Generalleutnant a.D. Werner von Scheven
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Am 18. August 2026 verstarb Werner von Scheven. Er baute ab Oktober 1990 die Bundeswehr im Osten Deutschlands in entscheidender Führungsverantwortung mit auf. In 37 Jahren Dienstzeit und auch danach war er immer den Werten und der Weiterentwicklung der Inneren Führung, Fragen der Tradition und den Militärhistorikern der Bundeswehr eng verbunden.
Werner von Scheven 1988 als Generalmajor und Kommandeur der Führungsakademie der Bundeswehr
BArch B 145 Bild-F077696-0008/Engelbert ReinekeScheven sah sich selbst als „Berliner Junge“... Das zerstörte Berlin, die sowjetische Eroberung und Besatzung und die erste Zuspitzung des beginnenden Kalten Krieges prägten sich ins Gedächtnis des jungen Werner ein. Ein „glücklicher Entschluss“ seines Vaters (so rückblickend Scheven), die Familie in den Nachkriegswirren in Hessen zusammenzuführen, änderte die Richtung seines Lebens. An Bord eines Flugzeuges der Luftbrücke wurde der elfjährige Werner 1948 ausgeflogen. Er entschied sich direkt nach dem Abitur 1957 in Gießen, Offizier zu werden. Seine erste militärische Heimat waren das Panzerbataillon 54 und dann der Stab der Panzergrenadierbrigade 5, beide in Nordhessen, der neuen Heimat seiner Familie. Während seiner Zeit als Zugführer im Panzerbataillon 54 diente im Artilleriebataillon der Brigade auch Leutnant Jörg Schönbohm.
Nach dem Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg (ein Lehrgangskamerad war Schönbohm) absolvierte Scheven die Generalstabsausbildung am Command and General Staff College der U.S. Army in Fort Leavenworth, Kansas. Zwischen Führungsverwendungen als Kommandeur des Panzerbataillons 143 in Koblenz und der dortigen Panzerbrigade 15 lagen sechs Jahre zunächst als Referent in der Personalabteilung und dann als Referatsleiter Innere Führung im Führungsstab der Streitkräfte.
Als Stabsabteilungsleiter für Innere Führung, Personal, Ausbildung konnte Brigadegeneral von Scheven ab 1985 seine eigenen Akzente in der Weiterentwicklung dieser wichtigen Basis des Soldatseins in der Bundeswehr setzen. An die Studentenbewegung der späten 1960er-Jahre erinnerte sich Scheven als „Herausforderung“, gerade wegen deren „antiamerikanischen Untertons“, der „versuchte, uns als guten Bündnispartnern einen Stachel einzupflanzen“. Die Existenz der Bundeswehr, die Wehrpflicht und die Abschreckung mussten immer wieder gerechtfertigt werden. Scheven zog den Schluss, es komme auf die „geistige Rüstung des Soldaten“ an. Der Herausforderung auszuweichen und sich in „militärisches Handwerkertum“ zu flüchten, entsprach nicht seinem beruflichen Selbstverständnis. Das bewies Scheven, als er ab 1991 als Befehlshaber des Korps- und Territorialkommandos Ost in Wildpark vor den Toren Potsdams viele weitreichende Entscheidungen zu treffen hatte. Schon unmittelbar am 3. Oktober 1990 begann er, zunächst als Stellvertreter von Generalleutnant Schönbohm, in Strausberg mit dem Aufbau der Bundeswehr im Osten des vereinten Vaterlands und – damit verbunden – die Auflösung der DDR-Streitkräfte.
Vor dem Tag der Deutschen Einheit sagte Scheven, die Soldaten der NVA sind „dann unsere Kameraden“. Schönbohms Prämisse „Wir kommen nicht als Sieger zu Besiegten, sondern als Deutsche zu Deutschen“ war auch Richtschnur seiner Entscheidungen. Die Verantwortung für die zuletzt 42 000 Soldaten des Heeres in den Fünf Neuen Bundesländern und Berlin gab er 1994 mit der Versetzung in den Ruhestand ab.
Kommandoübernahme: Generalmajor Werner von Scheven (links) übernimmt im April 1991 das Korps- und Territorialkommandos Ost. Im Bild rechts Generalleutnant Jörg Schönbohm
picture alliance/ASSOCIATED PRESS/Hans Jörg KraussAls Referatsleiter für Innere Führung, später als Leiter der Stabsabteilung und seit 1988 als Kommandeur der Führungsakademie meldete sich Scheven mit fundiert und stets überzeugend argumentierenden Aufsätzen und Artikeln in Zeitschriften wie den „Informationen für die Truppe“, der „Europäischen Wehrkunde“ und der „Truppenpraxis“ zu Wort. „Tradition heißt Arbeit“ und sei die „Kraft der Überlieferung und die Fähigkeit zum Lernen“, überschrieb er einen seiner Aufsätze sehr zutreffend.
In den 1990er-Jahren rückten dann Veröffentlichungen über die Auflösung der NVA und den Aufbau der Bundeswehr im Osten Deutschlands ins Zentrum seiner Publikationen. Werner von Scheven war ein sehr gefragter Zeitzeuge.
„War jemals zuvor eine derartige Umwälzung so wenig strategisch und organisatorisch vorbereitet worden? Es gab keine Visionen, keine Strategien, keine Publikationen, keine Pläne“, „das Ganze war alles andere als generalstabsmäßig vorbereitet“, erinnerte er sich 2007. „Wir waren Kinder des Kalten Krieges“, die Feindbilder sah er rückblickend als „Zerrbild“, im Osten und im Westen, und meinte, angelehnt an Ingeborg Bachmann: „Die Teilung nimmt uns Vieles ab, das Denken nicht zuletzt.“
Generalleutnant Werner von Scheven begrüßt im Oktober 1991 Bundesverteidigungsminister Dr. Gerhard Stoltenberg im Korps- und Territorialkommando Ost in Potsdam
picture-alliance/ZB|Peer GrimmBis 2011 engagierte sich Scheven als Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates des BMVg für das MGFA. Den Militärhistorikern der Bundeswehr war er schon seit seinen Jahren als Referatsleiter Innere Führung eng verbunden gewesen. Er beteiligte sich an zahlreichen Publikationen des Hauses als Autor, u.a. am 2010 erschienenen Militärgeschichtlichen Handbuch Brandenburg-Berlin.
Die, die ihn kannten, erinnern sich an Werner von Scheven als angenehme Persönlichkeit, immer freundlich auf die Menschen zugehend. Dabei war er im Urteil stets klar und eindeutig. Als Vorgesetzter lebte er Innere Führung vorbildhaft. Für seine engen Mitarbeiter war er ein großes Vorbild. Nie habe er leichtfertig entschieden. Er war nachdenklich im positivsten Sinne.
Schon 1985 hatte Scheven als Autor zu den ethischen Herausforderungen des Offizierberufs publiziert. In „De officio“ leitete er mit seinen Gedanken u.a. die Kapitel zu „Führen“, „Gehorchen“, „Dienen“ und „Erziehen“ ein. Der Offizier diene „gleichermaßen dem Vaterland, den Menschen und seinen Soldaten“. Menschenführung war für ihn die „vornehmste Aufgabe“ und „der Schlüssel zum Erfolg“.
„Mündiger Gehorsam“ drücke sich in „Mitdenken, Initiative, Mut und Hingabe“ aus. Diese vier Worte bringen auf den kurzen Nenner, wie Werner von Scheven seinen Dienst in der Bundeswehr und für die Bundeswehr verstand.
von Klaus Storkmann