Eine Schießkladde der britischen Armee
- Datum:
- Ort:
- Berlin
- Lesedauer:
- 2 MIN
Die hier vorgestellte, zwischen 1973 und 1983 befüllte Schießkladde entstammt der Berlin Infantry Brigade, dem als Teil der alliierten Truppen in Berlin stationierten Verband der britischen Streitkräfte. Diese Einheiten haben aber nicht im Heimatland ihre Schießübungen verzeichnet, sondern sich an mehreren Orten im Stadtgebiet von West-Berlin militärisch in Übung gehalten.
Das ZMSBw präsentiert hier besondere Objekte aus einer der mehr als 100 Sammlungen
Bundeswehr/Andrea Nimpsch
Schießkladden dokumentieren den Betrieb auf einem Schießstand. In ihnen werden in der Regel durchgeführte Übungen, ausgegebene und (nicht) verschossene Munition sowie die Teilnehmenden und ihre jeweiligen Ergebnisse vermerkt und besondere Begebenheiten eingetragen. Bei der Bundeswehr gibt es dazu vorgefertigte Formatvorlagen, die urkundlichen Charakter haben.
Bei der hier gezeigten Schließkladde handelt es sich um ein Notizbuch des Musters „S.O. Book 130, Code 28-71“, das in diesem Format bereits im Zweiten Weltkrieg als Standard für die britischen Truppen ausgegeben wurde und deshalb auch oft als Grundlage für Flug- und Kriegstagebücher diente. Die Aufschrift „ACTUAL FIRING LOG BOOK RUHLEBEN RANGE“ auf dem Deckel ist eigens zu diesem Zweck etikettiert worden. Schießübungen führte die britische Armee auf West-Berliner Gelände durch: Auf der Ruhleben Range, zentral zwischen Olympiastadion und der Altstadt Spandau gelegen, fand der scharfe Schießbetrieb mit Handfeuerwaffen statt, während in der nebenan eingerichteten Ruhleben Fighting City britische und später auch US-amerikanische Streitkräfte den Orts- und Häuserkampf zur Vorbereitung auf eine eventuelle Verteidigung West-Berlins gegen einen sowjetischen Einmarsch realistisch im urbanen Umfeld trainierten.
Oft drei Einträge am Tag – die Kladde dokumentiert die intensive Nutzung der Schießbahn und liest sich wie ein Gästebuch der alliierten Truppen in West-Berlin
Bundeswehr/Thomas KornDer erste Eintrag der Schießkladde stammt vom 1. März 1973, der letzte wurde am 22. Dezember 1983 von Lieutenant (Oberleutnant) Robinson, Alpha Company, Royal Military Police, verzeichnet. So finden sich über einen Zeitraum von zehn Jahren die Namen von Einheiten und Soldaten, die in West-Berlin dienten und die Freiheit der Stadt verteidigten.
In die Militärgeschichtliche Sammlung des Sanitätsregiments 1 gelangte die Schießkladde nun durch eine Leihgabe der Royal British Legion. Mr. Jack Knox, der als Zivilangestellter der britischen Streitkräfte in West-Berlin als Objektmanager für zahlreiche Liegenschaften verantwortlich war, hatte eigentlich bei Schließung der Schießanlage 1994 den Auftrag, sämtliche Unterlagen zu vernichten. Er bewahrte jedoch dieses herausragende Unikat – auch trotz mehrerer privater Umzüge – vor der Vernichtung, bis es 2024 den Weg in die Ausstellungsräume der Blücher-Kaserne Berlin-Kladow fand. Hier widmet sich seit 2022 eine Ausstellung der Geschichte der deutsch-britischen Beziehungen in Berlin, vom Kalten Krieg bis zum Abzug.
Besonders für Ehemalige und Veteranen, die heute die Ausstellung besuchen, ist die Kladde ein emotionales Erlebnis: Sie finden ihre Vorgesetzten oder manchmal sogar sich selbst in der Kladde als „Leitende“ eines Schießtages wieder, was stets bewegende Erinnerungen an die Zeit der britischen Streitkräfte in Berlin weckt.
Neben diesem Zeugnis der deutsch-britischen Freundschaft steht das Exponat allerdings auch stellvertretend dafür, in Zeiten steter Bedrohung für den Ernstfall gewappnet zu sein.
Foto und Text zum Herunterladen
von Daniel Schilling und Thomas KornIn der Artikelreihe "Ausgestellt“ stellen wir besondere und oft einzigartige Objekte aus den Sammlungen und Ausstellungen der Bundeswehr mit ihren Geschichten vor.