Ukraine-Dossier

Drohnen – die Kalaschnikow der Lüfte

Drohnen – die Kalaschnikow der Lüfte

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Das Surren in der Luft ist in der Ukraine inzwischen allgegenwärtig. Russische Angriffsdrohnen sind zu einem zentralen Bestandteil der Kriegführung und einer Gefahr für die Bevölkerung geworden. Seit mehr als 20 Jahren hat die Bedeutung von Drohnen zugenommen, ihr Einsatz verändert die Kriegführung merklich und das weltweit. 

Vier ukrainische Soldaten stehen nachts im Gelände, einer von ihnen hält einen Scheinwerfer,.

Flexible Verteidigung: Ein mobiler ukrainischer Drohnen-Abwehrtrupp trainiert den Abschuss russischer Drohnen in der Nähe von Odesa. Mit einem Scheinwerfer wird ein Lichtkreuz in den Himmel gezeichnet, das zu Übungszwecken als Zielpunkt dient.

picture alliance / dpa | Kay Nietfeld

Das Militär versucht seit Mitte des 20. Jahrhunderts, unbemannte Systeme in allen Domänen der militärischen Einsatzführung, also Land, Luft, Wasser und später auch im Weltraum zu entwickeln. Diese Bestrebungen setzen sich bis heute fort und haben sich in den letzten beiden Jahrzehnten noch verstärkt. Aus der Entwicklung von unterschiedlichen Systemen zu Land, Luft und Wasser resultiert auch die moderne Einteilung von unbemannten Systemen nach den Domänen, in welchen sie eingesetzt werden. In der Domäne Luft diente die Entwicklung vor allem der Schaffung von Drohnen bzw. von Plattformen für Aufklärungs- und Angriffszwecke. Zunehmend werden Drohnen aber als Waffenträger eingesetzt oder als eigene Kampfsysteme entwickelt. Drohnen können dabei je nach Größe, Reichweite und Nutzlast in Kategorien eingeteilt werden. Der Einsatz von Drohnen hat enorm an Bedeutung gewonnen.­ Das ist eine der Lehren aus dem Krieg in der Ukraine. Dieser Krieg wird auf beiden Seiten wesentlich mit Drohneneinsatz unterschiedlicher Art ausgetragen. Eine zunehmende Rolle spielen Minidrohnen. Der Kriegsverlauf lässt auch eine Dynamik von Gegenmaßnahmen und deren Neutralisierung oder Umgehung erkennen, die Aufmerksamkeit verdient, weil westliche Streitkräfte ansonsten den Anschluss verlieren könnten. Der Krieg in der Ukraine markiert jedoch nicht den Beginn der Militarisierung von Drohnen und der damit verbundenen Transformation der Kriegführung. Schon seit mehr als zwanzig Jahren wächst die Bedeutung von Drohnen für Aufklärung, taktische Führung und als direktes Kampfmittel. Die Transformation der Kriegführung hat schon früher eingesetzt, der Krieg in der Ukraine beschleunigt sie jetzt wie ein Katalysator.

Beginn der Drohnenkriegführung

Drohnen wurden seit Beginn dieses Jahrhunderts zunächst vor allem von den USAUnited States of America, aber auch von Israel im großen Maßstab zu militärischen Zwecken genutzt. Ziel war es, Terroristen, Milizen oder irreguläre Kräfte in entfernten und schwer zugänglichen Regionen zu bekämpfen, ohne eigene Verluste an Menschen und Material zu riskieren. Nach dem 11. September 2001 kam es in den USAUnited States of America und einigen anderen Ländern geradezu zu einem Boom der Drohnenkriegführung, sowohl bei Aufklärung und Feuerleitung als auch bei der direkten Bekämpfung von gegnerischen Kräften. Besonders die Obama-Administration setzte stark auf Drohnen zur Bekämpfung von islamistischen Milizen und Terroristen in Afghanistan, in Somalia, im Jemen und Irak, in Pakistan und anderen Ländern.  Diese Entwicklung regte eine Vielzahl von wissenschaftlichen Analysen an, die unterschiedliche Aspekte aufgriffen:

  • Zum einen untersuchte man die Effektivität der Drohnenkriegführung im Rahmen der Terrorismusbekämpfung und der asymmetrischen Kriegführung. Hierbei lautete die Kernfrage, ob und in welchem Maß sich die Anzahl terroristischer Anschläge gegen westliche Streitkräfte oder Verbündete reduzieren lasse und wie nachhaltig die Tötung von Führungspersonen in Terrororganisationen oder islamistischen Milizen deren Handlungsfähigkeit beeinträchtigen werde.

