Erinnerungen an die "Armee der Einheit" in Zeitzeugeninterviews
- Datum:
- Ort:
- Potsdam
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Zwischen 1991 und 1995 interviewte ein US-amerikanischer Historiker Offiziere und Unteroffiziere aus Bundeswehr und früherer DDR-Volksarmee. Seine Originalmitschnitte der Gespräche übergab er jetzt dem ZMSBw und stellte seine damalige Forschungsarbeit zur „Armee der Einheit“ unseren Wissenschaftlern vor: „Von der Konfrontation zur Kooperation“.
Die von Frederick Zilian 1991 bis 1995 geführten Interviews sind auf 47 dieser Audiokassetten anzuhören. Jetzt übergab er sie dem ZMSBw und stellte seine damalige Arbeit auf einem Kolloquium des Forschungsbereichs "Militärgeschichte nach 1945" vor.
Bundeswehr/NimpschAudiokassetten waren bis in die 1990er Jahre aus dem Alltag nicht wegzudenken. Mitschnitte der Lieblingssongs aus dem Radio wurden damit aufgenommen und auf Kassettenspielern oder einem Walkman immer wieder angehört, bevor die CD die „Tapes“ verdrängte. Auch Gespräche wurden so mitgeschnitten und blieben erhalten. Auch der pensionierte Oberstleutnant der U.S. Army Dr. Frederick Zilian nutzte „Tapes“, um seine 1991 bis 1995 geführten Interviews aufzunehmen. 102 Gespräche führte er mit Offizieren der alten westdeutschen und der dann gesamtdeutschen Bundeswehr sowie mit früheren Offizieren, Unteroffizieren und Zivilbeschäftigten der Nationalen Volksarmee der DDR, die anfangs erst wenige Monate Geschichte war. Sie bildeten eine wichtige Basis für Zilians Doktorarbeit, die 1999 unter dem Titel „From Confrontation to Cooperation. The Takeover of the National People´s (East German) Army by the Bundeswehr“ als Buch veröffentlicht wurde.
Die erst sehr kurz vergangene Zeit seit der Wiedervereinigung am 3. Oktober 1990 ist das Besondere an Zilians Gesprächen. Die Erinnerungen waren noch frisch, die Emotionen auch. Der Aufbau der Bundeswehr im damals „Fünf neue Bundesländer“ genannten Gebiet der früheren DDR war noch im vollen Gang, ja Stand noch am Anfang. Das Ende der DDR-Streitkräfte war formal am 2. Oktober, 24 Uhr. Aber eine Armee von Stand 2. Oktober rund 90.000 Männern und Frauen in Uniform (anders als die Bundeswehr hatte die NVA Frauen damals schon in allen Verwendungen) löst man nicht an einem Tag auf. Der Prozess der Auflösung dauerte rund zwei Jahre, er bedeutete konkret für die meisten NVA-Offiziere und Unteroffiziere die Entlassung. Von den rund 50.000 Zeit- und Berufssoldaten der NVA Stand 2. Oktober waren Ende 1990 noch 36.000 im aktiven Dienstverhältnis der Bundeswehr. Sie bekamen die Chance, in einer Probezeit von zwei Jahren sich für eine längere Verpflichtung bei der Bundeswehr zu bewerben. Knapp 11.000 von ihnen wurden ausgewählt. Hinter den Zahlen stehen Menschen mit ihren Hoffnungen, Erwartungen und sehr oft auch Enttäuschungen. Ihre Geschichte(n) bewahren die „Tapes“, authentisch, weil im O-Ton erzählt.
LtCol (U.S. Army, ret.) Dr. Frederick Zilian übergab seine "Tapes" an Oberstleutnant Dr. Klaus Storkmann, Projektbereichsleiter Militärgeschichte der DDR im Forschungsbereich Militärgeschichte nach 1945
Bundeswehr/NimpschSein Forschungsthema fand Frederick Zilian durch seine Verwendung als Verbindungsoffizier des U.S. Army Training and Doctrine Command beim Heeresamt in Köln. Im August 1989 trat er seinen Dienst dort an, drei Monate später fielen die Berliner Mauer und die innerdeutsche Grenze. Im Heeresamt war Zilian ganz dicht dran an den Entscheidungen, was aus den Soldatinnen und Soldaten der NVA werden soll. Es waren aber Entscheidungen nur auf der Durchführungsebene, die das umsetzen, was zuvor auf im Bonner Verteidigungsministerium beschlossen wurde. Wer die Liste der 102 Interviews studiert stellt auch schnell fest, dass Zilian die Durchführungsebene in der Bundeswehr befragt hat, und die Betroffenen aus der NVA. Politische Entscheidungsträger, der Minister und die Staatssekretäre des BMVg und der Generalinspekteur finden sich nicht unter seinen Gesprächspartnern. Dies schmälert aber nicht den historischen Wert seiner Interviews und der daraus entstandenen Publikation. Kritisch hinterfragt wurde von einem Historiker des ZMSBw aber, ob nicht der Zeitpunkt der Interviews nur Monate nach der Wiedervereinigung und im laufenden Prozess des Ab- und Aufbaus des Personals und der Strukturen zu früh war. Mancher Gedanke braucht Zeit um zu reifen, manche Einsicht auch. Aber die unmittelbare zeitliche Nähe zum Thema gab den Worten seiner Gesprächspartner auch die Kraft der Authentizität. Und diese bleibt der zukünftigen Forschung auf den Audiokassetten erhalten.
von Klaus StorkmannKooperationen, Vorträge, Workshops oder Tagungen des ZMSBw