Ambitionierte Solidarität. Der Beginn des deutschen Afghanistan-Engagements 2001
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Der Afghanistan-Einsatz gehört wohl zu den prägendsten Episoden, welche die Bundeswehr in ihrer über 70-jährigen Geschichte erlebt hat. 20 Jahre lang verbrachten Tausende von Soldatinnen und Soldaten einen Teil ihrer Dienstzeit in dem Land am Hindukusch. Doch warum entschied man sich vor fast 25 Jahren für diesen Einsatz? Ging es tatsächlich um die Zukunft Afghanistans und ein militärisches Ziel oder war vor allem außenpolitisches Kalkül handlungsleitend?
Am Anfang stand der Terror: Die Anschläge der Terrororganisation Al-Qaida auf das World Trade Center am 11. September 2001 ("9/11") bildeten den Ausgangspunkt des späteren Afghanistaneinsatzes. In New York starben in unmittelbarer Folge des …
picture alliance / Everett CollectionDer 11. September 2001 begann für Bundeskanzler Gerhard Schröder als gut ausgefüllter Arbeitstag in Berlin. Mittags telefoniert er mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin. Unmittelbar darauf empfing er den jungen Ministerpräsidenten von Ungarn, Viktor Orbán, und schritt mit ihm die Ehrenformation des Wachbataillons ab. Danach bereitete Schröder seine Bundestagsrede für den nächsten Tag vor. Doch mittendrin betrat plötzlich seine Sekretärin den Raum und schaltete den Fernseher an, der das brennende New Yorker World Trade Center zeigte. Als klar war, dass es sich um einen Terroranschlag handelte, berief der Bundeskanzler eiligst das Sicherheitskabinett ein. Ihm gehörten als wichtigste Mitglieder der Außenminister Joseph („Joschka“) Fischer und Verteidigungsminister Rudolf Scharping an.
Die Attentäter ließen sich schnell Al-Qaida-Führer Osama bin Laden zuordnen, der in dem von den Taliban beherrschten Afghanistan Zuflucht gefunden hatte. In den folgenden Wochen fällten Bundeskanzler Schröder und seine beiden Minister folgenschwere Entscheidungen. Sie liefen darauf hinaus, dass sich die Bundeswehr über Jahre an zwei Missionen beteiligen würde. Dabei handelte es sich zum einen um die US-geführte Operation „Enduring Freedom“ (OEF) zum globalen „Krieg gegen den Terror“ und zum anderen um die International Security Assistance Force (ISAF) zur „Stabilisierung“ Afghanistans. Schröder, Fischer und Scharping hatten dabei ein unterschiedlich starkes Interesse an einer Beteiligung. Sie einte jedoch, dass sie – teilweise ausdrücklich – kein konkretes Ziel in Afghanistan verfolgten.
Bündnissolidarität: Bundeskanzler Schröder (l.) verabschiedet sich von George W. Bush, Präsident der USA, nach einem Gespräch im Weißen Haus in Washington, 9. Oktober 2001.
BArch, Bild B 145 Bild-00046306 / Julia FassbenderBereits am Nachmittag des 11. September 2001 erklärte Bundeskanzler Schröder öffentlich die „uneingeschränkte Solidarität“ Deutschlands mit den USA. Fast wortgleich taten dies auch mehrere andere Regierungschefs. Doch was genau bezweckte Schröder damit? Die folgenden Ereignisse legen jedenfalls nahe, dass die Bundesregierung jenseits dieser Loyalitätsbekundung eigene Pläne verfolgte.