  • Des Weiteren stand die Frage im Mittelpunkt, inwiefern Drohnenkriegführung die Strategie der Counterinsurgency unterlaufe, indem sie die Bevölkerung, die man eigentlich für die eigene Seite gewinnen will, eher vom Westen entfremde.

  • Auch entspann sich eine sehr kontroverse Debatte darüber, ob mit dem targeted killing durch zunehmend automatisierte, fernbetriebene Systeme nicht Grenzen der völkerrechtlichen Zulässigkeit überschritten werden. Besonders in Deutschland wurde intensiv diskutiert, ob man überhaupt Drohnen beschaffen solle.

  • Zudem wurde darauf verwiesen, dass die Technologie der Drohnenkriegführung keinesfalls auf die westlichen Staaten beschränkt bleiben wird. Mit der weiteren Ausbreitung von Drohnen sei damit zu rechnen, dass diese in asymmetrischen Konflikten gegen westliche Streitkräfte eingesetzt und vor allem Terroristen neue Anschlagsmöglichkeiten eröffnen würden.

  • Andere Autoren betonten, Drohnenkriegführung werde auch den qualitativen Charakter der „regulären“ Kriegführung zwischen traditionellen Streitkräften verändern. Drohnen würden die Dynamik des Konflikts zwischen Staaten verändern und neue Optionen der Eskalation oder Verzögerung bieten.

Heute stellt man zweierlei fest: Zum einen ist eine Proliferation von Drohnen zu erkennen. Diese wird im ersten Abschnitt behandelt. Zum anderen hat der Krieg in der Ukraine zu einer Dynamik der Kriegführung mit und gegen Drohnen geführt, die erhebliche taktische, operative und auch strategische Konsequenzen nach sich zieht. Auf diese Entwicklung wird im darauffolgenden Abschnitt eingegangen. Abschließend werden die daraus resultierenden strategischen Folgen erörtert.

Drohnenproliferation und irreguläre Kriegführung

Drohnen gibt es heute in einer Vielzahl und Varianten. Sie stehen einer zunehmenden Zahl von staatlichen und nicht-staatlichen Akteuren zur Verfügung. Vor allem die technischen Entwicklungen der letzten zehn Jahre haben dazu geführt, dass Mini-Drohnensysteme von allen genutzt werden können. Spätestens ab Mitte der 2010er-Jahre erkannten auch Terrororganisationen die damit verbundenen Möglichkeiten. Erstmals setzte der Islamische Staat (IS"Islamischer Staat") im großen Umfang handelsübliche Mini-Drohnen ein. Zunächst dienten sie vorrangig zur Aufklärung möglicher Angriffsziele für fahrende Autobomben. Bald warfen IS"Islamischer Staat"-Kämpfer auch kleine Sprengsätze aus handelsüblichen Drohnen ab oder ließen mit Sprengstoff beladene Mini-Drohnen „Kamikaze“-ähnlich auf Ziele stürzen. Beim Kampf um Mossul von Oktober 2016 bis Juli 2017 waren die irakischen Sicherheitskräfte zeitweise mit dutzenden Drohnenangriffen täglich konfrontiert. Nicht jeder Sprengkörper fand sein Ziel, doch Zufallstreffer stellten die Iraker und die verbündeten Koalitionsstreitkräfte vor große Herausforderungen. Der IS"Islamischer Staat" produzierte die abgeworfenen Sprengkörper nach eigenen Qualitätsstandards und verwendete eine Vielzahl unterschiedlicher Mini-Drohnen (vor allem der chinesischen Firma DJI) als Starr- oder Drehflügler. Die mitgeführten Kameras dienten der Aufklärung, Zielfindung und -zuweisung und lieferten nützliche Propagandaaufnahmen.

Eine ausgestellte Drohne im Iran vor einem Turmgebäude, davor eine Menschenmenge.

