Das Memelland (lit. Klaipėdos kraštas) – Grenzraum baltischer Konfliktgeschichte
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Die Geschichte des Memellandes im litauischen Grenzgebiet zum Kaliningrader Oblast lässt sich nur vor dem Hintergrund der tiefgreifenden Umbrüche im Baltikum verstehen.
Historische Ereignisse in Kartenansicht
Bundeswehr/Andrea NimpschMit dem Zerfall der Imperien zum Ende des Ersten Weltkriegs – insbesondere des Deutschen Reiches und des Russischen Reiches – entstand eine neue politische Ordnung, in der die Staaten Litauen, Lettland und Estland um ihre nationale Konsolidierung und internationale Anerkennung rangen. In diesem Spannungsfeld zwischen nationalen Ansprüchen, ethnischer Vielfalt und den Interessen der Großmächte entwickelte sich die besondere Stellung des Memellandes, das zu einem exemplarischen Schauplatz konkurrierender territorialer, politischer und kultureller Vorstellungen im Baltikum wurde.
Das Memelland liegt nördlich des Flusses Nemunas (dt. Memel), ist etwa 140 km lang, bis zu 20 km breit und umfasst auch Teile der nördlichen kurischen Nehrung (lit. Kuršių nerija). Ehemals lange Zeit ein Grenz- und Streitgebiet ohne feste territoriale Zugehörigkeit, wurde das Memelland 1422 mit dem Frieden von Melnosee dauerhaft dem Deutschen Orden zugesprochen und damit Teil des späteren Ostpreußen. Größte Stadt war vor 1914 die Hafenstadt Memel (lit. Klaipėda) mit damals rund 21.500 Einwohnern.
Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs trennte der Vertrag von Versailles 1919 das ostpreußische Memelland vom Deutschen Reich ab. Im Anschluss an den Abzug der deutschen Truppen im Februar 1920 wurde das Gebiet im Auftrag des Völkerbundes unter französische Aufsicht gestellt und als „Territoire de Memel“ von französischen Truppen – einem Bataillon Chasseurs Alpins – besetzt. So entstand ein Verwaltungsgebiet, dessen Zukunft nach den Vertragsbestimmungen offen blieb und den alliierten Mächten zur Entscheidung überlassen wurde.
Die Litauer sahen die Franzosen vor allem als Sachwalter der Interessen Polens, mit dem Frankreich verbündet war. Die im März 1922 vom polnischen Parlament beschlossene Annexion der bereits seit 1920 polnisch besetzten litauischen Hauptstadt Vilnius (dt. Wilna) mit ihrem Umland, ohne dass der Völkerbund dagegen eingeschritten wäre, war ein deutliches Warnsignal. Die litauische Regierung fürchtete, dass Polen die Memelfrage ebenfalls durch eine Annexion in seinem Sinne lösen könnte. Auch für die deutsche Regierung schien die Gefahr, dass das Gebiet an Polen fallen und damit Ostpreußen polnisch umzingeln würde, ungleich größer.
Es ist umstritten, ob General Hans von Seeckt als Chef der Heeresleitung im Winter 1922 litauischen Unterhändlern ein deutsches Stillhalten im Falle einer Besetzung in Aussicht stellte. Sicher ist, dass es über den litauischen Gesandten in Berlin, Jurgis Šaulys, Signale gab, dass angesichts der Gefahr aus Polen auch aus deutscher Sicht Handlungsdruck entstand. Unbestritten ist zudem, dass aus dem Deutschen Reich 1500 Gewehre und fünf Maschinengewehre nebst Munition zur Bewaffnung paramilitärischer litauischer Kräfte verkauft wurden.
Die baltischen Staaten seit 1918/19
Bundeswehr/Bernd NogliSo marschierten im Januar 1923 455 Angehörige paramilitärischer litauischer Schützenverbände und 624 litauische Soldaten, die ihre Uniformen bei Grenzübertritt gegen Zivilkleidung mit Armbinden „Freiwilliger Kleinlitauens“ tauschten, in das Memelland ein. Damit sollte der Eindruck erweckt werden, dass es sich um einen Aufstand der lokalen litauischen Bevölkerung handelte. Der Zeitpunkt erwies sich als günstig, denn zeitgleich waren die Franzosen im Rheinland gebunden. Im Memelland leisteten die französischen Kräfte, 200 Soldaten nebst 150 örtlichen Polizisten, kaum Widerstand und verließen mit dem Schiff, das ihnen Verstärkung bringen sollte, Ende Januar das Land.
Das Gebiet wurde daraufhin im Februar 1923 in die junge Republik Litauen eingegliedert und erhielt als autonomer Landesteil eigene Institutionen mit einer eigenen Volksvertretung unter Gleichberechtigung der deutschen und litauischen Sprache. Die Hafenstadt Klaipėda wurde zum wirtschaftlichen Zentrum, doch die deutsche Bevölkerung blieb mehrheitlich prägend. Die Autonomie führte immer wieder zu Konflikten zwischen litauischer Zentralmacht und deutschnationalen Kräften. Anfang der 1920er-Jahre lebten dort 140.000 Bewohner, die sich 1925 bei einer litauischen Umfrage von der Volkszugehörigkeit her zu rund 40 Prozent als deutsch, rund 30 Prozent als litauisch und rund 25 Prozent als „memelländisch“ bezeichneten. Mit der Memelkonvention vom Mai 1924 wurde das Memelland auch völkerrechtsgültig Teil Litauens.
Im März 1939, kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs, nutzte das Großdeutsche Reich die internationale Spannungslage, um Litauen ultimativ zur „freundschaftlichen Rückgabe“ des Memellandes aufzufordern, andernfalls werde die deutsche Wehrmacht nach Litauen einmarschieren. Litauische Sondierungen bei den Westmächten blieben erfolglos, das Memelland musste abgetreten werden und deutsche Truppen zogen ein. Die darauf folgenden Kriegsjahre brachten Repressionen, Vertreibungen und schließlich die Flucht vieler Bewohner angesichts der herannahenden Roten Armee.
Nach 1945 gehörte das Memelland zunächst zum Oblast Kaliningrad und wurde später im Jahr 1948 Teil der Litauischen Sozialistischen Sowjetrepublik. Alle baltischen Staaten wurden wieder der Sowjetunion angegliedert; Stalin hatte Litauen bereits 1940 zeitweilig annektiert. Die vormalige deutsche Bevölkerung wurde fast vollzählig ausgewiesen oder durfte nicht zurückkehren. Unter sowjetischer Herrschaft hatte die Region keine Autonomie. Erst mit der erneuten Unabhängigkeit Litauens 1990/91 endete diese Phase der Fremdbestimmung der Litauer. Das Klaipėdos kraštas wurde nun ein integraler Bestandteil des wiederentstandenen unabhängigen litauischen Staates.
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von Martin DustKarten oder Grafiken zur Militärgeschichte mit erklärenden Texten zum Download.