Offengelegte Dokumente weisen darauf hin, dass Bundeskanzler Schröder die Idee verfolgte, Deutschlands globale Position zu stärken, indem er an herausragender Stelle an der erwarteten US-Reaktion auf die „9/11“-Anschläge mitwirkte. Dementsprechend sollte die EU als die Organisation, in der Deutschland am meisten Einfluss gelten machen konnte, ursprünglich den Rahmen für diese Politik bilden. Dagegen verhielten sich Bundeskanzleramt und Auswärtiges Amt (AA), dessen Chef Fischer Schröders Position teilte, zurückhaltend gegenüber NATO und den Vereinten Nationen (VN). In diesem Sinne ergriff Schröder die Initiative, um ein „umfassendes Konzept“ zur Terrorbekämpfung von den EU-Regierungschefs verabschieden zu lassen. Das am 21. September 2001 beschlossene Papier betonte die eher im zivilen Bereich liegenden Fähigkeiten der EU, sah eine gegenseitige Abstimmung der Mitgliedsstaaten vor und bezog Russland ein.
Am 1. Oktober 2001 traf Bundeskanzler Schröder den Botschafter der USA in Deutschland, Dan Coats. Seinen Gesprächsunterlagen zufolge, sollte er ihm gegenüber insbesondere die deutsche EU-Initiative zur Verabschiedung eines umfassenden Ansatzes und seine Konsultationen unter anderem mit Putin hervorheben. Das heißt, der deutsche Kanzler wollte gegenüber den USA sein Land als Mittler in Stellung bringen, der die zuvorderst zivilen Machtressourcen Europas und sogar Russlands mobilisieren und lenken helfen könnte. Offenbar um dies zu untermauern, sollte er auch noch einmal einen „geeigneten militärischen Beitrag“ Deutschlands versprechen.
Ein Bundeswehr-Kontingent für den „Krieg gegen den Terror“ anzubieten, erscheint daher als Verhandlungsmasse, welche die deutsche politische Führung nach 9/11 gegen mehr internationalen Einfluss tauschen wollte. Bereits am 14. September 2001 meldete der US-Militärattaché in Berlin dem stellvertretenden US-Verteidigungsminister Paul Wolfowitz, dass ihm der Generalinspekteur der Bundeswehr, General Harald Kujat, ein großes Kontingent angeboten hätte. Dies hätte „10.000 Soldaten (Spezialkräfte, leichte Infanterie, Artillerie und Logistik), plus ein Tornado-Geschwader, Minensuchboote und ein 20-Mann-Planungselement für CENTCOM“ umfasst. Das US Central Command (USCENTCOM) war zuständig für den Nahen Osten, Zentral- und Südasien sowie Teile Afrikas. Unmittelbar danach rief allerdings Verteidigungsminister Scharping Wolfowitz an und widerrief das Angebot, diese für deutsche Auslandseinsätze in einem aktiven Kriegsgebiet bis dato beispiellos große Streitmacht beizutragen. Er verwies dazu auf noch nicht abgeschlossene Abstimmungen in der Bundesregierung.
Gegner am anderen Ende der Welt: Die in Afghanistan herrschenden Taliban, hier Talibankämpfer bei einer Militärparade in Kabul im August 2001, wurden nach den Terroranschlägen von "9/11" schnell als Gegner ausgemacht.
picture alliance / ASSOCIATED PRESS | B.K.BANGASHOffensichtlich hatte also General Kujat ohne Rücksprache mit seinem Minister das große Kontingent angeboten. Es ist schwer vorstellbar, dass er hierfür nicht die Rückendeckung des Bundeskanzlers hatte, den er direkt in militärischen Fragen beriet. Dieser wollte damit offenbar seiner politischen Initiative gegenüber den USA Gewicht verleihen. Die materiellen wie auch menschlichen Kosten eines großen und womöglich verlustreichen Einsatzes hätte aber zuvorderst der deutsche Verteidigungsminister verantworten müssen. Scharping stemmte sich daher gegen ein derart großes Kontingent und soll implizit sogar mit Rücktritt gedroht haben. Bis zum Beginn der US-geführten Invasion Afghanistans am 7. Oktober 2001 gab es keine Einigung über ein deutsches Kontingent.