Prototyp: Eine USUnited States-amerikanische Aufklärungsdrohne vom Typ RQ-170 "Sentinel" verschwand im Dezember 2011 im iranischen Luftraum. Im Februar 2012 wird ein Modell der Drohne vor dem Azadi-Turm in der iranischen Hauptstadt Teheran präsentiert.

picture alliance / ASSOCIATED PRESS | Vahid Salemi

Aus dem Nahen und Mittleren Osten wanderten die Tactics, Techniques and Procedures (TTP) in die Sahelzone, nach Libyen und schließlich in die Ukraine. Dem IS"Islamischer Staat"-Vorbild folgten viele andere terroristische Organisationen, so auch die Taliban. Das Jahr 2018 stellte eine Zäsur dar. Im Februar gelang es einer Drohne vom iranischen Typ „Saegheh-2“, von Syrien in den israelischen Luftraum zu fliegen. Sie wurde rasch zerstört, beim Angriff auf die Bodenkontrollstation wurde jedoch eine israelische F-16I abgeschossen. Die abgeschossene „Saegheh-2“ ähnelte frappierend einer amerikanischen Aufklärungsdrohne vom Typ RQ-170 „Sentinel“. Ein Exemplar dieses Typs war im Dezember 2011 im iranischen Luftraum verschwunden. Nach anfänglichem Dementi Amerikas forderte der damalige USUnited States-Präsident Obama schließlich den Iran zur Rückgabe amerikanischen „Eigentums“ auf. Anscheinend war es dem Iran gelungen, die USUnited States-Drohne mittels reverse engineering nachzubauen. Das eigentlich Bedeutende an dem Vorfall war aber, dass man die „Saegheh-2“ offensichtlich mit Bomben bewaffnet hatte. Für die Israelis war dies eine böse Überraschung, wäre der Gegner doch in der Lage gewesen, gezielt ein beliebiges Objekt auf israelischem Boden anzugreifen. Entsprechend öffentlichkeitswirksam präsentierte der israelischen Premier Netanjahu daher auf der Münchner Sicherheitskonferenz die Überreste der Drohne.

Zerstörte "Qasef-1"-Drohne in der Ansicht von oben mit Kratzern und fehlenden Teilen

Kampfmittel von Non-State Actors: Im Jemen setzten die Huthi-Rebellen erstmals die Drohne "Qasef-1" ein. 2018 barg Saudi-Arabien eine dieser Drohnen, die anschließend bei einer Ausstellung in Washington zu sehen war.

picture alliance / REUTERS | ALEXANDER DRAGO

Trotz strenger Sanktionen stieg der Iran in Kürze zu einer Art „Drohnensupermacht“ auf.  Der Krieg im Jemen diente dabei als Testgelände für die Technologie von unbemannten Systemen. Bis heute ist es einer arabischen Koalition trotz Lieferung und Einsatz von westlichen Präzisionswaffen und bewaffneten Drohnen nicht gelungen, die im Jemen kämpfenden Huthi-Rebellen zu besiegen. Den Huthis gelang es durch den Einsatz von iranischen Drohnen, eine gewisse Symmetrie im Konflikt herzustellen. Den Bombardierungen der Koalitionsstreitkräfte konnten sie zwar nichts entgegensetzen, doch waren sie in der Lage, selbst über hunderte Kilometer Entfernung Vergeltung zu üben. Im Jahr 2017 setzten die Huthis erstmals „selbst produzierte“ Drohnen vom Typ „Qasef-1“ ein. Im Aussehen ähnelten diese klar dem iranischen Modell „Ababil-2“. Mit einer Reichweite von 150 Kilometern und beladen mit Sprengstoff stellten sie ein potentes Waffensystem dar. 

Anfang September 2020 verkündete ein Sprecher der jemenitischen Armee in einer Pressekonferenz, dass es neuerlich gelungen sei, den saudischen Flughafen von Abha mit eigenen Drohnen anzugreifen. Meldungen wie diese zeigten deutlich, dass Drohnen als Kampfmittel nicht mehr zu unterschätzen waren. Während amerikanische MQ-9-„Reaper“-Drohnen Jagd auf al-Qaida-Kämpfer auf jemenitischem Staatsgebiet machen, wehren sich Huthi-Rebellen mit Sprengstoff beladene Drohnen gegen die Angriffe einer von Saudi-Arabien geführten Koalition. Die Kampfführung führt immer wieder zu spektakulären Erfolgen. So gelang es im September 2019, die bedeutenden Erdölproduktions- und Verteileranlagen Khurais und Abqaiq mitten in der saudischen Wüste anzugreifen. Einschlägige Fachzeitschriften bezeichneten die Folgen als die „… größte tägliche Unterbrechung der Ölversorgung in der Geschichte der Menschheit!“ Der durch den Ausfall verursachte Gesamtversorgungsverlust der saudischen Anlagen soll rund 5,7 Millionen Barrel Ölproduktion pro Tag – rund sechs Prozent des weltweiten Angebots – sowie täglich zwei Milliarden Kubikfuß Gasproduktion umfasst haben. Angriffe wie diese führen vor Augen, dass die Kriegführung mittels Drohnen mittlerweile zum festen Bestandteil eines jeden Konfliktraums gehört. Drohnen sind nicht nur potenten State Actors (z.B. den USAUnited States of America, Israel, Großbritannien und Frankreich) vorbehalten, sondern werden zunehmend vor allem von Non-State Actors eingesetzt. 

