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Veranstaltungsbericht

Männlichkeiten, Militär und Gewalt im Wandel seit 1945

Männlichkeiten, Militär und Gewalt im Wandel seit 1945

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Am 25. und 26. Juni 2026 richteten der Forschungsverbund „Militär, Krieg und Geschlecht/Diversität“ (MKGD) und das ZMSBw den internationalen Online-Workshop „Masculinities, Militaries, Violence and Wars since 1945“ aus. Schwerpunkt war die interdisziplinäre Sicht auf militärische Männlichkeiten im globalen Kontext nach 1945.

Zwei Männer in Uniformen nehmen an einem Airsoft-Spiel teil.

Airsoft-Spieler in Uniform: Die Uniformen erinnern an Soldatenuniformen und spiegeln die Vorstellungen der zivilen Spieler von militärischer Männlichkeit wider

mauritius images / Antonio Gravante

Die Folgen des weltweiten Gender-Backlashes

In seiner Keynote machte der Politologe David Duriesmith (Sheffield) deutlich, wie stark der weltweite Gender-Backlash die Genderarbeit erschwert. Weil Entscheiderinnen und Entscheider oft vorauseilend Mittel zurückziehen, bleibt das tatsächliche Ausmaß schwer erfassbar, und um ihre Arbeit zu schützen, nutzen viele Organisationen ein strategisches Rebranding, indem sie das Thema Männlichkeit in Mainstream-Disziplinen verankern. Trotz aller Hürden biete die Krise auch eine Chance für neue Allianzen, um die Männlichkeitsmuster in institutionellen Machtstrukturen des Militärs oder der Diplomatie gezielter zu analysieren. Dass die Einbindung von Gender-Aspekten in bestehende Machtstrukturen jedoch nicht automatisch zu einem echten Strukturwandel führt, sondern oft der institutionellen Effizienz dient, verdeutlichte Karia Hartung (London). Die Politologin arbeitete heraus, dass die NATO die „Frauen, Frieden und Sicherheit“-Agenda (WPS) primär unter dem Aspekt der operativen Effizienz begreife. Anstatt interne, tief verwurzelte maskuline Machtstrukturen zu hinterfragen, richte sich der Blick fast ausschließlich nach außen. Dies erzeuge das Dilemma der „Gender Men“: Hochrangige Männer schaffen zwar Gehör für das Thema, werden intern jedoch häufig belächelt.

Zwischen Inszenierung und Ausstieg: Gegen-Narrative der Männlichkeit

Solcherart institutionelle innermilitärische Logiken wirken auch auf die Populärkultur, was der Literatur- und Kulturwissenschaftler Rüdiger Heinze (Braunschweig) am Beispiel von Hollywood-Kriegsfilmen zeigte. Filmische Repräsentation und reale Militärkultur bedingen sich gegenseitig, da Drehbücher vom Pentagon freigegeben werden müssen, sofern echte militärische Ressourcen genutzt werden sollen. Obwohl in den letzten Jahren Führungsrollen vermehrt durch Frauen besetzt wurden, werden sie entweder mit stereotyp maskulinen Eigenschaften dargestellt oder dramaturgisch geopfert, um dem männlichen Helden den finalen Sieg zu überlassen. Diese Mechanismen der narrativen Disziplinierung beschränken sich keineswegs auf Hollywood-Filme. Die Literaturwissenschaftlerin Thilini Meegaswatta (Nawala, Nugegoda) wies ein ähnliches Muster in der sri-lankischen Literatur über den Bürgerkrieg und Kämpferinnen der tamilischen Unabhängigkeitsbewegung Liberation Tigers of Tamil Eelam (LTTE) nach. Um die Aneignung von militarisierter Härte durch die Kämpferinnen im Narrativ systematisch zu entmachten, werde diese als Trauma-Reaktion pathologisiert oder durch narrative Rückführungen in traditionelle, patriarchale Rollenmuster entkräftet. Dina Bolokan (Bath) machte den umgekehrten Wechsel von der narrativen Repräsentation zum aktiven, lebensweltlichen Ungehorsam deutlich. Die Soziologin untersuchte anhand von russischen Deserteuren, wie verschiedene Arten des Ungehorsams traditionelle Männlichkeitsentwürfe untergraben. Bemerkenswert ist der Befund, dass nicht die Abstraktheit des Krieges, sondern reale Erfahrungen wie die Vaterschaft das traditionelle Bild des harten Mannes (Muschik) am nachhaltigsten erschüttern.