Allerdings hatte die US-Regierung auch keine deutschen oder anderen verbündeten Truppen für die nun als OEF bezeichnete Mission angefragt. Denn den Verbündeten fehlte größtenteils die Fähigkeit, ihre Truppen ins weit entfernte Binnenland Afghanistan zu verlegen. Mit mehreren Beteiligten hätte sich zudem der Koordinationsaufwand erhöht. Die US-Regierung nahm daher anfangs nur das Angebot Großbritanniens an. Wichtiger war ihr die möglichst breite politische Unterstützung. Die Verbündeten drängten jedoch weiterhin darauf, an OEF teilzuhaben. Auch die anderen Staaten handelten dabei nicht uneigennützig. Beispielsweise zielten Dänemark und Norwegen darauf ab, die US-Sicherheitsgarantien durch ihren Einsatz zu verstetigen. Der stellvertretende Kommandeur des USCENTCOM, Lieutenant General Michael P. DeLong, fasste es kurz darauf zusammen: „[...] unsere Alliierten wollten eine hochgradig sichtbare Rolle – sie wollten Truppen auf dem Boden. Dies würde gute PR für sie bedeuten.“ Außenminister Fischer ging das von General Kujat den USA angebotene Kontingent ebenfalls zu weit. Allerdings hatte auch er ein grundsätzliches Interesse an einem deutschen militärischen Beitrag.
Schon im September 2001 verfolgte Fischer das Ziel, Deutschland nach dem absehbaren Fall der afghanischen Regierung eine Rolle im folgenden politischen Prozess zu verschaffen. Seine Gründe für einen deutschen militärischen Beitrag nannte er in einer internen Besprechung am 6. November 2001. Er erinnerte daran, dass Deutschland 1999 „wenig Einfluss“ auf den Verlauf des Kosovo-Kriegs gehabt hätte. Die Verhandlungen zu seinem Ende hätte es „aber maximal“ beeinflusst: „Würden wir uns verabschieden, wäre nichts mit nachfolgender Einflussnahme.“
Mit den im Westen als „Nordallianz“ bekannten afghanischen Machthabern und durch deren Gestellung von Bodentruppen erzielte die OEF bald entscheidende Erfolge. Diese lokalen Milizen nahmen bereits am 13. November 2001 den offiziellen Regierungssitz Kabul ein. Damit stellte sich die Frage, wie die politische Zukunft Afghanistans zu regeln sei. Außenminister Fischer gelang es letztlich, das VN-Sekretariat davon zu überzeugen, die internationale Konferenz zur Neuordnung des Landes in Bonn abzuhalten. Weder Fischer noch andere Regierungsspitzen hatten dabei ein konkretes Interesse an Afghanistan oder eine inhaltliche Agenda für das Land.
Wir haben ein Interesse an der Bekämpfung des Terrorismus und der Stärkung der VN, aber kein direktes Interesse an Afghanistan.
Schließlich einigten sich die militärischen Führungen Deutschlands und der USA darauf, dass die US-Streitkräfte deutsche Fähigkeiten auf den Feldern ABC-Abwehr, Sanität, Lufttransport, Seestreitkräfte und Spezialkräfte anfragen würden. Auf dieser Grundlage bat die Bundesregierung den Bundestag am 7. November 2001 um ein Mandat für den Einsatz von bis zu 3900 Soldatinnen und Soldaten im Rahmen der OEF. Das Einsatzgebiet könnte nicht nur Afghanistan, sondern „die arabische Halbinsel, Mittel- und Zentralasien und Nord-Ost-Afrika sowie die angrenzenden Seegebiete“ umfassen. Gegen ein Mandat formierte sich allerdings unter Abgeordneten selbst der Regierungsparteien SPD und Bündnis 90/Die Grünen Widerstand. Bundeskanzler Schröder und Außenminister Fischer überwanden ihn nur, indem sie mit ihrem Rücktritt und dadurch dem Ende der Koalition drohten.