Das Geschehen in den Konfliktherden im Irak, in Syrien, im Jemen und in der Levante (sprich: Israel gegen seine Vielzahl von Feinden) ist seit Jahren voller Berichte über „Drohnenangriffe“. Diese reichen vom Einsatz improvisierter bewaffneter Mini-Drohnen bis zu unbemannten Systemen in der Größe von Kleinflugzeugen. Bereits 2004 machten israelische Soldaten eine unangenehme Entdeckung: Die Terrororganisation Hisbollah hatte offensichtlich begonnen, Mini-Drohnen zur Aufklärung einzusetzen.  2006 erfolgte die nächste Überraschung: Hisbollah-Kämpfer versuchten, mit Sprengstoff bestückte Drohnen bei Angriffen gegen israelische Soldaten zu verwenden. Beim Angriff der Hamas, die seit 2021 über die Technologie verfügt, auf Israel am 7. Oktober 2023 zerstörten Drohnen Überwachungstürme und „Merkava“-Kampfpanzer der Israelische Verteidigungsstreitkräfte (IDFIndirect Fire). 

Nahaufnahme eines Bildschirms von einem Steuerungssystem für eine Drohne, darauf Luftaufnahmen

Kein Videospiel: Der Drohneneinsatz wird von Soldaten aus großer Entfernung gesteuert. Die Ukraine setzte erstmalig die First-Person-View-Drohne (FPV) als Kampfmittel ein, die mit einer VRVirtuelle Realität-Brille verknüpft und mittels Virtual Reality gelenkt wird.

picture alliance / Anadolu | Andre Luis Alves

In der Ukraine häuften sich ab 2014 Berichte über Mini-Drohnen, die von „Separatisten“ geflogen wurden. Eine Analyse der verwendeten Modelle bewies, dass es sich bei den Drohnen um russische Armeemodelle handelte. In Syrien kopierten Regimetruppen und Rebellengruppierungen die Einsatztaktiken des IS"Islamischer Staat". Das Land wurde für eine weitere Qualitätssteigerung in der Einsatzführung bekannt: Ab Januar 2018 griffen wiederholt ganze Drohnenschwärme den russischen Luftwaffenstützpunkt Khmeimin an und beschädigten oder zerstörten mehrere russische Kampfflugzeuge. Es gab Hinweise, dass der Angreifer die einzelnen Drohnen über einen Leitstrahl zum Ziel dirigiert hatte – eine Fähigkeit, die in ihrer Komplexität nicht unbedingt den syrischen Rebellen zuzuordnen ist. Der Urheber dieses Angriffs bleibt weiterhin im Dunkeln. Fakt ist jedoch, dass die Einsätze der russischen Luftwaffe entscheidend zu den Erfolgen der syrischen Streitkräfte beigetragen haben, also eine Störung dieser Einsätze im Interesse einer Vielzahl von Akteuren lag. Der Einsatz von Mini-Drohnen ist demnach nicht nur für Non-State Actors interessant ist, sondern auch für Staaten, die mit einem Angriff nicht in Verbindung gebracht werden wollen. Ohne Kennzeichnung – und vor allem ohne menschlichen Piloten – lässt sich nach Auffindung möglicher Überreste über den Urheber des Einsatzes nur spekulieren. Und selbst wenn die technische Bauart auf eine bestimmte Herkunft hinweist, ist es immer möglich zu behaupten, dass die Verwendung durch andere oder gar missbräuchlich erfolgte.

Aufnahme einer fliegenden Drohne des Typs MQ-9-"Reaper"

Zentrales Kampfmittel: Die USUnited States-amerikanische Drohne MQ-9 "Reaper" wurde bereits im Jemen und in Afghanistan bei der Verfolgung von al-Qaida-Kämpfern eingesetzt.

