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ZMG 3/2026

Die Schlacht um Kiew 1941. Strategiedilemma, Kesselschlacht und Massenmord

Die Schlacht um Kiew 1941. Strategiedilemma, Kesselschlacht und Massenmord

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Kiew im Spätsommer 1941 steht für mehrere Wegmarken im Zweiten Weltkrieg: Die ukrainische Metropole war zentraler Streitpunkt zwischen Adolf Hitler und der militärischen Führung über die weitere Kriegführung im Osten, Schauplatz einer der größten Kesselschlachten der Geschichte – und Tatort der bekanntesten Massenerschießung von Juden.

Panorama einer in Trümmern liegenden Stadt, Rauch steigt aus einem Gebäude.

In Schutt und Asche: Ruinen und Rauch prägten das Stadtbild von Kiew im September 1941. Durch Kampfhandlungen und Brände wurden
weite Teile der ukrainischen Hauptstadt zerstört.

ullstein bild - Süddeutsche Zeitung Photo / Scherl

Am 22. Juni 1941 überfielen das Deutsche Reich und seine Verbündeten die Sowjetunion. Die Eroberung Moskaus war dabei das vorrangige strategische Ziel im Operationsplan „Barbarossa“. Mit dem Fall der sowjetischen Hauptstadt sollte der Feldzug entschieden werden. Dementsprechend lag der Schwerpunkt des Angriffs auch im Mittelabschnitt der Ostfront. Dies galt, obwohl der Südabschnitt der kriegswirtschaftlich bedeutendere Raum war und die Rote Armee dort zudem auch ihre stärkste Truppenansammlung verzeichnete. 

Während die Heeresgruppe Mitte in den ersten Wochen des Feldzuges schnell in die Weiten des sowjetischen Raumes vorstieß und in Umfassungsoperationen mehrere sowjetische Großverbände zerschlug, traf die Heeresgruppe Süd auf erheblich zäheren Widerstand der Roten Armee. Bereits die Grenzschlacht führte zur Verzögerung und zum Scheitern ihres vorgegebenen operativen Ansatzes, nämlich des schnellen Durchbruchs durch die Grenzstellungen sowie der raschen Verfolgung des ausweichenden Gegners, bevor dieser zum Gegenschlag ausholen konnte.

Moskau oder Kiew?

Der „Blitzkrieg“ der Wehrmacht im Sommer 1941 brachte zwar viele taktische und zum Teil operative Einzelsiege, aber keine strategische Entscheidung. Bereits Ende Juli zeigte sich, dass der Krieg gegen die Sowjetunion nicht so schnell zu Ende sein würde, wie ursprünglich angenommen. Es gab keine Gesamtstrategie und damit auch keine Planung, wie weiter verfahren werden sollte, falls die Masse der Roten Armee nicht wie vorgesehen westlich der Dnjepr–Düna-Linie zerschlagen wurde. Zwischen Hitler und der Heeresführung entstanden zunehmend Meinungsverschiedenheiten über die weitere Kriegführung im Osten. 

Die Heeresführung plädierte für eine Fortsetzung des Angriffs auf Moskau. Fiele dieses politische Zentrum, würde die Sowjetunion zusammenbrechen, so die Argumentation der Generalität. Hitler hingegen zielte auf kriegswichtige Ressourcen ab, insbesondere in der Ukraine und im Kaukasus. Gegen die Moskau-Option sprach für ihn auch die erhebliche Flankenbedrohung durch eine große gegnerischen Kräftegruppierung südlich der sowjetischen Hauptstadt im Raum Kiew. 

In seiner Weisung Nr. 34 für die Kriegführung vom 30. Juli 1941 legte Hitler fest, dass die Heeresgruppe Mitte zunächst zur Verteidigung überzugehen hatte. Im Norden sollte die Wehrmacht Leningrad einschließen und im Süden weiter auf Kiew und den Dnjepr vorstoßen.

