Austritt Deutschlands aus der NATONorth Atlantic Treaty Organization?
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Am 5. Januar 2026 jährt sich zum 150. Mal der Geburtstag Konrad Adenauers, der von 1949 bis 1963 erster Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland war und diese in den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens prägte wie niemand sonst.
Die historischen Dokumente sind Kopien von Originalen aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv.
Bundeswehr/Andrea NimpschUnsere Quelle ist ein von Adenauer in Auftrag gegebenes, von Verteidigungsminister Franz Josef Strauß paraphiertes, seinerzeit streng geheimes Memorandum vom November 1959, in dem die Folgen eines möglichen deutschen Austritts aus der NATONorth Atlantic Treaty Organization erörtert werden.
Die Westbindung der jungen Bundesrepublik war nicht unumstritten. Vor allem links der politischen Mitte wurde befürwortet, man solle stattdessen lieber im Einvernehmen mit der Sowjetunion ein möglichst bald wiedervereintes, bündnispolitisch neutrales Deutschland anstreben.
Die feste Verankerung der Bundesrepublik in der Werte- und Verteidigungsgemeinschaft des Westens gegen diese neutralistischen Vorstellungen durchgesetzt zu haben, zählt zu Adenauers großen politischen Leistungen. Warum ließ er 1959, keine fünf Jahre nach Eintritt der Bundesrepublik in die NATONorth Atlantic Treaty Organization, die Möglichkeit eines Austritts aus dem westlichen Verteidigungsbündnis prüfen?
Adenauer hatte die Westbindung forciert, weil er mit anhaltenden expansiven Absichten der Sowjetunion rechnete. Seit Mitte der 1950er Jahre kamen ihm jedoch zunehmend Zweifel daran, ob die Bundesrepublik sich im Verteidigungsfall auf die uneingeschränkte Bündnistreue der USAUnited States of America verlassen könne. Vor allem hatte Adenauer dabei nukleare Waffensysteme im Blick.
Zwar war (und ist) die Bundesrepublik seit einem entsprechenden Bundestagsbeschluss von 1958 in die nukleare Teilhabe der NATONorth Atlantic Treaty Organization einbezogen. Ob diese Teilhabe sich im Ernstfall bewähren würde, schien Adenauer jedoch fraglich. Er befürchtete, dass Staaten, die nicht über eigene Kernwaffen verfügten, in der internationalen Politik mehr und mehr ins Hintertreffen geraten könnten.
In unserer Quelle werden die Folgen eines möglichen deutschen Austritts aus der NATONorth Atlantic Treaty Organization erörtert.
Bundesarchiv, Abteilung MilitärarchivDass Deutschland innerhalb der NATONorth Atlantic Treaty Organization keine eigenen Kernwaffen zugestanden werden würden, stand fest. Allerdings konnte Strauß dem Bundeskanzler in Sachen deutsche Kernwaffen keine Hoffnungen machen, heißt es doch auf Seite 7 des Memorandums, dass „eine deutsche Eigenproduktion für Atomsprengköpfe praktisch auf unabsehbare Zeit ausgeschlossen ist“. Ein Austritt aus der NATONorth Atlantic Treaty Organization hätte die Bundesrepublik um die nukleare Teilhabe gebracht, ihr aber nicht die Möglichkeit eröffnet, Atommacht zu werden.
Der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Austritt blieb ein Gedankenspiel, das deutlich macht, dass Staatsmänner vom Format Adenauers im Verfolg ihrer politischen Ziele stets alle, auch die auf den ersten Blick nicht naheliegend erscheinenden Möglichkeiten des Handelns in Betracht ziehen. Adenauer vertrat weiterhin die Auffassung, dass es für die Bundesrepublik zweckmäßig sei, den Erwerb eigener Kernwaffen nicht grundsätzlich auszuschließen. Seine Nachfolger im Amt teilten diese Auffassung nicht. Sie vertrauten auf die nukleare Teilhabe in der NATONorth Atlantic Treaty Organization. 1975 ratifizierte der Bundestag den Atomwaffensperrvertrag, mit dem sich die Bundesrepublik zum Verzicht auf eigene Kernwaffen verpflichtet.
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von Christoph KuhlDie abgebildeten historischen Dokumente sind Kopien von Originalen aus dem Bundesarchiv-Militärarchiv.