picture alliance / dpa | Paul Ridgeway

Je komplexer die Fähigkeiten, mit denen eine Drohne ausgestattet ist, desto höher der technische Aufwand beim Bau und Einsatz. Einfache Systeme lassen sich im Internet bestellen, größere Modelle entstammen militärischer Forschung und Produktion. Zum Beispiel wurden von den ukrainischen Streitkräften und deren Freiwilligenverbänden ab 2014 immer wieder Drohnen der russischen Typen „Forpost“ und „Orlan-10“ in der Ostukraine abgeschossen und erbeutet. Eine Analyse der technischen Fähigkeiten ergab, dass diese Systeme sich für weit mehr als nur zur Aufklärung eignen. So ermöglichen sie die In-time-Zielzuweisung für Artilleriesysteme unterschiedlicher Reichweiten (z.B. von Mehrfachraketenwerfern TOS-1 oder BM-21, BM-27 bzw. von Panzerhaubitzen vom Typ 2S19). Delikaterweise ist die russische „Forpost“ eine Weiterentwicklung der israelischen IAI „Searcher“. Dieser Typ war von Israel bereits in den 1980er-Jahren entwickelt worden und hatte sich als Exportschlager erwiesen. Drohnen vom Typ „Orlan-10“ wiederum verfügten über Vorrichtungen, die eine Kontrolle von GSM-Funksignalen ermöglichen. In einer derartigen Konfiguration setzen russische Streitkräfte das System „Leer-3“ ein. Drohnen vom Typ „Orlan-10“ sind russische Eigenentwicklungen und wurden 2013 erstmals an die eigenen Streitkräfte ausgeliefert. Die Liste der erfolgreich von verschiedenen Akteuren verwendeten Drohnen unterschiedlichen Typs und variabler Größe ließe sich beliebig erweitern. Bemerkenswert ist, dass mittlerweile nicht nur für ihre Drohnenkriegführung bekannte Staaten, die USAUnited States of America oder Großbritannien etwa, bewaffnete Drohnen verwenden, sondern auch Staaten wie der Irak, Nigeria und der Iran. China hat die Lücke in der globalen Waffenindustrie erkannt und verkauft bereits Systeme, die in ihrer Größe und Leistung mit amerikanischen Unmanned Aerial Vehicles (UAVUnmanned Aerial Vehicle) vom Typ MQ-1 „Predator“ und MQ-9 „Reaper“ vergleichbar sind. 

Drohnenkriegführung im Ukraine-Krieg

Russlands neuerlicher Einmarsch in der Ukraine am 22. Februar 2022 entfachte einen regelrechten Drohnenkrieg. Beide Konfliktparteien setzen Drohnen im großen Umfang ein, wobei die Ukraine in der Anfangsphase des Kriegs stärker von ihnen profitierte als Russland. Sie verfügte bereits im Februar 2022 über leistungsfähige Drohnenmodelle und erhielt mit Kriegsbeginn auch Spenden und Lieferungen anderer Systeme (z.B. „Quantix Recon“ oder „Vector“). Die Ukraine hatte unter anderem das türkische Modell „Bayraktar“ TB2 beschafft, das sich durch sein kleines, kompaktes Design und die Fähigkeit zum Mitführen von Luft-Boden-Raketen auszeichnet. 

Zwei Soldaten schieben eine Drohne über ein Flugfeld.

Gut aufgestellt: Die ukrainischen Streitkräfte hatten schon vor der russischen Vollinvasion im Februar 2022 zahlreiche Drohnenmodelle wie das türkische Modell "Bayraktar" beschafft, hier wird es bei der Übung "Sea Breeze" im Sommer 2021 eingesetzt.

picture alliance / Photoshot | -

„Bayraktar“ TB2 ist unter anderem für MAM-L-, MAM-C- und MAM-T-Raketen (Mini Akilli Mühimmat – Smart Micro Munition) geeignet. 2020 nutzte die Ukraine erstmals TB2, um Radarstationen auf der Krim zu beobachten. Ein Jahr später beschoss man mit ihnen eine Artilleriestellung in den Separatistengebieten der Ostukraine. Seit der russischen Vollinvasion bekämpft diese Drohne auch Ziele auf russischer Seite. Der Ukraine gelangen damit mehrere erfolgreiche Angriffe auf russische Streitkräfte. Bis Ende April 2022 waren TB2-Drohnen für die Zerstörung von fast der Hälfte aller außer Gefecht gesetzten russischen Boden-Luft-Raketen-Fliegerabwehrsysteme verantwortlich. Außerdem vernichteten sie mindestens sechs gepanzerte Fahrzeuge und fünf gezogene Artilleriegeschütze. Auch beteiligten sich drei TB2-Drohnen an der Versenkung des russischen Kreuzers „Moskwa“ im April 2022 im Schwarzen Meer. Sie störten und täuschten das Abwehrsystem der „Moskwa“, lokalisierten den Kreuzer und ermöglichten so den Einsatz von zwei in der Ukraine hergestellten „Neptun“-Raketen. 

