Society for the History of War: Konferenz am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr
Geschichtswissenschaft- Datum:
- Ort:
- Potsdam
- Lesedauer:
- 6 MIN
Am 27. und 28. November 2025 fand die diesjährige Konferenz der Society for the History of War (SHoWSociety for the History of War) statt. Das internationale Forum bringt seit vielen Jahren Forschende aus Militär-, Sozial- und Kulturgeschichte zusammen. Gastgeber waren das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) und die Universität Potsdam als zentraler Kooperationspartner der SHoWSociety for the History of War.
Etwa 110 Teilnehmer und Teilnehmerinnen kamen um neueste Forschungsergebnisse zu diskutieren und dem begeisterten Publikum zu präsentieren. Christoph Nübel (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) sprach zur amerikanischen Prägung westdeutscher Militärorganisationen.
Bundeswehr/BesserRund 110 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus mehr als 60 Institutionen weltweit waren zusammengekommen, um unter dem Rahmenthema „Cultures of War and Violence“ neueste Forschungsergebnisse zu diskutieren und dem begeisterten Publikum zu präsentieren. Wie jedes Jahr war auch diesmal die Konferenz von Vielseitigkeit geprägt: Am ersten Tag konnte zwischen parallel stattfindenden Panels mit unterschiedlicher thematischer Schwerpunktsetzung gewählt werden. Die räumliche und thematische Aufteilung ermöglichte es den Teilnehmenden, je nach Interesse flexibel zwischen verschiedensten Vorträgen zu wechseln.
Prof. Yael Sternhell von der Tel Aviv University, mit dem Vortrag "Rethinking the Battle Reports of the American Civil War: Intention, Meaning and Manipulation in the Official Records"
Bundeswehr/BesserEine tiefere Einsicht in die Möglichkeiten digitaler Methoden gaben die Panels zum Amerikanischen Bürgerkrieg. Yael Sternhell (Tel Aviv University) analysierte in „Rethinking the Battle Reports“ die strategische Nutzung und Manipulation von Gefechtsberichten und zeigte datenbasiert, wie sehr diese zum Teil propagandistisch geprägt waren. David Gleeson (Northumbria University) stellte in „Beyond Digitization“ neue Machine-Learning-Ansätze vor, um die sozialen Muster im Bürgerkrieg sichtbar zu machen. Andrew Fialka (Middle Tennessee State University) demonstrierte die Potenziale GIS-basierter Kartierungen zur Visualisierung räumlicher Konfliktdynamiken. Diese eindrucksvollen Beispiele innovativer Forschungsmethoden erweitern die historische Forschung um völlig neue Dimensionen.
Auf dem parallelen Panel „The Influence of the United States“ sprachen unter anderem Krzysztof Siwek zur USUnited States-Kultur in ostmitteleuropäischen Konflikten und Christoph Nübel (ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr) zur amerikanischen Prägung westdeutscher Militärorganisationen. Ein weiteres Panel war überschrieben mit: „Cultures of War and the British Empire“, wo etwa Matilda Greig (National Army Museum) mit einer Analyse britischer Tapferkeitsvorstellungen aufwartete.
William Sheehan (Moderator), the Open University, und rechts seine Referentin: Matilda Greig, National Army Museum, UKM, zum Thema: "The Victoria Cross and the Culture of Bravery in the British Army in the 1850s"
Bundeswehr/BesserEin Höhepunkt des ersten Tages waren die Beiträge zur irischen Revolutions- und Bürgerkriegszeit. So offerierte Susan Byrne (Trinity College Dublin) in ihrem Vortrag „Living through Turbulent Times“ die Memorien einer irischen Frau über den Osteraufstand 1916 und den Ersten Weltkrieg und die damit verbunden sozialen Unruhen. Anne Dolan (Trinity College Dublin) legte in „Violence and the Everyday in Ireland, 1919–23“ dar, wie trotz vergleichsweise geringer Opferzahlen die Alltäglichkeit der Gewalt zu einem perfiden Terror führte. Dies spiegelte sich auch in den Berichten der Ärzte und Polizisten wider, welche die Opfer häufig persönlich kannten. Gregory Walls (Trinity College Dublin) fragte in „Anything at All Might Occur“, wie sich die Gewalt nach 1923 fortsetzte. Dabei zeigte sich, dass politische Motive oft lediglich als Deckmantel für lokale Auseinandersetzungen fungierten. Zugleich bildeten sie nur einen Teil der vielfältigen Alltagssorgen der Menschen.
Das Panel „Sighs, Sounds and Soldiers of Misfortune“ befasste sich mit mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Kriegs- und Klangkulturen. Eindrücklich war der Vortrag von Martin Clauss (TUTechnische Universität Chemnitz) über die akustischen Dimensionen vormoderner Schlachten („The Sound of Battle“). Das Panel „Indonesian War of Independence“ widmete sich der kolonialen Gewalt, etwa in den Beiträgen von Rémy Limpach (Netherlands Institute of Military History) und Azarja Harmanny (Nederlands Instituut voor Militaire Historie).