Militarisierte Männlichkeit im Dienst der Staaten

Ein zentraler Roter Faden des Workshops war die Erkenntnis, dass Streitkräfte und Regierungen gezielt Männlichkeitsmodelle konstruieren, um sich moralisch oder politisch zu legitimieren. Die Kunsthistorikerin Ana Catarina Pinho (Lissabon) demonstrierte dies am Beispiel des portugiesischen Estado-Novo-Regimes in dessen Spätphase 1961–1974. Das Ideal des „Bürgersoldaten“ wurde durch die Jugendorganisation Mocidade Portuguesa tief im Gedächtnis Portugals verankert und in der Spätphase des Kolonialkriegs strategisch zum Bild des „günstigen Beschützers“ umformuliert, um die imperialen Herrschaftsansprüche in Afrika abzusichern. In der Erinnerungskultur etablierte sich das Militär als befreiende Institution, indes Gewalttaten exklusiv der Geheimpolizei PIDE zugeschrieben wurden – ein Beispiel dafür, wie Erinnerungskulturen Männlichkeitsbilder umdeuten, um staatliche Neuanfänge zu legitimieren. Diese staatlich gelenkte moralische Aufladung des Soldatenbildes findet sich in ähnlicher Weise in Kolumbien wieder. Die Politologin Melissa Sánchez (Eichstätt-Ingolstadt) zeigte auf, wie die Armee ein Modell der „Männer der Ehre“ konstruiert. Durch ein moralisch-religiöses Vokabular wird der Soldat als gottesfürchtig und opferbereit stilisiert, was die Institution vor Kritik an Menschenrechtsverletzungen abschirmt. Gleichzeitig normalisiert dieses harte, heteronormative Ideal sexuelle Gewalt und grenzt Frauen sowie nicht-hegemoniale Männer als „das Andere“ systematisch aus.

Männer in traditioneller Verkleidung der Comanchen und in Uniformen der US-Armee 1940.

Angehörige der Comanchen in der 4th Signal Company während der Ausbildung in Ft. Gordon, ca. 1940. Ihre Sprache war vom Aussterben bedroht, für Außenstehende nicht verständlich und darum als militärische Geheimsprache praktiziert.

mauritius images / Alamy Stock Photos / Imago History Collection

Die Zukunft der kritischen Männlichkeitsforschung

Dass solche Männlichkeitskonstrukte keineswegs homogen sind, sondern für diskriminierte Gruppen schwerwiegende Identitätskonflikte bergen, verdeutlichte der Blick in die USA. Der Historiker Matthias Voigt (Berlin) untersuchte die Dualität indigener Soldaten (Lakota/Sioux), die den Dienst im US-Militär einerseits als Fortführung eigener Kriegertraditionen nutzen, andererseits aber in einer kolonialen Institution mit rassistischen Stereotypen wie dem „Indian-Scout“-Syndrom, – der Annahme, dass indigene Militärangehörige besonderer Fähigkeiten beim Spurenlesen oder beim Überleben in der Wildnis haben, – konfrontiert waren. Die Frustration darüber mündete im politischen Aktivismus der Red-Power -Bewegung.

Im abschließenden Plenum plädierten der Militärsoziologe und Politikwissenschaftler Heiko Biehl (Potsdam) und David Duriesmith für eine geschärfte Systematisierung in drei Dimensionen: Geschlecht als konkretes Thema, als analytische Perspektive auf Machtgefüge und als politisch-kulturelles Instrument zur Definition nationaler Rollenmuster. Der Workshop verdeutlichte, dass Männlichkeitsbilder tiefgreifende Auswirkungen auf die epochale Außen- und Sicherheitspolitik haben, weshalb Geschlecht stets intersektional mit strukturellen und sozioökonomischen Realitäten zusammengedacht werden sollte. Angesichts einer globalen Geopolitik, in der autoritäre und nationale Akteure wieder offen auf patriarchale Muster setzen, plädierte das Plenum für eine strategische Neuausrichtung der Forschung, die Repräsentation, Erinnerungskultur und realpolitische Folgen noch enger miteinander vernetzt.

von Lisa Pohl

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