Günstige Ausgangslage

Nach den anfänglichen Verzögerungen im Grenzraum konnte sich die Heeresgruppe Süd weiter vorwärts kämpfen. In der Kesselschlacht von Uman zerschlug sie mehrere sowjetische Verbände und erlangte dadurch Bewegungsfreiheit. Ihr weiterer Hauptstoß richtete sich nach Südosten zum Dnjepr-Bogen. Kiew wurde unterdessen von der Roten Armee zu einer Festung ausgebaut. Ein erster Angriff der Heeresgruppe Süd im Nebenstoß auf die Stadt mit viel zu schwachen Kräften scheiterte und wurde am 12. August 1941 auf Befehl Hitlers eingestellt. Kiew sollte später durch Bomben und Artillerie zerstört werden. Die Heeresgruppe Süd gelangte im Laufe des Augusts bis zum Dnjepr-Knie und konnte mehrere Brückenköpfe bilden. Das Industriegebiet am Donez und der Kaukasus schienen plötzlich greifbar. 

Mann mit grauen Haare blickt nach oben Jewgeni Jewtuschenko, 1961, (übers. von Paul Celan) Wikipedia
Über Babij Jar, da steht keinerlei Denkmal.  Ein schroffer Hang – der eine unbehauene Grabstein.  Mir ist angst.  Ich bin alt heute, so alt wie das jüdische Volk.  Ich glaube, ich bin jetzt ein Jude.

Ein Blick auf die Karte musste für Hitler wie die ideale Ausgangslage für seine Option gewirkt haben: Die Spitzen der Heeresgruppen Mitte und Süd standen fast auf gleicher Höhe und in einem Dreieck dazwischen befanden sich Truppen einer ganzen sowjetischen Front (vergleichbar mit einer deutschen Heeresgruppe). Daher war er auch nicht mit dem Vorschlag der Heeresführung einverstanden, die am 18. August in einer Denkschrift wiederholt für einen Vorstoß auf Moskau plädierte. Hitler beendete die wochenlange Diskussion endgültig und befahl am 21. August die Fortführung des Angriffs im Nord- und Südabschnitt unter gleichzeitigem Halten in der Mitte. Wichtiger als die Einnahme von Moskau seien für ihn nun die Wegnahme der Krim, die Eroberung des Industriegebietes im Donezbecken und die Abschnürung der sowjetischen Ölzufuhr aus dem Kaukasus. Die günstige operative Lage bei Kiew sollte unverzüglich für eine konzentrische Operation ausgenutzt werden. Es ging Hitler um die „Vernichtung der lebendigen Kraft des russischen Widerstandes“, also das Zerschlagen größerer gegnerischer Kräftegruppierungen, sowie um die Inbesitznahme von Ressourcen, also ein kriegswirtschaftliches Ziel.

Halten um jeden Preis

Auf einer Besprechung des sowjetischen Oberkommandos (Stawka) am 29. Juli 1941 hatte Josef Stalin angeordnet, dass Kiew um jeden Preis zu halten sei. Der sowjetische Diktator glaubte nicht an ein südliches Abschwenken von Kräften der Heeresgruppe Mitte, sondern dass Moskau immer noch das Hauptziel von Hitlers Offensive sei. Sein Chef des Generalstabes, Armeegeneral Georgi Schukow, beurteilte die Lage anders: Ihm zufolge hätte die Wehrmacht nicht genügend Kräfte für eine Offensive gegen Moskau und würde Erfolge nun auf den Flügeln suchen. Von einer drohenden Einschließung Kiews wollte Stalin aber nichts hören. 