Die Ukraine verfügt zudem über Loitering Munition (Kamikazedrohnen), so etwa das polnische Modell „Warmate“. Diese Drohne stürzt sich in ein Ziel und zerstört es durch den Einschlag. Der Gefechtskopf erlaubt es, sogar starke Panzerungen zu durchschlagen. Hinzu kommen die Lieferungen von Modellen der NATO und der USAUnited States of America. Systeme wie „Switchblade“ 300 oder 600 und „Phoenix Ghost“ können mit ihren Hohlladungsgefechtsköpfen Panzer zerstören und so auf dem Gefechtsfeld große Wirkung erzielen. In Antwort auf Russlands strategische Luftangriffe fliegt die Ukraine immer wieder Angriff auf russisches Territorium, z.B. mit Drohnen vom Typ Tu-141. 

Überdies setzten die Ukrainer als erste die von Bastlern entwickelte First-Person-View-Drohne (FPV) ein, die mit einer VRVirtuelle Realität-Brille verknüpft und mittels Virtual Reality gelenkt wird. Anwender bewaffnen sie mit Sprengstoff, zum Beispiel mit dem Gefechtskopf einer Panzerrakete, und steuern sie gezielt in einen Bunker oder in ein Kraftfahrzeug. Diese Methode hat die Ukraine sehr innovativ auf dem Gefechtsfeld eingesetzt. Sie baut die Geräte weiterhin, aber nur in kleiner Fertigung, weil sie infolge russischer Luftangriffe nur über eingeschränkte militärisch-industrielle Kapazitäten verfügt. Zudem hat China den Export der für den Bau von FPV-Drohnen benötigten zivilen Drohnen in die Ukraine verboten. 

Russland maß anfangs der Kriegführung mit Drohnen wenig Bedeutung bei, was sich rasch änderte. Die russischen Streitkräfte verfügen heute über verschiedene Drohnen unterschiedlicher Gewichts- und Leistungsklassen. Dazu zählen taktische und kleinere Drohnen (z.B. „Forpost“ oder „Orlan-10“ und „Orlan-30“), aber auch größere Modelle (z.B. „Orion“, vergleichbar mit der Drohne vom Typ „Predator“ bzw. „Reaper“ der USUnited States-Streitkräfte). Russland setzt darüber hinaus Kamikazedrohnen ein, so das Modell „Kub-Bla“ gegen Kiew oder das Modell „Lancet“ im Donbass. Drohnenaufklärung in Kombination mit Artilleriefeuer erwies sich für Russland als besonders effektiv. 

Anders als die Ukraine setzte Russland auch sehr erfolgreich Drohnen für strategische Luftangriffe auf die kritische ukrainische Infrastruktur ein. Die russischen Streitkräfte hatten die notwendigen Drohnen zunächst nicht zur Verfügung, importierten aber ab Sommer 2022 aus dem Iran „Shahed-131/36“-Drohnen. Der Iran lieferte mindestens geschätzte 3000 Stück an das russische Militär. Damit besitzt Russland ein billiges, effizientes Waffensystem, das hohen Druck auf die ukrainischen Verteidiger ausübt. Es bindet die ukrainische Luftabwehr und dient der Abnützung des verfügbaren FliegerabwehrmunitionspotenzialsIhr vorgestaffelter Einsatz ermöglicht oft erst den gezielten Einsatz von Marschflugkörpern. Außerdem kostet eine „Shahed“-Drohne etwa 20.000 Euro, jede IRIS-TInfra-Red Imaging System – Tail/Thrust Vector controlled-Abwehrrakete der Ukraine ganze 450.000 Euro. Russland hätte ohne diese „fliegenden Mopeds“, wie die Ukrainer sie nennen und von denen sie mehrere tausend abgeschossen haben, nicht seine strategische Luftkampagne durchführen können. Die Ukraine hingegen konnte zu diesem Zeitpunkt lediglich symbolische Angriffe auf Ziele im russischen Hinterland und in Moskau mit wenig leistungsstarken Langstreckendrohnen durchführen.

