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Museums- und Sammlungsverbund

Traditionen bilden, Wissen bewahren. Jüngste Einsatzgeschichte als Ausstellungsthema

Traditionen bilden, Wissen bewahren. Jüngste Einsatzgeschichte als Ausstellungsthema

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Manchmal entsteht eine Ausstellung auf Grundlage eines bestehenden Fundus´, manchmal wird extra für ein Ausstellungsprojekt gezielt eine Objekt- und Erfahrungssammlung aufgebaut – und manchmal geschieht beides parallel und im wechselseitigen Austausch.

Drei Soldaten stehen in Uniform vor einem Bergepanzer mit geöffneter Seitenluke

Interview zur 4. Rotation der eFP-Battle Group Litauen mit dem Bergetrupp der 1./PzBtl 393, von links: Stabsunteroffizier Sebastian E. (Interviewter), Stabsgefreiter Matthias Kaiser (Kurator) und Hauptfeldwebel Sascha Kämmerer (Kurator)

Bundeswehr/Matthias Kaiser

MILITÄRGESCHICHTE OHNE OBJEKTE

Die Brigadeführung der Panzergrenadierbrigade 37 „Freistaat Sachsen“ (hier künftig gemäß dem militärischen Symbol „X37“) in Frankenberg hat 2023 ein Forschungs- und Ausstellungsprojekt angestoßen, das im Museums- und Sammlungsverbund der Bundeswehr bisher einzigartig ist: den Aufbau einer Militärgeschichtlichen Sammlung, obwohl zu Beginn kaum Objekte, Bild- oder Schriftgut am Standort vorhanden waren.

Um diese zunächst schwierige Ausgangslage zu bewältigen, ist das Vorhaben in zwei Teilstränge gegliedert. Einen ersten Schwerpunkt bildet eine umfassende Interviewreihe in unterstellten Verbänden der Brigade. Dieser Projektansatz soll gleichzeitig Informationen und Objekte sichern, insbesondere zur Einsatzgeschichte von „X37“ im Kosovo, in Afghanistan, in Mali sowie bei aktuellen Entwicklungen im Rahmen von eFP (enhanced Forward Presence) in Litauen. Der zweite Teilstrang versucht, die Ausstellung in der Wettiner Kaserne in Frankenberg/Sachsen bei den Soldatinnen und Soldaten am Standort als festen Bestandteil des Dienstalltages zu etablieren. Durch vielfältige und auf hohe Partizipation ausgelegte Teilprojekte sollen Innere Führung und Historische Bildung als andauernde Begleiter und Reflexionsräume den Blick auf den besonderen Soldatenberuf und das eigene Selbstverständnis bereichern.

FORSCHEN UND SAMMELN

Zur nachhaltigen Nutzbarkeit, Systematisierung und Dokumentation der Interviews und mit ihnen verknüpften Einsatz- und Objektgeschichten wurde in Zusammenarbeit mit dem ZMSBw ein Fragebogen entwickelt. Er fragt sowohl nach den persönlichen Beweggründen der interviewten Soldatinnen und Soldaten für den Dienst in den Streitkräften als auch nach ihren Ansichten über aktuelle Fragen zur sicherheitspolitischen „Zeitenwende“ und zum Krieg in der Ukraine. Der Fragebogen richtet sich an Soldatinnen und Soldaten aller Dienstgradgruppen und Alterskohorten der Brigade, um ein möglichst breites Bild der individuellen Erfahrungen abzubilden. Die Fragen beleuchten Erfahrungen im Dienstalltag wie auch im Einsatzgeschehen und sind variabel auf das persönlich Erlebte zugeschnitten. So ist ein Gespräch in lockerer Atmosphäre möglich, in dem es um die persönlichen Ansichten der befragten Soldatinnen und Soldaten geht. Denn: In Zukunft werden diese jungen Kameradinnen und Kameraden die Bundeswehr entscheidend prägen und die „Zeitenwende“ strukturell zu bewältigen haben.

