Flugblattrakete PROMAR
- Datum:
- Ort:
- Mayen
- Lesedauer:
- 3 MIN
Eine Rakete, mit der Flugblätter über Feindgebiet abgeworfen werden konnten: In der Regionalen Ausstellung des Zentrums Operative Kommunikation der Bundeswehr in Mayen wird nicht nur die Spannweite des möglichen Informationskriegs sichtbar – hier wird auch ein Kapitel des deutsch-deutschen Verhältnisses zu Zeiten des Kalten Kriegs erzählt.
Das ZMSBw präsentiert hier besondere Objekte aus einer der mehr als 100 Sammlungen
Bundeswehr/Andrea NimpschDie ersten Entwicklungsschritte zur Propagandamaterialrakete (PROMAR) für Truppenteile der Psychologischen Kampfführung (PSK) fanden im Jahr 1959 statt. Die Entscheidung, Flugblattraketen zu beschaffen, war die Antwort auf eine dreiteilige Frage: Auf welche Weise kann die Bundeswehr mit Informationen auf Einstellung und Verhalten von gegnerischen Kräften einwirken, die
Die von einem Werfer zu startenden Flugblattraketen waren so konstruiert, dass mittels eines mechanischen Zeitzünders die Flugblätter, abhängig von Windrichtung und -geschwindigkeit, in einer Flughöhe von 300 bis 1.000 Metern ausgestoßen und die Restteile mit Hilfe eines Fallschirms abgefangen wurden. Der Fallschirm sollte verhindern, dass ein großer Schaden durch abfallende Teile entstand. Man stelle sich vor, die Bundeswehr wollte mit Flugblättern auf den Gegner deeskalierend einwirken und beim Herunterfallen der Raketenteile würden Menschen verletzt. Zum anderen war durch den Fallschirm für den Gegner eher erkennbar, dass es sich um eine Flugblattrakete der PSK-Truppe und nicht etwa um ein Artilleriegeschoss handelte, das nicht zündete.
Die Flugblattrakete vom Kaliber 94 mm war zum Verschuss einer effektiven Nutzlast von 1,2 Kilogramm eingerichtet. Sie konnte mit bis zu 825 Flugblättern in der Formatgröße DIN A5 befüllt werden. Dazu wurden die Flugblätter auf Rollkerne gewickelt. Ein Feldflugblattraketenwerfer konnte bis zu acht Raketen gleichzeitig abfeuern. Das entspricht der Menge von 6.600 Flugblättern. Bei einer sogenannten Vollsalve mit beiden Werfern des Flugblattraketenzuges wurden 13.200 Flugblätter zeitgleich ins Zielgebiet gebracht. Bei einer Vollsalve und einer Sprenghöhe von 500 Metern verteilten sich die Flugblätter auf einer elliptischen Fläche von durchschnittlich zwei bis drei Kilometern Länge und einem Kilometer Breite.
Längsschnitt der Rakete in der Regionalen Ausstellung in Mayen – die Rolle mit den Flugblättern im zweiten Segment vorne ist gut zu erkennen.
Bundeswehr/Dirk DrewsDie PSK-Truppe führte ab Herbst 1961 Informationseinsätze gegen das Territorium der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) durch. Diese Einsätze hatten zum Ziel:
Die primäre Zielgruppe der PSK-Informationseinsätze zwischen 1961 und 1972 waren Angehörige der bewaffneten Kräfte der DDR. Flugblattraketen kamen hierbei schlussendlich nicht zum Einsatz. In der PSK-Truppe waren sie als Trägermittel nicht unumstritten: Kritiker äußerten Bedenken, ob es überhaupt möglich sei, mittels Raketen friedenbringende Botschaften zu kommunizieren. Sie wurden daher ausschließlich für den Verteidigungsfall vorgehalten.
Die PSK-Truppe brachte Flugschriften im Rahmen der Informationseinsätze nahezu vollumfänglich mit Ballonen auf das Territorium der DDR. Ballone wurden einer geringeren Eskalationsstufe zugeordnet als Flugblattraketen. Zumeist waren entlang der innerdeutschen Grenze Westwinde vorherrschend, so dass Flugschriften der PSK-Truppe in der Regel bei Dunkelheit mit Ballonen Richtung Osten trieben und dort über einen Uhrauslöser zielgenau abgeworfen wurden.
Im Jahr 1962 nutzte die PSK eine weitere, ungewöhnliche Methode, um Flugschriften entlang der innerdeutschen Grenze einzusetzen. Es wurden Sportflugzeuge vom Typ Piaggio und Cessna 320 genutzt. Durch die bei starkem Flugwind nur einen Spalt geöffnete Tür wurden PSK-Flugschriften abgeworfen. Konzeptionellen Überlegungen zufolge sollten Abwurfschächte in die Flugzeuge eingebaut werden, um die Zahl der Flugschriften, die abgeworfen werden konnten, zu erhöhen. Aus rechtlichen Gründen wurde jedoch von weiteren PSK-Einsätzen mit Sportflugzeugen abgesehen.
Die Regionale Ausstellung im Eifelstandort Mayen zur Operativen Kommunikation sowie Ihren Vorgängerorganisationen – Psychologische Kampfführung (PSK), Psychologische Verteidigung (PSV) und Operative Information (OpInfo) – spiegelt außergewöhnliche und spannende Aspekte aus der Geschichte der Bundeswehr anschaulich wider. Das Projekt Flugblattrakete PROMAR wurde Mitte der 1970er-Jahre endgültig eingestellt. Ausschlaggebend waren unter anderem finanzielle Gründe, denn Flugblattraketen sind deutlich teurer als Wetterballone.
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von Dirk DrewsIn der Artikelreihe "Ausgestellt“ stellen wir besondere und oft einzigartige Objekte aus den Sammlungen und Ausstellungen der Bundeswehr mit ihren Geschichten vor.