Grapfische Zeichnung einer Shahed-Drohne, Gewicht 200 Kilo, Länge 3,5 Meter, Reichweite bis 2500 km

Russischer Umschwung: Seit Sommer 2022 setzte Russland vermehrt zunächst aus dem Iran importierte Kamikaze-Drohnen des Typs "Shahed 136" ein. Sie dienen im vorgestaffelten Einsatz vor allem dazu, die ukrainische Luftabwehr zu binden.

picture alliance / dpa / dpa Grafik | dpa-infografik GmbH

Inzwischen werden „Shahed“-Drohnen in Russland zusammengesetzt und mit russischen Komponenten bestückt. Auch bei den FPV-Drohnen hat Russland nachgelegt; Drohnen unterstützen die Elektronische Kampfführung (EloKaElektronische Kampfführung) und die Informationskriegführung. Die russische „Orlan-10“ beispielsweise kam als Teil eines EloKaElektronische Kampfführung-Komplexes zum Einsatz, um im Rahmen psychologischer Kriegführung Kurznachrichten an ukrainische Soldaten zu versenden. 

Bis heute setzen ukrainische und russische Streitkräfte tausende Drohnen ein. Aufklärungsdrohnen schaffen ein transparentes Lagebild, Angriffsdrohnen erzielen zerstörerische Wirkung. Ihr Einsatz hat seit Februar 2022 eine Dynamik entwickelt, die Beobachtende dazu bewegt hat, von einer „Revolution der Kriegführung“ oder zumindest einer bedeutenden qualitativen Veränderung zu sprechen. Diese Ansicht wird nicht allseits geteilt.  Tatsächlich scheint es vornehmlich auf die jeweiligen Umstände des Drohneneinsatzes anzukommen, also darauf, ob und wie sich der spezifische Kriegsverlauf im Zuge des Wettlaufs zwischen Drohneneinsätzen und Gegenmaßnahmen verändert und welche Rolle industrielle Kapazitäten und finanzielle Kraft spielen. 

Legt man die beiden Faktoren „qualitativer Wettlauf“ und „industrielle Kraft“ zugrunde, dann geht das derzeitige Bild nicht zum Vorteil der Ukraine aus. Elektronische Gegenmaßnahmen der russischen Seite haben die Effektivität ukrainischer Drohnen erheblich gemindert. Russland ist es gelungen, die ukrainischen Drohnen zu circa drei Viertel zu stören, das heißt abzulenken und als präzises Eingriffsmittel zu neutralisieren (jammen). Dadurch können die Ukrainer FPV-Drohnen nicht mehr so wirksam einsetzen wie in den Monaten zuvor. Auch weitreichende Drohnen „jammt“ die russische Seite zunehmend effektiv. Entsprechend wies der vormalige ukrainische Generalstabschef Valery Saluschny in einem Beitrag für den Economist darauf hin, dass sein Land die Offensive zur Rückeroberung der besetzten Gebiete erst dann wieder aufnehmen könne, wenn es zu Fortschritten in der elektronischen Kriegführung (gemeint war die Abwehr des russischen Jamming) – und anderen Waffenbereichen – käme. Hinzu kommt der Faktor „industrielle Kraft“: Russland baut heute schon mehr und qualitativ hochwertigere Drohnen als die Ukraine, deren rüstungsindustrielle Kapazität darniederliegt. Russland stellt nicht nur FPV-Drohnen industriell her. Bereits im August 2023 offenbarten geheimen Dokumente, dass Russland beabsichtigt, bis 2025 6000 „Shahed“-Drohnen (russisch: „Geran“) herzustellen.

Ein Soldat steht im Dunkeln im Gelände und hält eine kleine First-Person-View-Drohne in der Hand.

Innovation auf dem Gefechtsfeld: Der Einsatz sogenannter First-Person-View-Drohnen brachte der Ukraine teilweise taktische Vorteile im Kampfgeschehen.