Dabei war die exponierte Stellung der sowjetischen Südwest-Front von Generaloberst Michail Kirponos im Frontbogen zwischen Desna und Dnjepr – mit der Festung Kiew als Spitze – nicht zu übersehen. Fünf Armeen mit zusammen etwa 850.000 Soldaten waren von mehreren Seiten bedroht. Anstatt eines Rückzuges, wie Schukow es vorsah, schickte Stalin sogar noch Verstärkung. Wie Hitler hatte sich auch Stalin gegen seine Generalität durchgesetzt. Mitte August warnte Schukow in einem Brief an Stalin noch einmal vor dem südlichen Vorstoß der Wehrmacht. Stalin blieb dennoch unbesorgt und spielte damit Hitler in die Hände.

Umfassung

Drei deutsche Armeen sowie zwei Panzergruppen waren an der Umfassungsoperation von Kiew beteiligt. Von der Heeresgruppe Mitte schwenkte die Panzergruppe 2 als linker Zangenarm nach Süden. Sie hatte bis Ende August 1941 die Desna gewonnen und stieß weiter zum Sejm und zur Sula vor. Am 10. September konnte ihre Spitze, die 3. Panzerdivision, Romny einnehmen. Hier war eigentlich der Zusammenschluss mit der aus Süden angreifenden Panzergruppe 1 vorgesehen, um den Kessel zu schließen. Da diese aber langsamer vorankam, stieß die Panzergruppe 2 ihr entgegen. 

Parallel zur nördlichen Umfassung drückten die 2. und 6. Armee den geplanten Kessel von Norden sowie Westen her ein. Im Süden gelang der 17. Armee Anfang September die Bildung von Brückenköpfen über den Dnjepr bei Krementschug. Allerdings führte die Rote Armee rasch Kräfte heran. Der Vorstoß des deutschen rechten Zangenarms verzögerte sich. Mehrere Tage mussten sowjetische Gegenstöße abgewehrt werden, während Gewässerübergänge angelegt wurden. Aus dem Brückenkopf heraus griff die Panzergruppe 1 am 12. September nach Norden in Richtung Lubny an. Die 16. Panzerdivision stieß als Angriffsspitze ohne Rücksicht auf liegengebliebene Gegner vor. Die 17. Armee setzte ihre Kräfte vor allem zum Schutz der Ostflanke in Richtung Poltawa an. Am 14. September nahm die 16. Panzerdivision Lubny ein. Aus Lochwiza hatte sich inzwischen von Norden ein Spähtrupp der Panzergruppe 2 angenähert. Damit war der Kessel von Kiew geschlossen.

Kesselschlacht und Eroberung

Über 40 sowjetische Divisionen waren eingeschlossen. Mit seinem Rückzugsverbot hatte Stalin ihr Schicksal besiegelt. Bei den Verbänden traten Auflösungserscheinungen ein. Ohne einheitliche Führung leisteten verschiedene Kampfgruppen örtlich unterschiedlich starken Widerstand. Ein Aufbrechen des Kessels von Osten her misslang. Die deutschen Truppen wehrten die verzweifelten Ausbruchversuche ab und trieben zudem Keile in die sowjetischen Truppen, um so den Kessel in mehrere kleine Kessel aufzuspalten und damit einen möglichen einheitlichen sowjetischen Ausbruchversuch zu verhindern.

 

Die Karte zeigt die Verschiebungen des Frontverlaufs rund um Kiew zugunsten der Wehrmacht 1941

Operativer Triumph: Die erfolgreiche Umfassungsoperation von Kiew wurden zum Beweis für die militärische Überlegenheit der Wehrmacht stilisiert.

Bundeswehr/Nogli

In Kiew befand sich die höchste Konzentration an eingeschlossenen Kräften. In stark befestigten Stellungen leisteten die sowjetischen Truppen zähen Widerstand, doch am Ende war die Stadt nicht mehr zu halten. Stalin gab den Befehl zur Räumung. Am 19. September war Kiew schließlich in deutscher Hand. Sowjetische Nachhuten hatten zuvor noch größere Gebäude, die als Truppenunterkünfte oder Stabsquartiere dienen konnten, vermint. Mehrere Explosionen und ein dadurch ausgelöster Großbrand führten zu hunderten Toten unter den deutschen Soldaten und der Zivilbevölkerung. 

Dies bestätigte Hitler in seiner Auffassung, Großstädte nicht mehr einzunehmen, sondern mit Artillerie und Luftwaffe zur Kapitulation zu zwingen. Außer bei Leningrad wurde dieser Ansatz aber nirgends weiterverfolgt. Die Truppe war aus praktischen Gründen einfach auf die städtische Infrastruktur angewiesen. Die Kämpfe im Osten von Kiew dauerten noch bis zum 26. September, dann kapitulierten die letzten eingeschlossenen sowjetischen Verbände. Etwa 665.000 Rotarmisten gerieten in Gefangenschaft. 

Massenmord

Die Einnahme Kiews war zugleich der Beginn der deutschen Besatzungsherrschaft in der Großstadt. Die SS-Einsatzgruppe C erfasste die jüdische Bevölkerung. Unter dem Vorwand einer Umsiedlungsmaßnahme ermordete sie mit Unterstützung von Polizei, Wehrmacht sowie ukrainischer Milizen am 29. und 30. September in der Schlucht von Babyn Jar am Stadtrand von Kiew fast 34.000 Juden. Die jüdische Dimension des Massakers war im sowjetischen Gedenken lange Zeit verschwiegen worden und wurde erst 1961 durch Jewgeni Jewtuschenkos Gedicht „Babij Jar“ Gegenstand einer öffentlichen Kontroverse. Heute ist Babyn Jar ein Symbolbild für den „Holocaust durch Kugeln“ als Teil des deutschen rasseideologischen Eroberungs- und Vernichtungskrieges im Osten. Es war zugleich die größte einzelne Massentötung außerhalb der Vernichtungslager. Auch in den folgenden Monaten wurden im Großraum Kiew Tausende weitere Menschen durch die SS ermordet.

Soldaten erschießen Menschen, die vor einem offenen Graben knien in dem bereits Leichen liegen.

Geplantes Verbrechen: Der "Holocaust durch Kugeln" war ein wesentliches Charakteristikum des deutschen Vernichtungskrieges im Osten. Krieg und Massenmord waren eng miteinander verbunden.

picture alliance / imageBROKER | Pictures From History

Ein fataler Triumph

Die Umfassungsoperation von Kiew im Spätsommer 1941 war ein operativer Triumph für die Wehrmacht. Die NS-Propaganda überhöhte diesen als Beweis für die eigene militärische Überlegenheit. Der Sieg bei Kiew führte bei Hitler und auch dem Militär zu einer übertrieben positiven Stimmung. Hoffnungen wurden laut, noch vor dem Winter in den Kaukasus vorzustoßen. Auch nahm die Heeresführung an, dass nach der Vernichtung großer Teile der Roten Armee der sowjetische Widerstand gebrochen war und ein verspäteter Stoß auf Moskau immer noch möglich sei. 

Doch die Kiewer Operation hatte wertvolle Zeit gekostet. Es war aber nicht nur die Zeit, an der es der Wehrmacht mangelte. Auch ihre Kampfkraft war erheblich gesunken. Die bisherigen Verluste in den ersten Monaten des Ostkrieges konnten nur in Bruchteilen ausgeglichen werden. Auf der sowjetischen Seite führte die Niederlage von Kiew zu einem Umdenken in der Kriegführung der Roten Armee. Die Operationsführung sollte flexibler erfolgen und Reserven besser eingesetzt werden. Nach Kiew hielt die Rote Armee nur noch selten ihre Stellungen um jeden Preis. Ende 1943 befreite sie Kiew schließlich wieder von einer fast 800-tägigen deutschen Besatzungsherrschaft. Gewalt und Zerstörung hatten jedoch zu einem demografischen Zusammenbruch der ukrainischen Großstadt geführt.

von Chris Helmecke

Die Schlacht um Kiew 1941. Strategiedilemma, Kesselschlacht und Massenmord

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