GROSSES INTERESSE, DAS ERREICHTE ZU BEWAHREN

Bereits kurz nach Beginn der Befragungen zeigte sich, dass das Vorhaben in den einzelnen Bataillonen der Brigade auf großes Interesse stieß. Schon von Anfang an erklärten sich viele Soldatinnen und Soldaten bereit, ihre vielfältigen Erfahrungen in der Bundeswehr zu schildern. Besonders die offenen Fragen ermöglichen es ihnen, persönliche Sichtweisen einzubringen. Damit leistet die Interviewreihe nicht nur einen Beitrag zur Dokumentation der Dienstalltags- und Einsatzgeschichte der Bundeswehr, sondern eröffnet auch Ansätze für eine von der Truppe selbst getragene Traditionsbildung.

Handschriftliche Aufzeichnungen und ein Klett-Patch liegen auf einem bedruckten, ockerfarbenen Shirt

T-Shirt und Patch des Zugführers eines Instandsetzungszugs mit Besprechungsnotizen aus seiner Zeit am OP-North in Afghanistan (2012/2013)

Bundeswehr/Sascha Kämmerer

PRAXIS UND THEORIE 

Aus den bisherigen Interviews lassen sich grundlegende Erkenntnisse ableiten, welche weit über die mögliche Kuratierung im Rahmen einer Ausstellung hinausreichen. 

Die erste betrifft etwa das Verhältnis der Truppe zu strategischen Konzepten. Die Aufstandsbekämpfungsstrategie in Afghanistan (FM 3-24 Counter Insurgency Field Manual, implementiert von US-General David H. Petraeus) wurde von den Soldatinnen und Soldaten im Einsatzgebiet nicht bewusst wahrgenommen oder reflektiert. Dennoch lässt sich anhand der Erzählungen klar erkennen, dass ihr operatives Handeln innerhalb der Phasen „Shape, Clear, Hold and Build“ (dt. „Gestalten, Säubern, Halten und Aufbauen“) strukturiert war. 

DER LANGE WEG DER GESAMTSTRATEGIE

Die Interviews verdeutlichen bisher, dass der Erlebnisraum von Afghanistanveteraninnen und -veteranen – geprägt von teils schweren Gefechten, Patrouillenfahrten oder Dienst im Feldlager – funktional in diese übergeordneten strategischen Rahmenbedingungen eingebunden war. Das Verhalten und Erleben der Soldatinnen und Soldaten vor Ort entsprach meist den geforderten strategischen Parametern und Handlungsanweisungen der Gesamtstrategie. Dies ist bisher zeitlich und räumlich aus den Interviews nachzuverfolgen. Die Soldatinnen und Soldaten zeigten interkulturell sensibles Verhalten, wenn dies erforderlich war, aber auch große Kampfkraft, wenn sie angegriffen wurden. Das Agieren im komplexen und widersprüchlichen Operationsraum war der Lage angepasst, trotz fehlender Informationen zur übergeordneten Strategie. Es entstand ein „unbewusster Raum“, in dem operative Wirksamkeit und operatives Handeln koexistierten, ohne dass die Soldatinnen und Soldaten die übergeordneten strategischen Vorgaben explizit verfolgten. Dieses konkrete Erleben einzufangen und im besten Fall mit historischen Objekten in einen Bezugsrahmen zu setzen, diese zu erhalten und zu präsentieren sind die Kernaufgaben der aufwachsenden Militärgeschichtlichen Sammlung in Frankenberg. 

Eine Zeichnung Jassir Arafats auf einer Zielscheibe mit Einschusslöchern neben den Augen

Schießscheibe der Afghan National Army (ANA) mit Einschusslöchern auf dem Abbild von Jassir Arafat, aufgefunden im Camp Sahin in Masar-i Scharif, 2012

Bundeswehr/Sascha Kämmerer

INNERE FÜHRUNG UND GUTE FÜHRUNG

Die Interviews zeigen, dass Soldatinnen und Soldaten in den Bataillonen von „X37“ ein starkes Interesse an Persönlichkeitsbildung und Innerer Führung besitzen. Der eigene Führungsanspruch, Führungsstil und die praktischen Führungstätigkeiten werden beständig sowohl von Führungskräften als auch von ihren untergebenen Dienstgraden kritisch reflektiert. Dies geschieht sowohl im Einsatz und auf Übungsplätzen als auch im Regeldienst innerhalb der Kaserne.

