James Bond lässt grüßen? Die Aufstellung des Kommandos Spezialkräfte 1993 bis 1996
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Das Kommando Spezialkräfte umweht seit jeher ein Mythos. Welche Aufträge das KSK erfüllt und wer dieser Eliteeinheit angehört, unterliegt weitgehend der Geheimhaltung. Die deutschen Kommandosoldaten gehörten zu den ersten Einsatzkräften in Afghanistan nach den Terroranschlägen von „9/11“. Der Entschluss zur Aufstellung eigener deutscher Spezialkräfte erfolgte indes bereits in den 1990er-Jahren, als klar wurde, dass die Bundeswehr ein neues Aufgabenspektrum erfüllen muss.
Der Wille entscheidet: 1996 wurden die ersten Soldaten Teil der neuen Elitetruppe des KSK, Foto vom 17. September 1996
picture alliance / Ulrich Baumgarten | Ulrich BaumgartenIm Jahr 2026 begeht das Kommando Spezialkräfte (KSK) seinen 30. Geburtstag. Als Initialzündung für die Aufstellung deutscher Spezialkräfte gilt gemeinhin das Frühjahr 1994. Die auch von hochrangigen Zeitzeugen bestätigte offizielle Lesart knüpft die Entstehung des KSK an eine deutsche Defiziterfahrung:
Sonderabzeichen Kommandosoldat: Zeichen für den erfolgreichem Abschluss der Basisausbildung im KSK
BundeswehrAls im Frühjahr 1994 elf deutsche Staatsbürger aus dem vom genozidalen Bürgerkrieg erschütterten ostafrikanischen Land Ruanda evakuiert werden mussten, wurde deutlich, dass hierzu geeignete eigene Kräfte fehlten. Die Mitarbeiter des Auslandssenders „Deutsche Welle“ und ihre Familienmitglieder konnten daher am 13. April 1994 nur durch belgische Fallschirmjäger gerettet werden. Die Bundeswehr bedurfte also einer Truppe, die in der Lage war, Geiselbefreiungen, Evakuierungen und weitere Spezialoperationen durchzuführen.
Der dann offiziell am 20. September 1996 am Standort Calw in Dienst gestellte Verband war von Anfang an umstritten. Kritische Stimmen aus Politik, Presse und Öffentlichkeit hinterfragten die Notwendigkeit eines solchen Truppenteils. Sie sorgten sich auch um die Verfassungstreue einer weitgehend im Verborgenen operierenden und daher politisch schwieriger zu kontrollierenden Elitetruppe. Aufgrund des weitgehenden Fehlens eigener Erfahrungen stützten sich die Vorstellungen über Spezialkräfte in Deutschland zu jener Zeit vor allem auf Bilder von der Kinoleinwand: Als Verkörperung von Spezialkräften erschien vielen der im Film seit dem Jahr 1962 geläufige Commander James Bond. Hinzu kam in den 1980er-Jahren Captain John J. Rambo. Beide kannte das Publikum durch ihre Bewährung in aussichtslosen Situationen, nicht aber durch besondere Neigung zu Regeltreue und gewaltarmer Konfliktlösung.
Neues Verfahren: Das sogenannte fast roping, also das extrem schnelle und ungesicherte Abseilen aus einem Hubschrauber, wurde mit Aufstellung des KSK n der Bundeswehr zugelassen
Bundeswehr / Johannes HeynAls Gesamtorganisation hatte die Bundeswehr wenig Erfahrung mit speziellen Operationen. Auch insgesamt standen Konflikte, die später als „asymmetrisch“ bezeichnet wurden, kaum auf ihrer Agenda. Schon das vermeintliche Gründungsdokument, die Himmeroder Denkschrift von 1950, hatte jegliche Verteidigungskonzeption im Sinne eines Partisanenkampfes unter Verweis auf den Charakter des deutschen Soldaten sowie auf das hierfür ungeeignete Gelände in Mitteleuropa ausgeschlossen. Mit Aufstellung der Bundeswehr ab der Jahreswende 1955/56 spielte diese Verteidigungskonzeption keine Rolle. Zwar rieten bereits zu dieser Zeit interne Gutachten dazu, gegnerische Untergrund und Partisanentruppen durch für diese Zwecke geschulte Sonderformationen zu bekämpfen. Doch fokussierten sich die Landstreitkräfte der Bundeswehr des Kalten Krieges derart auf das gepanzerte Gefecht, dass Kommandoaufgaben als geradezu exotisch erschienen.
Nach heutigem Verständnis galten während des Kalten Krieges lediglich die Kampfschwimmerkompanien der Marine als Spezialeinheiten der Bundeswehr, während die 1962 aufgestellten (und zwischenzeitlich aufgelösten) drei Fernspähkompanien des Heeres in heutiger Diktion als „Spezialisierte Kräfte“ gelten würden. Dagegen nahmen die neun Fallschirmjäger- und drei Gebirgsjägerbataillone zwar vom militärischen Habitus her teils einen elitären Nimbus für sich in Anspruch, doch waren sie durch Wehrpflichtige ergänzt und verfügten auch sonst nicht über jene technisch anspruchsvolle Ausrüstung und taktischen Verfahren, die zur gleichen Zeit beim britischen Special Air Service (SAS) oder den US-amerikanischen Special Operations Forces gebräuchlich waren.
Frühe Planungen: Bereits 1993 entstand ein Entwurf für die Gliederung künftiger Truppen für spezielle Einsätze
Bundeswehr/NogliErst nach 1990 rückten für die Bundeswehr Aufgaben in den Fokus, die auch neue Fähigkeiten erforderlich machten. Mit Hochdruck arbeitete man auf der Bonner Hardthöhe an der Ausplanung neuer Heeresstrukturen – und nach dem Vorfall in Ruanda ab 1995 auch an der konkreten organisatorischen Gestalt des künftigen KSK. Bereits ab 1992 waren drei Einheiten der Fallschirmjägertruppe zu Kommandokompanien umgegliedert worden. Ein Jahr später berichtete ein Lehrstabsoffizier an der Luftlande-/Lufttransportschule in Altenstadt über die ersten Erfahrungen eines neuen Lehrgangs zum Kommandokampf. Allerdings untersagte noch zu Jahresbeginn 1995 der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Hartmut Bagger, die Verwendung der Bezeichnung „Spezialkräfte“. Stattdessen sollte einstweilen nur von „Verfügungskräften des Heeres“ gesprochen werden. Bekanntermaßen war das im Aufbau befindliche KSK dennoch bald Gesprächsstoff. Davon zeugt ein Auskunftsbegehren des Wehrbeauftragten vom März 1995 zur möglichen Ausbildung von Kommandosoldaten für Auslandseinsätze genauso wie eine Kleine Anfrage der Bundestagsfraktion der Partei Bündnis 90/Die Grünen an die Bundesregierung zu Weihnachten 1996.
Die Geschichte des KSK wurde bisher zumeist unter drei Gesichtspunkten betrachtet: erstens über seine Operationen, zu denen aber naturgemäß nur wenig öffentlich verlautbare Erkenntnisse vorliegen. Zweitens wurde der Verband von seinen (ehemaligen) Angehörigen beschrieben, die detailliert das extrem fordernde Auswahl- und Ausbildungsprogramm nachzeichneten – und damit stets ihre Identität als Elite im Sinne von „Auswahl“ klar betonten. Drittens begegneten Teile der Öffentlichkeit, vor allem der Presse und des politischen Raums, militärischen Eliteformationen oft negativ oder doch ambivalent: Insbesondere die Fallschirmjäger erschienen mitunter als schwer kontrollierbare Krieger – dies galt erst recht für die Kommandosoldaten. Ein vierter Punkt allerdings fand bisher kaum Aufmerksamkeit: Die Frage nach der organisatorischen Ausplanung eines Spezialkräfteverbandes, für dessen Gestalt es in der Bundeswehr keine Vorbilder gab.
Ohne auf die noch der Geheimhaltung unterliegenden Operationen des KSK eingehen zu können, liefern die zugänglichen Archivquellen wertvolle Einblicke in die Planungsprozesse zu Aufgabe und Gliederung des KSK. Für die Spezialkräfte in Calw wurde ein Truppenteil mit völlig neuartiger Struktur geschaffen. Diese unterschied sich klar von jenen organisatorischen Leitbildern, die das westdeutsche Heer seit Ende der 1950er-Jahre gekennzeichnet hatten. Dies war vor allem der gepanzerte Großverband, der sich organisch aus Elementen verschiedener Truppengattungen zusammensetzte, um so im Gefecht der verbundenen Waffen gegen ebenfalls gepanzerte Großverbände der Gegenseite bestehen zu können. Abgesehen von der in Teilen nuklearfähigen Raketenartillerie war das Feldheer organisatorisch auf gepanzerte Kräfte fokussiert. Gegenüber der gemischten gepanzerten Brigade und ihrem Einsatz im Gefecht der verbundenen Waffen traten infanteristische Aufgaben wie der – individuell fordernde, doch mit technischer Minimalausstattung zu bewältigende – Jagdkampf der leichten Infanterie in den Hintergrund. Das Territorialheer dagegen hatte im Verteidigungsfall zwar zentrale Aufgaben zu erfüllen, doch galten seine Truppenteile geradezu als das Gegenteil einer Elite, schließlich waren sie zumeist mit Reservisten aufzufüllen.
Indessen forderten die Heeresplaner schon vor dem Mauerfall eine „professionellere“ Truppe. Damit meinten sie insbesondere eine modernere Ausrüstung und mehr Stellen für länger dienende Soldaten. Zu Jahresbeginn 1995 wurde auch in der Öffentlichkeit erstmals breiter über die geplante neue „Spezialtruppe“ berichtet. Zum Beispiel warnte das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ alarmistisch vor Plänen des Verteidigungsministeriums, angeblich 50.000 Soldaten der Bundeswehr für weltweite Interventionsaufgaben bereit zu stellen. Dabei rückte das Blatt auch den „Krieg im Kleinformat“ in den Blick, also Kommandoaufgaben wie etwa Geiselbefreiungen. Gewohnt süffisant hieß es: „180 möglichst eiskalte Elitekämpfer hat die Bundeswehr in der Abgeschiedenheit Oberbayerns schon ausgebildet.“ Hinter solchen Formulierungen verbarg sich wohl auch eine gewisse Unsicherheit.
Rambos unerwünscht: "Kommandosoldaten" kannte die Mehrheit der Deutschen nur aus Actionfilmen wie "Rambo – First Blood" aus dem Jahr 1982
picture alliance / Collection Christophel NZ | NZHier, wie auch in anderen Fällen, kontrastierte das Staunen der Presse mit der Betonung militärisch solider Ausbildung seitens der interviewten Kommandosoldaten. Ein Soldat, der sich mit seinen Kameraden in der nord-norwegischen Arktis auf Kommandoaufgaben vorbereitete, mochte noch so deutlich betonen, dass „Typen, die mit dem Messer zwischen den Zähnen im Wald rumlaufen“, nichts taugten. „Rambos“ seien fehl am Platz. Dessen ungeachtet betonten die Reporter der „Bild“-Zeitung die hünenhafte „Schwarzenegger-Figur“ des Interviewten. Im November 1996 unterstrich Inspekteur des Heeres Generalleutnant Helmut Willmann hingegen den Elitecharakter, aber auch die enge Rechtsbindung der zwei Monate zuvor aufgestellten Truppe. Er betonte, dass sich „Kigali nicht wiederholen“ dürfe. Auch er bezog also die Notwendigkeit, deutsche Spezialkräfte aufzustellen, auf die Ereignisse in Ruanda von April 1994.
Anders als oft angenommen, erfolgten die ersten konkreteren Planungen zu deutschen Spezialkräften indes bereits vor der Evakuierungsoperation in Ruanda. Schon die im November 1992 von Verteidigungsminister Volker Rühe erlassenen Verteidigungspolitischen Richtlinien sahen für die Bundeswehr eine äußerst breite Palette zukünftiger Aufgaben vor. Damit rückten indirekt, aber vernehmbar, auch Maßnahmen gegen den globalen Terrorismus sowie mögliche Evakuierungsoperationen ins Blickfeld.
Erste Zielplanungen: 1995 existierte bereits eine Planung für eine erste Grobstruktur des KSK
Bundeswehr/NogliAb Juli 1994 begannen die Planungen für eine neue Heeresstruktur. Sie trug ihr Programm bereits im Namen: An die Stelle der Heeresstruktur 5 sollte drei Jahre später das „Neue Heer für Neue Aufgaben“ treten. Insbesondere mittels leichter, luftbeweglicher Kräfte sollte das Heer für globale Einsätze optimiert werden. Die Krisenreaktionskräfte rückten ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Dies bedeutete eine Abkehr vom aufwuchsstarken Massenheer des Kalten Krieges. Zur Vorbereitung dieser grundsätzlichen Neuorientierung erfasste ein erstes Konzeptpapier schon im September 1993 Zielvorstellungen für die neuen Kampftruppen des Deutschen Heeres. Nun stand die Infanterie im Vordergrund. Zudem sollten aber auch „Truppen für spezielle Einsätze“ künftig eine eigene Truppengattung bilden. Und, anders als bei den bereits seit 1992 bestehenden Kommandokompanien, sollten deren Kräfte „in einer zentralen Struktur“ zusammengefasst werden. Entsprechend lautete das Leitmotiv: „Infanteristen der Zukunft sind nicht mehr schnell ausgebildetes und leicht bewaffnetes Fußvolk.“ Vielmehr sollten professionell ausgebildete Truppen zu Einsätzen außerhalb Deutschlands befähigt werden. Dezidiert bezog sich diese Forderung auf „Konfliktformen unterhalb des klassischen Krieges“ und somit auf Konfrontationen mit irregulären oder unkonventionellen Kräften wie „Guerilleros“ oder Terroristen.
Diese Zielvorstellungen Spezialkräfte des Heeres kommen einem Katalogangebot der Abteilung 007 sehr nahe. James Bond läßt grüßen! Es stellt sich doch mit Recht die Frage, ob wir uns hier nicht ein wenig verheben.
Damit traten Spezialaufgaben auf den Plan, also Kommandounternehmen als „Kampf gegen Banden und Spezialeinheiten des Gegners“ sowie zur Geiselbefreiung. Im Herbst 1993 präsentierte ein BMVg-interner Entwurf zur Gliederung des Heeres einen Spezialtruppenverband in Regimentsgröße. Dieser sollte neben der Stabskompanie drei Kommandokompanien umfassen und durch Fernspäher, Pioniere sowie durch Logistik- und Sanitätskräfte verstärkt werden können. Darüber hinaus sollten Fernmelde-, Heeresflieger-, Luftwaffen- und Marineelemente bereitgehalten werden, um diese neuen Truppenteile zu unterstützen. Indessen musste das Konzeptpapier zu den Kampftruppen des Heeres – einschließlich der Spezialkräfte – noch einige interne Hürden der Bonner Ministerialbürokratie durchlaufen. In grundlegend überarbeiteter Form wurde es im November 1993 erneut präsentiert und ging nach nochmaligem Feinschliff im Februar 1994 in den ministerialen Mitzeichnungsprozess.
Vorbild für Elitesoldaten? James Bond, hier gespielt von Pierce Brosnan, war, obwohl britischer Geheimagent, für viele eine Symbolfigur in Debatten um das Bild des künftigen KSK-Soldaten
marpicture alliance / Sammlung RichterÜber ein halbes Jahr vor den Ereignissen in Ruanda entwarfen also bereits Planer auf der Hardthöhe Konzepte, aus denen später das KSK hervorgehen sollte. Ungeachtet der friedlichen Umgebung auf dem Bonner Hardtberg trugen die Planer dabei einen „Kampf im Büro“ aus. Es war eine Auseinandersetzung zwischen Mentalitäten, Generationen und Truppengattungen. Während eine Seite die Aufstellung einer neuen Truppengattung mit Kommandofähigkeiten bevorzugte, rügte die andere Seite diese Idee als James-Bond-Fantasie. Die für die Operationsplanung Zuständigen im Führungsstab des Heeres forderten das Festhalten an gepanzerten Kräften, während die für die Neuplanung des Heeres zuständigen Bereiche die Aufstellung global verlegbarer, möglichst luftbeweglicher Truppen verlangten. Nicht zufällig trugen die Vertreter der einen Seite häufig das schwarze Barett der Panzertruppe, die der anderen das bordeauxrote der Fallschirmjäger.
Schon 1991 hatte die vom Bundestag beauftragte sogenannte Jacobsen-Kommission ein Konzeptpapier zu den künftigen Aufgaben der Bundeswehr vorgelegt. Für künftige Auslandseinsätze sollten hierfür optimierte Truppenteile ausgeplant werden. Dieser Richtung folgten auch die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992. Zumindest nach außen bildete aber das Jahr 1994 einen allgemeinen Wendepunkt in der Militärpolitik der Bundesrepublik Deutschland.
Unter dem Banner der Vereinten Nationen stand die Mission UNOSOM II in Somalia, in der von März 1993 bis März 1994 erstmals zwei größere deutsche Kontingente in ein weit entferntes und vom Bürgerkrieg zerrüttetes Land entsandt wurden. Unter diesem Eindruck stand auch das im April 1994 veröffentlichte Weißbuch der Bundesregierung, in dem Bundeskanzler Helmut Kohl und Verteidigungsminister Volker Rühe die Bedeutung globaler Bundeswehr-Missionen herausstellten. Drei Monate später, am 12. Juli 1994, entschied das Bundesverfassungsgericht, dass Einsätze der Bundeswehr „Out-Of-Area“ im Rahmen kollektiver Sicherheitssysteme grundsätzlich verfassungsgemäß sind und regelte die Modalitäten für die Entsendungen deutscher Soldaten in Auslandseinsätze. Auch organisatorisch war die Bundeswehr zu dieser Zeit in Bewegung: Der 1990 geschlossene Zweiplus-Vier-Vertrag machte völkerrechtlich den Weg zur deutschen Einheit frei, verknüpfte sie aber mit der Forderung, das Personal der geplanten, gesamtdeutschen Streitkräfte binnen vier Jahren auf 370.000 Stellen zu begrenzen. Von 1990 bis 2011 durchlief das Heer eine nahezu ununterbrochene Phase tiefgreifender Strukturänderungen. Zwar bildete die 1994 bis 1997 geplante Struktur „Neues Heer für Neue Aufgaben“ eine markante Wegscheide. Doch schon die Verteidigungspolitischen Richtlinien von 1992 gliederten die Truppe in verschiedene Kräftekategorien: Während die Hauptverteidigungskräfte zur Landesverteidigung in den Hintergrund rückten, traten die Krisenreaktionskräfte in den Vordergrund. Insofern waren die Spezialkräfte nur Teil einer allgemeinen Neukonzeption.
Bei Gefahr im Verzug: Seit seiner Aufstellung wird das KSK in akute gefährliche Missionen geschickt. Über diese Einsätze entscheidet im Bedarfsfall der Verteidigungsminister, derzeit Boris Pistorius (r.), hier zu sehen bei einem Besuch des KSK 2026
picture alliance / dpa | Marijan MuratWenn 1994 als eine Wegmarke der Auslandseinsätze der Bundeswehr gilt, so betrifft das vor allem die Schauseite der politischen Kommunikation. Denn der planerische Vorlauf zur Konzeption deutscher Spezialkräfte war ja schon lange davor angelaufen und der Aufstellungsprozesses endete zudem keineswegs mit der offiziellen Indienststellung des KSK 1996. Im Jahr 1994 änderte sich auch der Aufgabenzuschnitt zwischen Polizei und Bundeswehr. Die Aufstellung der GSG 9 des Bundesgrenzschutzes beruhte ebenfalls auf einer Defiziterfahrung: Unmittelbar nach dem Münchner Olympia-Attentat auf israelische Sportler im September 1972 war klar geworden, dass es einer polizeilichen Spezialtruppe mit der Befähigung zur Geiselbefreiung und zum Antiterroreinsatz bedurfte, sodass umgehend die GSG 9 aufgestellt wurde. Fünf Jahre später kam diese Einheit in Somalia bei der Befreiung der Passagiere der entführten Lufthansamaschine „Landshut“ erfolgreich zum Einsatz. Gleichwohl blieben – bis auf die Fallschirmsprungausbildung bei der Bundeswehr – die organisatorischen und einsatzbezogenen Welten zwischen der deutschen Polizei und den Streitkräften getrennt. Da der Bundesgrenzschutz im November 1994 seine Funktion wandelte und damit auch den vormaligen Kombattantenstatus verlor, versinnbildlicht die Aufstellung des KSK die bundesrepublikanische Abgrenzung zwischen Polizei- und Militäraufgaben. Gleichwohl erfolgten – insbesondere in der Anfangsphase – Teile der Ausbildungsunterstützung für künftigen Kommandosoldaten durch die GSG 9. Andere Ausbildungsabschnitte wurden durch Alliierte unterstützt – insbesondere durch den britischen SAS sowie durch die USA. Auch Kontakte zu israelischen Spezialkräften wurden genutzt.