picture alliance / abaca | Smoliyenko Dmytro / Ukrinform / ABACA

Die Auswirkungen dieser Entwicklungen auf dem Schlachtfeld sind absehbar. Erfolg hatte die Einsatzführung der Ukraine immer dann, wenn sie mobil war. Doch die Russen haben es immer wieder geschafft, den Gegner in eine stationäre Kampfführung zu zwingen. So wird der Krieg zum Abnutzungskrieg, der die russische Seite bevorteilt. Nur auf diese Weise kann Russland seine eigenen Fähigkeiten ausspielen, zum Beispiel beim Einsatz massiver Artillerie. Dieses Dilemma wollte die Ukraine bereits mit ihrer Juni-Offensive 2023 durchbrechen. Nachdem die Offensive nicht die in sie gesetzten Ziele erreichte, hat Russland die Ukrainer wieder in den Stellungskrieg hineingezwungen. Beide Seiten stecken in einer Art Pattsituation. Und technologische Entwicklungen verstärken diesen Trend. Während die Ukraine immer wieder sehr innovativ neue Waffensysteme eingeführt hat, hat die russische Seite diese Neuerungen oft kopiert und selbst zu produzieren begonnen. Mittlerweile gibt es in der Ukraine das sogenannte gläserne Gefechtsfeld, auf dem für Angreifer wie Verteidiger keinerlei taktisches oder operatives Manöver mehr möglich ist. Jeder Ansatz von mechanisierten Kräften wird sofort aufgeklärt und schon im Ansatz durch umfangreiche Angriffsdrohnenschwärme oder von Drohnen gesteuerten Artillerieeinsatz zerschlagen. Hinzu kommen Minen und Hinterhalte mittels Panzerabwehrlenkwaffen. Beide Kriegsparteien sind in einen elenden Abnützungskrieg gedrängt. Dieser dürfte – wenn es nicht zu einer qualitativen Erhöhung der Militärhilfe seitens der westlichen Staaten kommt – zum Nachteil der Ukraine ausgehen.

Ausblick

Die laufenden Drohneneinsätze in den Kriegsgebieten der letzten Jahre offenbaren, dass unbemannte Waffensysteme zum Mittel der ersten Wahl in der modernen Kriegführung geworden sind, und zeigen zugleich, welche Leistungskapazitäten Drohnen besitzen. Die dargestellten Entwicklungen lassen erkennen, dass in aktuellen Konfliktgebieten staatliche wie nichtstaatliche Akteure immer stärker auf Drohnen setzen. Die derzeitige Drohnenkriegführung ist ein klares Phänomen moderner Kriege. So wie westliche Staaten die Fähigkeit einer präziseren und möglicherweise humaneren Art der Kriegführung betonen, so entdecken auch andere Akteure, welchen Nutzen der Einsatz von Drohnen ihnen bringen kann. 

Zwei Personen laufen auf einer Straße vor einem durch eine Drohne zerstörten und brennenden Haus.

Zivile Ziele: Russland fliegt fast täglich Drohnenangriffe in der Ukraine, die umfassende Zerstörungen verursachen und massiv die Zivilbevölkerung treffen. Im ersten Halbjahr 2025 gab es über 6000 zivile Opfer – der höchste Stand seit Kriegsbeginn.

picture alliance / MAXPPP | Nicolas Cleuet / Le Pictorium

Drohnen sind ein billiges und effizientes Mittel, das bei richtiger Anwendung strategische Wirkung erzielen kann. Sie ermöglichen, dass terroristische Organisationen über große Entfernung zuschlagen können. Vor allem haben sie zwei große Vorteile: Erstens muss sich der Akteur, der Drohnen einsetzt, keine Sorgen über menschliche Piloten machen. Zweitens lässt sich die Zugehörigkeit von Wracktrümmern öffentlich stets dementieren. Daher kann man davon ausgehen, dass in Zukunft vermehrt Flugobjekte „unbekannter“ Herkunft weltweit auf Kriegsschauplätzen auftauchen werden. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die erste von Terroristen gelenkte Drohne ein Fußballstadion oder eine kritische Infrastruktur in vermeintlich sicheren Staaten ansteuert – in verbrecherischer Absicht und mit verheerender Wirkung. Bereits jetzt eigenen sich Drohnen erschreckend gut als Waffenträger, sei es für das Mitführen von Luft-Boden-Waffen oder eine Beladung mit Sprengstoff. Ebenso könnten sie als Träger von chemischen oder biologischen Waffen verwendet werden. Würde ein derartiger Einsatz gar in Schwarmform erfolgen, könnte er tatsächlich katastrophale Auswirkungen haben.

Literatur

Bergen, Peter L./Rothenberg, Daniel, Hrsg. (2015): Drone Wars. Transforming Conflict, Law, and Policy. Cambridge: Cambridge University Press

Kunertova, Dominika (2023b): Drones have boots. Learning from Russia’s war in Ukraine, Contemporary Security Policy, 44 (4), 576–591

Reisner, Markus (2018): Robotic Wars. Legitimatorische Grundlagen und Grenzen des Einsatzes von Military Unmanned Systems in modernen Konfliktszenarien. Berlin: Miles Verlag

Sauer, Frank/Schörnig, Niklas (2012): Killer drones: The ‘silver bullet’ of democratic warfare? Security Dialogue, 43 (4), 363–380

Väth, Christian/Reisner, Markus (2022): Die taktische Drohne. Zivile Fluggeräte als militärische MittelWien: DG Media (Spartanat Black Book)

 

von Markus Reisner

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