Das Panel „Indonesian War of Independence“ widmete sich der kolonialen Gewalt
Bundeswehr/BesserMehrere Beiträge erinnerten daran, dass (militär-)historische Forschung in einem langen intellektuellen Traditionszusammenhang steht. So stellten Anne Brinkmann (University of Lincoln) und Helene Olsen (Royal Danish Defence College) in „Beyond Bullets and Memories“ vor, wie historische Fallstudien genutzt werden können, um moderne Führungsprinzipien und NATONorth Atlantic Treaty Organization-Doktrin zu vermitteln. Lukas Milevski (Leiden University) diskutierte in „Thucydides, Triumphalist History“ kritisch die verbreitete Annahme zeitloser strategischer Lehren des Thukydides. Luca Domizio (Universität Genua) zeigte anhand frühneuzeitlicher Militärtraktate, wie Praxis, Erfahrung und Technologien des Druckgewerbes die Entstehung oder vielmehr die Verbreitung militärischen Wissens beförderten. Die Vorträge machten deutlich, dass grundlegende Fragen zu Theorie, Zufall und taktischer Anpassung schon seit Jahrhunderten verhandelt werden. Zur gleichen Zeit wurden in anderen Panels Fragen der Veteranenversorgung in kolonialen Imperien diskutiert, etwa im Beitrag von Dónal Hassett (Maynooth University) zur Versorgung verwundeter französischer Soldaten. Ein weiteres Panel widmete sich den Diensten „in fremden Armeen“. Hier trug etwa Fraser Raeburn (University of Amsterdam) vor. Er referierte über ausländische Freiwillige und ihre politischen Motivationen, in fremde Streitkräfte einzutreten.
Luca Domizio (Universität Genua) zur Entstehung militärischen Wissens in der Frühen Neuzeit.
Bundeswehr/BesserMit großem Interesse verfolgten die Teilnehmer der Veranstaltung mehrere Vorträge zur italienischen Kriegs- und Besatzungsgeschichte. Mariella Terzoli (Centre d'Histoire of Sciences Po) schilderte in „Church, State, and War“ die widersprüchliche Rolle der katholischen Kirche während der alliierten Bombardierungen im Zweiten Weltkrieg. Während der Vatikan anfangs noch mit der Regierung Mussolinis kooperierte und großflächig den Zivilschutz organisierte, wuchs das Misstrauen mit der Zeit kontinuierlich an. Anna La Grange (Universität Potsdam) präsentierte in „Violence, Resistance, and International Law“ die komplizierte Interaktion zwischen italienischen Partisanen und südafrikanischen Soldaten; beide Akteure dokumentierten Kriegsverbrechen der jeweils anderen Seite. Federico Cormaci (Universitäten Florenz/Siena) stellte anschließend mit dem Beispiel des Xitta-Zwischenfalls im April 1944 eindrücklich vor, wie Notlage, Besatzungsalltag und Verwaltungsschwäche in einen tödlichen Konflikt endeten. Dabei zeigte sich auch, wie schwierig es für die Alliierten war, militärische Disziplin, politische Rücksichten und zivile Sichtweisen unter einen Hut zu bringen.
Im Panel „Extremely Bloody and Incredibly Close“ wurden die spanische Kolonialgeschichte und die Kriege in Marokko behandelt. Hervorzuheben ist hier der Vortrag von Gemma Torres (University of Barcelona) über militärische Männlichkeitsentwürfe im spanischen Afrikanismus. Die Vortragenden des Panels „Regulating and Reinforcing Violence“ analysierten die institutionalisierte Gewalt der japanischen Armee, etwa Kelly Maddox (Freie Universität Berlin) die militärische Rechtsprechung im Asien-Pazifik-Krieg.
Die räumliche und thematische Aufteilung ermöglichte es den Teilnehmenden, je nach Interesse flexibel zwischen verschiedensten Vorträgen zu wechseln.
Bundeswehr/NimpschVorträge zu globalen Dimensionen militärischer Gewalt versammelte insbesondere das Panel zu kolonialen Praktiken. Lauren Cochrane (University of Exeter) zeigte, dass die britische Verwaltung in Kenia Fotografie gezielt für Propagandazwecke nutzte. Auf diese Weise sollten sowohl die heimische Öffentlichkeit als auch die koloniale Bevölkerung ideologisch beeinflusst werden. Weitere Fallstudien vertieften diese transnationalen Perspektiven. Dawid Madziar (University of Silesia) untersuchte polnische Soldaten im Dienst Frankreichs während des Spanienfeldzugs Napoleons (1808–1813). Sie trafen dort auf eine unerwartet brutale Kriegführung und entwickelten zugleich neue patriotische Identitäten. Martin Hubley (Department of National Defence, Canada) wertete aus, wie kanadische Freiwillige im Special Operations Executive (SOE) rekrutiert wurden. Etliche, die beispielsweise einen italienischen Migrationshintergrund besaßen, wurden aufgrund ihrer Sprachkenntnisse und politischen Erfahrungen für verdeckte Operationen ausgewählt.
Die Konferen bot vielfältige Impulse und präsentierte akutelle Forschungsergebnisse zur Militärgeschichte
Bundeswehr/BesserDie Staatsbildung im Baltikum wurde auf dem Panel „War, Violence and State Building“ diskutiert. Ein Beispiel hierfür war der Beitrag von Ēriks Jēkabsons (University of Latvia) zum Unabhängigkeitskrieg Lettlands. In einem weiteren Parallelpanel stand die italienische Militärkultur im 20. Jahrhundert im Fokus, etwa in Eleanor Hancocks (University of New South Wales) Vortrag über die beiden Achseninvasionen Griechenlands 1940–1941. Damit endete der erste Konferenztag. Die Veranstaltung wurde am nächsten Tag in den Räumen der Universität Potsdam fortgesetzt.
Die SHoWSociety for the History of War-Konferenz 2025 hat eindrucksvoll gezeigt, wie lebendig und international vernetzt die militärgeschichtliche Forschung heute ist. Die Kombination aus digitalen Methoden, globalen Perspektiven, Alltags- und Gewaltgeschichte sowie theoriehistorischen Reflexionen machte die Tagung zu einem Forum, das weit über einzelne Fallstudien hinausreichte. Für jede Perspektive der Militärgeschichte bot die Konferenz spannende Impulse und aktuelle Forschungsergebnisse.
von Adrian LindVorträge, Work-Shops und Tagungen am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr