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Veranstaltungsbericht

Kolonialkriege in Ostafrika

Die koloniale Vergangenheit Deutschlands ist allgegenwärtig, dennoch rücken die konkreten Auswirkungen kolonialer Kriege selten in den Fokus. Am 28. Januar 2025 diskutierten Maike Schimanowski und Tanja Bührer über das Thema auf der Buchpräsentation „Kolonialkriege in Ostafrika 1885–1914“ im Humboldt Forum Berlin.

Rundbühne mit Zuschauern

Die Rundbühne ist das "Gästezimmer" des Humboldt Forums in Berlin und lädt zum Zuhören und Diskutieren ein

Bundeswehr/Annette Besser

Synergien zweier Häuser

Zu Beginn begrüßte Prof. Dr. Hartmut Dorgerloh, Generalintendant und Vorstandsvorsitzender der Stiftung Humboldt Forum im Berliner Schloss, die Gäste. Er bedankte sich beim ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, das durch die Buchpräsentation und die Diskussion über das Thema „koloniale Gewalt“ einen Beitrag zur Ausstellung „Geschichte(n) Tansanias“ des Humboldt Forums beisteuere. Der Kommandeur des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, Oberst Dr. Frank Hagemann, bekräftigte die Synergien beider Häuser und verortete die deutschen Kolonialkriege als wichtige Forschungsfacette des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Ein erstes Ergebnis sei das Buch „Kolonialkriege in Ostafrika 1885–1914“ in der Reihe „Kriege der Moderne“ des Reclam-Verlags.

Lange Zeit war die Beteiligung des Militärs in der deutschen Kolonialpolitik ein Forschungsdesiderat gewesen. „Ein gewisses historisches Bewusstsein für unsere Verantwortung ist gewachsen, aber man erlebt an dieser Debatte, dass noch sehr viele Emotionen im Spiel sind und auch vieles noch nicht so verstanden und bekannt ist, wie es eigentlich sein sollte“, so Oberst Dr. Hagemann. Jetzt habe Prof. Dr. Tanja Bührer mit dem vorzustellenden Buch ihre Expertise zu den ehemaligen deutschen Kolonien eingebracht, eine „fundierte Darstellung und differenzierte Bewertung, die es den Bürgern ermöglicht, sich eine Meinung zu bilden“, so Hagemann abschließend.

„Schutzbrief“ als Startschuss für Aneignung

Auf der Rundbühne des Humboldt Forums diskutierten Tanja Bührer selbst sowie die Co-Kuration der „Geschichte(n) Tansanias“, Maike Schimanowski. Dr. Frank Reichherzer, Historiker am ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, moderierte die Diskussion. Sie begann mit einer Verortung und Beschreibung Ostafrikas. Die Handelsrouten der ostafrikanischen (Küsten-)Bevölkerungen etwa reichten, begünstigt durch Monsunwinde, bis nach China. Auch weit ins Landesinnere nach Uganda und in den Kongo reichte ein Netz von Verbindungen. Politische Macht entwickelte sich entlang dieser Routen. Die Swahili-Kultur und die Swahili-Sprache seien Ausdruck dieser langen Geschichte von Austausch und Hybridität.

In diese vielseitige und prosperierende Region mit ihren mehr als 120 Bevölkerungsgruppen wirkten die Berliner Afrika-Konferenzen von 1884/1885. Ergebnis der Konferenzen war vor allem die Entwicklung eines gemeinsamen Mindsets des Hochimperialismus. Koloniale Streitigkeiten sollten geregelt und vom europäischen Geschehen abgekoppelt werden. Die Souveränität der afrikanischen Reiche und politischen Einheiten anerkannten die europäischen Mächte nicht, sodass den Bevölkerungsgruppen kein völkerrechtlicher Schutz zugestanden wurde; das schloss auch die Anwendung der Haager Landkriegsordnung aus. Der 1895 von Kaiser Wilhelm II. ausgestellte „Schutzbrief“ für Ostafrika war schließlich der Startschuss für die gewaltsame Aneignung des Landes. Militärexpeditionen etablierten zunächst eine Kolonialarmee unter deutscher Führung mit afrikanischen Soldaten, die das Land immer wieder mit Gewalt überzogen, die genozidale Ausmaße annahm.

Keine „Cultural Belongings“ ohne Einverständnis  

Die Menschen in Ostafrika leisteten Widerstand gegen die Gewalt der deutschen Besatzer. Dieser gipfelte zwischen 1905 und 1908 nach einjähriger Vorbereitung in den Maji-Maji-Kriegen. Maji-Maji war ein Kult, der verschiedene Bevölkerungsgruppen einte und die koloniale Politik des „Teile und herrsche“ sowie das Instrumentalisieren bestehender Konflikte innerhalb der Gemeinschaften unterlief. Die deutschen Kolonialtruppen schlugen diese Aufstände nieder und überzogen das Land mit der Politik der verbrannten Erde, was zu einer jahrelangen und weit über das Ende der Kämpfe hinausgehenden Hungersnot mit schätzungsweise 250.000 bis 300.000 Toten führte.

Während der ganzen Zeit eigneten sich die „Kolonialherren“ Kulturgüter, in Fachkreisen: „Cultural Belongings“, an, die 10.200 Inventarnummern im Depot des Ethnologischen Museums umfassen. Bei 80 Prozent davon geht das Team der Kuratorinnen und Kuratoren davon aus, dass sie gewaltsam angeeignet wurden. „Wir haben gesagt, ohne informiertes Einverständnis werden wir keine originalen ‚Cultural Belongings‘ in dieses Haus [das Humboldt Forum] stellen“, so Maike Schimanowski. Sie reiste über 11.000 km quer durchs Land, um Vertrauen aufzubauen und das Einverständnis der Communities einzuholen. Bei Stücken, die Tabus unterlagen, nutzen die Kurator*innen alternative Präsentationen. Der Wunsch der Communities nach Rückgabe der Gegenstände nach dem Ende der Ausstellung war hoch und Bedingung für eine Zustimmung zur öffentlichen Präsentation.

Nach der Diskussion hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen an das Panel stellen. Der Abend endete mit einem Steh-Empfang und einem vertiefenden Austausch zur kolonialen Vergangenheit Deutschlands.
 

von Philipp Janssen

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