ersten Schutzhülle des Reaktors. Ausgestattet waren sie in der Regel nur mit rudimentärer Schutzkleidung, teilweise schlicht mit den regulären Militäruniformen. Wie gefährlich die Aufgabe war, ahnte kaum einer der Eingesetzten. Eine der heikelsten Arbeiten bestand in den Aufräumarbeiten auf dem Dach der dritten Reaktoreinheit. Teile des vierten Reaktorkerns waren bei der Explosion hierher geschleudert worden. Angesichts der exorbitant hohen Strahlungswerte versagte selbst die Technik hochentwickelter Mondroboter. So blieb letztlich nur der Einsatz von Menschen, die auch als „Bioroboter“ bezeichnet wurden, für diese Arbeiten. Die „Liquidatoren“ arbeiteten in Zweierteams. Lediglich etwa 90 Sekunden durften sie aufgrund der hohen Strahlung auf dem Dach verbringen. Dies genügte zumeist nur, um eine einzige Schaufel radioaktiven Materials über den Dachvorsprung zu werfen. 3828 Männer führten im Herbst 1986 über zwölf Tage diese gefährlichen Arbeiten aus.
Die Sowjetunion bemühte sich, das schwere Unglück so lange wie möglich vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Auch diese Aussage steckt in dem Bild Igor Kostins, das als eines der wenigen unmittelbaren bildlichen Zeugnisse die Katastrophe darstellt und die restriktive Bildpolitik der Sowjetunion deutlich werden lässt. Doch letztlich gelang es nicht, das Unglück von Tschernobyl zu verheimlichen. Die radioaktive Wolke verbreitete sich unaufhaltsam und zog bis nach Nord- und Mitteleuropa. In Schweden schlugen die Messstationen zuerst Alarm. In der Bundesrepublik Deutschland und weltweit löste die Nachricht der sich ausbreitenden radioaktiven Wolke „Atomangst“ in der Bevölkerung aus.
Globale Auswirkungen: In der Bundesrepublik wurden Fahrzeuge, die aus Osteuropa einreisten, dekontaminiert, um die Ausbreitung der Radioaktivität einzudämmen, hier im Mai 1986 an der innerdeutschen Grenze nahe Herleshausen.
picture alliance / ASSOCIATED PRESSDie sowjetische Führung unter Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow geriet durch das Unglück von Tschernobyl international massiv unter Druck. Obwohl sie sich zunächst in üblicher Form bemühte, die Ereignisse herunterzuspielen und zu vertuschen, trugen die Vorfälle um Tschernobyl letztlich zu einem Umdenken innerhalb der sowjetischen Führungsriege und zur Durchsetzung der Politik von „Glasnost“ (Transparenz) und „Perestroika“ (Umgestaltung) bei. Damit kann „Tschernobyl“ auch als Teil des Ursachenkomplexes gewertet werden, der letztlich zum Zerfall der Sowjetunion bis 1991 führte.
von Cornelia Juliane Grosse