Ein Schild an einem Tisch fordert dazu auf, sich gratis Bücher zur politischen Bildung mitzunehmen

Niedrigschwelliges Bildungsangebot: Literatur zum Mitnehmen in Kooperation mit der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung

Bundeswehr/Sascha Kämmerer

Besonders hervorzuheben ist, dass alle Soldatinnen und Soldaten zur Eigenständigkeit angehalten werden. Viel Wert legen die Interviewten auf ihre Eigenverortung innerhalb des Gefüges der eigenen Dienststelle. In jeder Auftragslage sollen sie selbstständig innerhalb ihres Aufgabenbereichs handeln und nach eigenen Maßstäben vorgehen. Die Bundeswehr funktioniert innerhalb ihres Aufbaus eher ergebnisorientiert als verfahrensleitend. Das Leistungspotential der Soldatinnen und Soldaten ist erheblich, ihre Agilität immens, erfordert jedoch geeignete Rahmenbedingungen, um freigesetzt zu werden – eine Herausforderung für alle Dienstgrad- und Altersgruppen.

Führung und Handwerk

Die bisherigen Einsichten durch Interviews verdeutlichen ebenso, dass Konzepte der Inneren Führung kein Elitenprojekt sind, sondern von der Truppe aktiv aufgenommen werden. Gute Führung ist entscheidend für das soldatische Handwerk. Motivation, Einsatzbereitschaft und langfristiger Verbleib in der Bundeswehr hängen wesentlich von der Qualität der Führung ab. Zur Sicherung der Militärgeschichtlichen Sammlung am Standort Frankenberg werden deshalb verschiedene Projekte innerhalb der Kaserne durchgeführt. Ziel ist es, dass sich die Soldatinnen und Soldaten aktiv mit ihrer eigenen Dienst- und Einsatzgeschichte befassen, etwa durch die Gestaltung von Arbeitsräumen oder des Offizierskasinos. Auf diese Weise soll eine nachhaltige und dauerhafte Verankerung der Sammlung vor Ort gewährleistet werden.

Ein schwarzer Skorpion vor gekreuzten Fahnenlanzen auf orange-gelbem Holzschild

Kompanieschild der Gemischten Aufklärungskompanie Masar-i Scharif 2012/2013

Bundeswehr/Sascha Kämmerer

X37 IST BEREIT

Der von der Brigadeführung angestoßene langfristige Prozess zum Aufbau einer Militärgeschichtlichen Sammlung ermöglicht, dass sich alle Verbände der Brigade intensiv mit ihrer eigenen Einsatzgeschichte auseinandersetzen, daraus lernen und das erlernte militärische Handwerk bewahren. Es ist davon auszugehen, dass zukünftige Szenarien Elemente der Erfahrungen aus Afghanistan, Mali und Kosovo beinhalten werden. Dabei lassen sich keine klaren Trennlinien zwischen Auslandseinsatz und Landes- oder Bündnisverteidigung ziehen – insbesondere im Kontext hybrider Kriegführung ist ein integrativer Ansatz erforderlich. 

Ein Soldat in Uniform in einer Gesprächssituation am Tisch in einem gemütlichen Aufenthaltsraum

Interview mit dem Kompanietruppführer Stabsfeldwebel Heiko K. über seine langjährige Dienstzeit beim Aufklärungsbataillon 13 in Gotha

Bundeswehr/Matthias Kaiser

Die Militärgeschichtliche Sammlung in Frankenberg ist aus der Ausgangssituation ihrer Entstehung heraus dazu angehalten, diesen Prozess der intensiven Auseinandersetzung innerhalb von X37 zu begleiten, Resilienz zu stärken und Tradition zu stiften. 

von Matthias Kaiser und Sascha Kämmerer

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