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Die Bären-Insel – ein vergessenes Objekt deutscher Weltpolitik im Polarmeer

Geschichte

„Welt- nicht Kontinentalpolitik“ sollte das Deutsche Reich im 20. Jahrhundert treiben. Mit diesem Motto versuchte Kaiser Wilhelm II. seit seiner Rede aus Anlass des 25. Jubiläums der Reichsgründung am 18. Januar 1896 der deutschen Außenpolitik neue Ziele vorzugeben.

Karte der Nato-Landgrenzen als Teaserbild

Historische Ereignisse in Kartenansicht

Bundeswehr/Annette Besser

„Majestät brauchen Sonne“ – auch im Norden

Dabei dachte Kaiser Wilhelm II. allerdings nicht nur an Gebiete in Afrika, Asien oder im Pazifik. Wenig bekannt ist, dass ihm auch eine Insel im Polarmeer als Kolonie vorschwebte: die Bären-Insel zwischen dem Nordkap und Spitzbergen. Am 2. August 1897 teilte er Reichskanzler Chlodwig Fürst von Hohenlohe-Schillingsfürst mit, dass ein Schiff die Bären-Insel anlaufen und dort die Reichsflagge auf dieser bis dahin herrenlosen Insel im Polarmeer hissen solle. Damit wollte er ein „Kompensationsobjekt“ gegenüber dem russischen Zaren Nikolaus II. haben. Dieser hatte einen eisfreien Hafen für seine Flotte bei Murmansk bauen lassen, um Russlands Ansprüche in dieser Region zu untermauern. Anlass waren das wachsende Interesse an Bodenschätzen wie Kohle und der Fischreichtum der Gewässer.

Geheime Expedition mit „SMS Olga“

Was dem Zaren recht war, war dem deutschen Kaiser billig: In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Seefischerei-Verein planten die einschlägigen Ministerien Reichsamt des Innern und Reichsmarineamt - eine geheime Expedition. Auf der alten Glattdeckskorvette „SMS Olga“ schifften sich im Sommer 1898 Wissenschaftler ein, die in den Gewässern um die Bären-Insel hydrographische und ozeanographische Untersuchungen vornehmen sollten. Dass der Kapitän des Schiffes, Korvettenkapitän Richard Dittmers, dort auch eine Basis für deutsche Fischdampfer anlegen sollte, wussten die Wissenschaftler nicht. Als sie dort ankamen, war ihnen ein deutscher Abenteurer, Theodor Lerner, zuvorgekommen. Dieser beanspruchte, ähnlich wie einst Adolf Lüderitz in Südwestafrika, die Insel für sich. Die „SMS Olga“ lief daher ergebnislos nach Hause.

Landkarte Europas, Länder der NATO in blau und Russland in orange und Legende

NATONorth Atlantic Treaty Organization-Landesgrenzen zu Russland

Bundeswehr/Frank Schemmerling

Geheimplan Kolonialgründung: deutsche und russische Gebietsansprüche

Als eine zweite Expedition 1899 erneut die Bären-Insel anlief, dieses Mal mit Flaggenmast zum Hissen der Reichskriegsfahne und Grenzpfählen in schwarz-weiß-rot ausgerüstet, war Lerner dieser erneut zuvorgekommen und hatte große Teile der Insel als seinen Privatbesitz mit eigenen Grenzpfählen abgesteckt. Diese Posse drohte nun außenpolitische Folgen zu haben: Am 3. Juli 1899 lief der russische Kreuzer „Swetlana“ die Insel an, hisste die russische Flagge und stellte eine Tafel auf, die den russischen Gebietsanspruch untermauerte. Aufgeschreckt erklärte die Reichsleitung, die kein Interesse an möglichen Konflikten mit dem Zarenreich hatte, dass sie mit den Expeditionen nichts zu tun habe. Der geheime Plan, dort eine Kolonie zu gründen, war damit obsolet geworden. Beide Staaten erklärten daraufhin, auf der Bären-Insel keine Souveränitätsrechte zu beanspruchen.

Im Jahr 1920 erhielt schließlich mit dem sogenannten Spitzbergenvertrag Norwegen die Souveränität über den staatenlosen Archipel Spitzbergen und damit auch über die Bäreninsel (norwegisch: Bjørnøya).

Von der Wetterfunkstation zum Naturschutzgebiet

Im Zweiten Weltkrieg und dann im Kalten Krieg sollte die später zu Norwegen gehörende Insel noch einmal eine wichtige Rolle spielen: Zwischen 1942 und 1945 übermittelte die von der Wehrmacht aufgestellte automatisierte Wetterfunkstation wichtige Daten an die Kriegsmarine, die im Nordmeer alliierte Konvois angriff. Danach diente sie der NATONorth Atlantic Treaty Organization zur Beobachtung der sowjetischen Nordmeerflotte. Heute ist sie ein Naturschutzgebiet.

Text und Karte zum Herunterladen

von Michael Epkenhans

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