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Veranstaltungsbericht

Panzer: Regelmäßig totgesagt und dennoch unsterblich

Gastredner Ralf Raths vom Panzermuseum Munster verdeutlichte im Quartalsvortrag „Mal wieder tot? Die Obsoleszenz des Panzers von der Westfront bis in die Ukraine“ die über 100-jährige Geschichte der Infragestellung des Panzers vom Ersten Weltkrieg bis heute. Leben Totgesagte länger?

Experte für Panzer

Ralf Raths, Wissenschaftlicher Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster

Bundeswehr/Andrea Nimpsch

Panzer kombinieren geballte Feuerkraft und Rundumsicht. Das ermöglicht es ihnen, sich in umkämpften Gebieten und schwerem Gelände schnell und geschützt zu bewegen. Panzer sind zu einem Synonym für das Militär schlechthin geworden; sie faszinieren fortwährend eine breite Öffentlichkeit. So belegte beispielsweise die Netflix-Produktion „Der Tiger“ im Januar 2025 in gleich 28 Ländern den ersten Platz der meistgesehenen Filme. Mit diesem überraschenden Faktum begrüßte der Kommandeur des ZMSBw, Oberst Dr. Frank Hagemann, den Referenten des ersten Quartalsvortrags im Jahr 2026, den Wissenschaftlichen Direktor des Deutschen Panzermuseums Munster, Ralf Raths. Der Panzer sei „ein Klassiker der Militärgeschichte“, so Hagemann, der dem Gastredner gleich eine „unbequeme“ Frage stellte: „Ist das Rückgrat landgestützter Operationen vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Ukrainekrieges ein Auslaufmodell?“

Zu teuer und wenig wirkungsvoll

Zum ersten Mal totgesagt wurde das Waffensystem Panzer gleich nach seiner Geburt im April 1917. Es war die deutsche Führung, so Ralf Raths, die den neuen mobilen Waffen im erstarrten Grabenkrieg der Westfront keine Zukunft zugestand. Zu teuer, zu langsam, zu leicht angreifbar und zu wenig wirkungsvoll, befanden die Militärs. In der Folge wurde in Deutschland, im Gegensatz zur Entente, bis zum Kriegsende auf die Produktion größerer Panzermengen verzichtet: „Die erste Totsagung ‚des Panzers‘ ist also binnen eines halben Jahres da“, so Raths. Der deutschen Erkenntnis schlossen sich bald nach der Kapitulation des Kaiserreichs die vormaligen Kriegsgegner England, Frankreich und USA an. Der Grabenkrieg sei eine „historische Anomalie“ und der Panzer deren „Freak“ gewesen, so das zeitgenössische Urteil: „Die Umstände, die ihn hervorgebracht haben, waren eine Ausnahme und es ist nicht wahrscheinlich, dass sie noch einmal auftreten“, so Sir Louis Jackson, von 1915 bis 1918 Direktor of Trench Warfare und Supplies am britischen Ministry of Munitions.

Mann in Uniform am Rednerpult

Der Kommandeur des ZMSBw, Oberst Dr. Frank Hagemann, bei der Begrüßung des Referenten Ralf Raths und des Publikums

Bundeswehr/Andrea Nimpsch

Pferd oder Panzer?

Bis zum Zweiten Weltkrieg sollten sich Zweifler und Befürworter des Panzers die Waage halten. Das Pferd als zentraler weil beweglicher Waffenträger spielte im fachmilitärischen Diskurs wieder eine große operative Rolle. Hauptargumente gegen den Panzer waren jetzt seine Kosten, seine Treibstoffabhängigkeit, vor allem aber seine Verwundbarkeit. So hätten noch am Vorabend des neuen Weltkriegs der italienische Abessinienkrieg 1935/36, die Schlacht von Schanghai 1937 und der spanische Bürgerkrieg dem zeitgenössischen Diskurs um Pro und Contra Panzer „das Ende der Panzerangriffe“ attestiert, so Raths. Selbst Heinz Guderian, das spätere Symbolgesicht der deutschen Panzerwaffe, urteilte noch 1938 unentschieden: „Die Meinungen über Kampfwert und Kampfverfahren der Panzer gehen weiter auseinander denn je.“ Im Zusammenprall von Kavallerie versus Panzer auf dem polnischen Schlachtfeld schließlich wurde die Diskussion des Zwischenkriegs eindeutig für den Panzer entschieden, vorerst zumindest.

Katalytisches Ereignis

Der Beginn des Nuklearzeitalters Ende der 1940-er Jahre sorgte rasch für die Rückkehr der Diskussion um den Panzer. Bei der Aufstellung der Bundeswehr ab 1955 nahm die Frage, ob Panzer angeschafft werden sollten, darum einen breiten Raum bei den politischen Entscheidungsträgern ein, wie Raths ausführt. So plädierte der erste Verteidigungsminister Theodor Blank pro Panzer: „Noch immer ist Mitteleuropa trotz westlicher Atomüberlegenheit in Gefahr, von sowjetischen Panzern überrollt zu werden“, indes der SPD-Abgeordnete Fritz Erler urteilte: „Die Konzeption von Armeen aus Millionen Männern, die Erdkämpfe austragen, ist überholt.“ Der Dschungelkrieg in Vietnam, spätestens der Jom-Kippur-Krieg 1973 schienen diese Position nachgerade zu bestätigen. Erstmals wurden Lenkraketen auf israelische Panzer aus sicherer Entfernung abgeschossen, die 400 bis 600 mm Panzerstahl durchschlugen. Sie lösten die überkommenen Hohlladungen mit ihrer Durchschlagskraft von nur 100 bis 150 mm ab. Im Vortrag bezeichnete Ralf Raths Jom Kippur darum als „katalytisches Ereignis“, das in seiner Dimension mit dem Drohneneinsatz gegen Panzer im Ukrainekrieg vergleichbar sei. Damals habe es „starke Stimmen sowohl in der Fachwelt als auch in der Öffentlichkeit gegeben, die den Panzer nach Jom Kippur für tot hielten.“ Entsprechend sei das öffentliche Meinungsbild gewesen: „Die Effektivität der Panzerabwehrlenkwaffe Sagger und der Panzerbüchse RPG-7 wurde direkt nach dem Krieg von 1973 in beinahe mythischen Dimensionen beschrieben.“

