Die GIUK-Lücke: Seegebiet zwischen Grönland, Island und Großbritannien
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Die in der NATO-Terminologie sogenannte „GIUK-Lücke“ bezeichnet eine gedachte Linie zwischen Grönland, Island und Großbritannien (United Kingdom), die mit der Dänemarkstraße und dem Seegebiet zwischen Island und Schottland zwei zentrale Verbindungswege zwischen Nordatlantik und Europäischem Nordmeer umfasst.
Historische Ereignisse in Kartenansicht
Bundeswehr/Andrea NimpschDie strategische Bedeutung der GIUK-Region ergibt sich aus der begrenzten Zahl nördlicher Zugänge zum Atlantik sowie aus den geopolitischen Rivalitäten des 20. Jahrhunderts – zunächst zwischen Deutschland und Großbritannien, später zwischen den USA und der Sowjetunion. Da der Zugang über die Baffin Bay operativ unrealistisch war und der stark überwachte Ärmelkanal kaum als Alternative infrage kam, mussten deutsche beziehungsweise im Kalten Krieg dann sowjetische Seestreitkräfte beim Vorstoß in den Atlantik die breiteren GIUK-Seewege passieren, von denen aus die transatlantischen Versorgungsrouten bedroht werden konnten. Der Mangel an Alternativrouten verlieh der Region für die westlichen Seemächte besondere strategische Bedeutung, da sich Überwachung und Kontrolle auf diesen Raum fokussieren ließen. Begünstigt wurde dies durch die vergleichsweise geringen Wassertiefen an den zentralen Schwellen rund um GIUK von etwa 500 bis 850 Metern, die zusammen mit der geographischen Verengung des Seegebiets die Überwachung erleichtern, unentdeckte Vorstöße erschweren und U-Jagd-Operationen (ASW) unterstützen.
Die Relevanz der später so bezeichneten “GIUK-Lücke„ zeigte sich im Zweiten Weltkrieg, als deutsche U-Boote und Überwasserstreitkräfte die für Großbritannien existenziellen transatlantischen Versorgungswege bedrohten und das Seegebiet als Zugang zur Mid-Atlantic-Gap nutzten. Hervorzuheben ist hier unter anderem der kurzzeitige Durchbruch des Schlachtschiffs “Bismarck„ durch die Dänemarkstraße im Mai 1941. Bereits nach dem Ersten Weltkrieg argumentierte Vizeadmiral Wolfgang Wegener, Deutschland könne durch ein Vorschieben seiner Operationsräume in Richtung Atlantik die britischen Seewege bedrohen und so die geographischen Nachteile seiner Lage in der Nordsee überwinden. Teile dieser Ideen fanden im Offizierskorps der Reichs- und späteren Kriegsmarine Anklang und wurden nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens 1940 (Operation “Weserübung„) gelegentlich mit Wegeners Forderung nach vorgeschobenen maritimen Operationsräumen in Verbindung gebracht. Eine unmittelbare Ableitung der Operation aus seinen Überlegungen lässt sich jedoch nicht feststellen. In diesem Kontext gewann die Kontrolle der Inseln rund um das Seegebiet auch für die westlichen Alliierten an Gewicht. So besetzte Großbritannien nach der Operation “Weserübung„ Island und die Faröer-Inseln, die USA im April 1941 Grönland. Das Ziel hierbei war vor allem die Schließung der Lücke in der Reichweite landgestützter Seeraumüberwachungsflugzeuge, die von Stützpunkten in Schottland beziehungsweise Kanada aus bis dahin nicht den gesamten Nordatlantik abdecken konnten. Durch diese Schließung der “GIUK-Lücke“ erlangten die Westalliierten die strategische Kontrolle über das Seegebiet, die auch im Ost-West-Konflikt zwischen der NATO und der Sowjetunion erhalten blieb.
NATO-Landesgrenzen zu Russland
Bundeswehr/Frank SchemmerlingIm Kalten Krieg lag in der GIUK-Lücke der Schlüssel zur maritimen Verteidigung Europas. Von zentraler Bedeutung war, dass sowjetische U-Boote der Nordflotte von ihren Stützpunkten auf der Kola-Halbinsel über das Europäische Nordmeer in den Nordatlantik gelangen mussten, um die im Kriegsbild der Zeit entscheidenden transatlantischen Nachschubrouten zwischen Europa und den USA unterbrechen zu können. Damit wurde das Seegebiet sowohl für die NATO als auch die Sowjetunion erneut zu einem zentralen strategischen Faktor. Es bildete den zentralen Durchbruchsraum sowjetischer Seestreitkräfte in den Atlantik, für die NATO hingegen einen Raum konzentrierter Überwachung, in dem erhebliche Kapazitäten zur U-Boot-Abwehr aufgebaut wurden. Entsprechend galt in der sowjetischen Militärplanung die Einschätzung, dass ein Konflikt auch „in der GIUK-Lücke verloren werden konnte“. Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts verlor das Seegebiet für die NATO an operativer Bedeutung. Der Fokus verlagerte sich auf Krisenmanagement und Stabilisierungseinsätze außerhalb des Nordatlantiks, während klassische Aufgaben der maritimen Abschreckung zunehmend in den Hintergrund traten.
Seit den 2010er-Jahren ist die “GIUK-Lücke“ für die strategischen Planungen der NATO wieder wichtiger geworden, insbesondere seit Russland seine U-Boot-Flotte modernisiert hat und in der Region verstärkt militärisch präsent ist. Gleichzeitig verändern Klimawandel und geopolitische Entwicklungen die Rahmenbedingungen im Nordatlantik und in der Arktis. Mit dem Rückgang des arktischen Meereises wächst die Möglichkeit, dass größere Teile des Handels zwischen Europa und Asien künftig über nördliche Seewege verlaufen. Dadurch gewinnen transpolare Verkehrsachsen zwischen Nordatlantik und Nordpazifik zunehmend an Bedeutung und es könnte sich das strategische Gewicht des Nordatlantiks teilweise verschieben. Zugleich bleibt die Bedeutung der GIUK-Region eng mit der Rolle des Nordatlantiks als zentralem Verbindungsraum zwischen Europa und Nordamerika verbunden. Die künftige Entwicklung der transatlantischen Beziehungen wird daher maßgeblichen Einfluss darauf haben, welche strategische Bedeutung diesem Seegebiet in der sicherheitspolitischen Planung zukommt.
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von Damian WollaiKarten oder Grafiken zur Militärgeschichte mit erklärenden Texten zum Download.