Retten und Befreien: Die Sondereinheit wurde speziell für schwierige Einsätze in Krisenregionen in aller Welt aufgebaut, hier der Einsatzzug bei einer Übung auf dem Standort Baumholder am 11. September 1997
picture-alliance / dpa | Martin AthenstädtAb April 1996 befand sich das KSK schließlich in Aufstellung. Die in Calw stationierte Luftlandebrigade 25 wurde dafür aufgelöst. Am 20. September 1996 wurde das Kommando formell in Dienst gestellt. Parallel liefen die äußerst fordernden, zeitlich langwierigen Auswahl- und Einstellungsverfahren für die Kommandoanwärter. Noch war der Öffentlichkeit nur wenig über den neuen Truppenteil bekannt. Im Dezember 1996 berichtete ein Kurzartikel in der Zeitschrift „Information für die Truppe“ über die künftige Personalstärke von 960 Mann sowie über die Aufgaben und Gliederung des Verbandes. Neben einer Stabs- und Fernmeldekompanie seien je eine Unterstützungs- und Fernspäh-Kommandokompanie sowie mehrere Kommandokompanien im Aufbau. Zum Auftragsspektrum sollten Nachrichtengewinnung und Aufklärung, ferner der „Schutz auf Distanz“ von eigenen Kräften, Evakuierungsoperationen sowie Kampfeinsätze im gegnerischen Gebiet zählen. Bei dem Autor handelte es sich um den zuständigen Referenten im Verteidigungsministerium, der so über seine eigene Planung berichtete. Er versicherte, dass durch das KSK die Aufgabentrennung zu Spezialeinheiten der Polizei, insbesondere der GSG 9, unberührt bleiben würde.
Bis zum 1. April 1997 sollte der neue Truppenteil zur Durchführung einfacher Evakuierungsoperationen bereitstehen. Zweieinhalb Wochen vorher aber, am 13. März 1997, ordnete die Bundesregierung an, deutsche Staatsbürger und andere Personen aus der von Unruhen erschütterten albanischen Hauptstadt Tirana zu evakuieren. Buchstäblich über Nacht wurde ein Evakuierungsverband zusammengestellt – nicht aus Kommandosoldaten, sondern im Kern aus Heeresfliegern und Panzergrenadieren, die als Teil der NATO-geführten Friedenstruppe SFOR im bosnischen Rajlovac stationiert waren. Dieser Verband evakuierte binnen 20 Stunden 98 Personen per Hubschrauber. Erneut verdeutlichte eine Notsituation den Wert von Spezialkräften, doch befanden sich diese überwiegend noch in den äußerst aufwendigen und zeitintensiven Ausbildungsgängen.
Im Spezialeinsatz: Soldaten des KSK setzen einen "gesuchten Warlord" während einer Übung fest, Foto vom 25. November 2015
Bundeswehr / KSKZur selben Zeit wurde verlautbart, dass in zwei Jahren, also ab 1999, die ersten beiden Kommandokompanien einsatzbereit sein sollten. Bis dahin mussten zudem noch weitere langwierige Prüfverfahren bezüglich des Materials erfolgen sowie Vorschriftenänderungen, um Verfahren wie das Abseilen vom Hubschrauber (fast roping) auch für die Bundeswehr zuzulassen. Bis zum Jahr 2000 waren die einschlägigen Dienstvorschriften zu Einsatz und Ausbildung im KSK erarbeitet worden. Zumindest quantitativ war die Kommandotruppe bis Mitte Februar 1999 weitgehend aufgestellt: 54 der geplanten 64 Kommandotrupps zu je vier Mann galten nun als einsatzbereit. Doch war dies nur der Vorlauf zur eigentlichen Geschichte. Nach Einsätzen auf dem Balkan, etwa zur Festsetzung von Kriegsverbrechern, begann die Aufmerksamkeit für das KSK mit der Operation „Enduring Freedom“ in Afghanistan wirklich zu steigen. Und das Aufgabenspektrum umfasste letztlich weit mehr als nur die öffentlich diskutierten Kampfaufgaben. Ungewollt trugen die ersten Planungen auch etwas Prophetisches in sich: Ohne die sechs Jahre später erfolgenden Terroranschläge von „9/11“ erahnen zu können, terminierte ein Planungspapier des BMVg im September 1995 das Erreichen der vollen Einsatzbereitschaft des KSK für das Jahresende 2001. Das KSK gehörte dann zu den ersten deutschen Truppenteilen, die in Afghanistan eingesetzt wurden.
Sören Sünkler, Kommando Spezialkräfte. 25 Jahre, Nürnberg 2021
von Martin Rink