Jeder Stuhl war besetzt

Vollbesetzter Zuschauerraum im ZMSBw

Bundeswehr/Andrea Nimpsch

Panzer und Drohnen

Jom Kippur jedoch beerdigte den Panzer mitnichten, sondern wirkte als Katalysator für die Weiterentwicklung des Waffensystems: „Die israelische Armee entwickelte schnell Verfahrensweisen, um auf die neue Bedrohung zu reagieren.“ Die zäsurale Erfahrung hinterließ sogar einen sprachlichen Fußabdruck: „Besatzungen amerikanischer gepanzerter Gefechtsfahrzeuge übten den sogenannten Sagger-Drill – eine Mischung aus verschiedenen Maßnahmen, die Nebel und abwechselnde Bewegungen umfassten, um zu erzwingen, dass der Lenkschütze das Ziel aus der Sicht verlor.“ Am Ende des Kalten Krieges hatte der Panzer sämtliche Infragestellungen eines Dreivierteljahrhunderts durch seine permanente Weiterentwicklung überlebt. Erst jetzt, in den 1990-er Jahren, sorgte die Annahme des Endes aller Staatenkriege für sein Beinahe-Aus: „Viele Staaten reduzierten daher ihre Panzerbestände drastisch – um 30, 50, 90 und in seltenen Fällen sogar 100 Prozent“, so Raths. Die Geschichte kehrte mit dem Ukrainekrieg jedoch zurück. Eine Massenwirkung erzielten vor allem „endlose Youtube-Videos von Panzern, die von Drohnen zerstört werden“. Raths weiter: „Besuchende unseres Museums stellen uns immer wieder die gleiche Frage: Warum teure Panzer, wenn billige Drohnen alles kaputtmachen?“ Mit Verweis auf die dargestellte Genese des Panzers sei das aber nur „der immer gleiche Diskurs“, wie er schon nach dem Grabenkrieg, dem Beginn des Nuklearzeitalters und dem Jom-Kippur-Krieg geführt worden sei.

Formwandler Panzer

Ignorieren würden die Video-Bilder zum Beispiel, dass Drohnen kein Gelände nehmen oder halten könnten. Dafür bräuchte man nach wie vor etwas, was „physisch Kraft nach vorne bringt“. Panzer spielten hier nach wie vor eine wichtige Rolle, beispielsweise in der vorsichtigen Annäherung, die den schnellen Durchbruch ersetzt habe: „Der Panzer ist ein Formwandler, der sich mit jeder neuen Situation, die seine Totsagung auslöst, verändert“, so der Panzerspezialist. Raths benennt konkrete technische Veränderungen wie Jamming, multispektrale Tarnung, Nebel und Störkörper, die Übertragung der Soft-Kill-Fähigkeit des Panzers gegen Lenkflugkörper auf Drohnen, die Panzeraufdickung oder spezialisierte Panzerung nach oben bis hin zum Einsparen der Turmkonstruktion: „Die nächste Iteration ‚des Panzers‘ könnte für diese Aufgaben ein Revival des Kasemattpanzers sein, überzogen mit diversen Hard- und Soft-Kill-Systemen, einer neuen Top-Panzerung, ausgestattet mit Jammern, multispektralem Nebel und signaturmindernder Formgebung und Camouflage.“ Aus alledem sowie einer Fülle weiterer Aspekte sei es „hochplausibel, dass der Panzer in einer veränderten, möglicherweise stark veränderten Form bestehen bleibt“, so sein Schlussfazit.

Drei Experten diskutieren

Podiumsdiskussion: Dr. habil. Markus Pöhlmann (li.), Moderator Prof. Dr. Dr. Alaric Searle (Mitte), Ralf Raths (re.)

Bundeswehr/Andrea Nimpsch

Dramatische Krise

Dem schloss sich Dr. habil. Markus Pöhlmann, Leiter des Forschungsbereiches „Einsatz“ am ZMSBw, in der anschließenden Podiumsdiskussion an. Immer wieder hätte es „Phasen gegeben, in denen Panzer, wie wir sie uns vorstellen, am Ende ihrer Entwicklungsmöglichkeiten angekommen“ seien. Durch den Ukrainekrieg sei der Panzer darum keineswegs „tot“, wohl aber in einer „Krise mit dramatischem Wendepunkt“, bedingt durch „neue Formen der Bedrohung oder die Auswirkung von KI“. Der Autor des Werkes „Der Panzer und die Mechanisierung des Krieges. Eine deutsche Geschichte 1890 bis 1945“ prognostizierte: „Wir werden in 20 Jahren noch Panzer auf dem Hof stehen haben, in 50 aber wahrscheinlich nicht.“

von Gerrit Reichert

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