Am 16. November 2001 stimmte der Bundestag daher dem OEF-Mandat zu. Vom 10. bis 14. Dezember 2001 verlegte als Erstes das Kommando Spezialkräfte (KSK) der Bundeswehr in den auf halben Weg nach Afghanistan gelegenen Oman. Nach Aussage des Führers des 1. Deutschen Heereskontingents Spezialkräfte musste er die US-Verbündeten zunächst davon überzeugen, seine Soldaten in Afghanistan einzusetzen und dorthin auszufliegen. Dies geschah daher erst am 1. Januar 2002. Diese Tatsache spiegelte auf taktischer Ebene das geringe strategische Interesse der USA an den Kräften der Verbündeten in dieser hochintensiven Phase des Kriegs wider. In den folgenden drei Monaten nahm das KSK dann an Suchoperationen in Süd-Afghanistan teil. Im März schützte es mit anderen verbündeten Spezialkräftekontingenten die Flanken der US-Truppen in der Operation „Anaconda“. In dem sich daraus in der östlichen Provinz Paktia entwickelten Gefecht wurde das Gros der konventionellen Kräfte von Al-Qaida und anderen auf Seiten der Taliban kämpfenden ausländischen Gruppen zerschlagen.
Allerdings endete hiermit der Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan nicht; im Grunde begann er nun erst richtig. Das in Bonn am 5. Dezember 2001 geschlossene Abkommen zur politischen Zukunft Afghanistans sah eine zunächst als International Security Force (ISF) bezeichnete Peacekeeping-Mission vor. Sie sollte insbesondere den Fall der inzwischen neu installierten afghanischen Interimsverwaltung verhindern. Für diese langfristige Aufgabe von voraussichtlich niedriger Intensität sah die US-Regierung nun ihre Verbündeten vor. Selbst wollten sich die Amerikaner nicht an der ISF beteiligen, da sie bereits den Irak als nächstes Interventionsziel im Blick hatten und dort ihren kommenden militärischen Schwerpunkt sahen. Allerdings waren die Verbündeten nicht sonderlich an einer solchen Mission mit unabsehbarem Ende und ohne US-Beteiligung interessiert. Sie hatten sich ja gerade in die OEF gedrängt, um ihren Wert an der Seite der USA zu demonstrieren.
Besonders zurückhaltend war die deutsche Bundesregierung. Außenminister Fischer lehnte am 12. November die Bitte des VN-Sondergesandten für Afghanistan, Lakhdar Brahimi, ab, das Kommando über die ISF zu übernehmen. Allerdings wuchs der Druck auf Deutschland, das sich in der Afghanistan-Frage als internationale Gestaltungsmacht zu profilieren versuchte. Die Bundesregierung wies zwar weiterhin britische und US-Versuche ab, ihr die Führung der ISF zu übertragen. Nach dem Besuch von US-Außenminister Colin Powell am 10. Dezember 2001 erklärte sich Bundeskanzler Schröder aber grundsätzlich bereit, zumindest Truppen für die ISF zu stellen.
Politisches Tauziehen: Generalinspekteur Harald Kujat (l.), Bundeskanzler Gerhard Schröder (m.) und Verteidigungsminister Rudolf Scharping (r.) vertraten durchaus unterschiedliche Positionen zu einem möglichen deutschen Afghanistaneinsatz.
Bundeswehr / Detmar ModesUm einen deutschen ISF-Beitrag zu leisten und damit an einer zweiten Mission in Afghanistan teilzunehmen, war nun auch innermilitärischer Widerstand zu überwinden. So positionierte sich die Führung des deutschen Heeres, das unter starken Truppenreduzierungen bei einer gleichzeitig wachsenden Zahl von Einsätzen litt, dagegen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Gert Gudera, forderte im Verteidigungsausschuss am 12. Dezember 2001, dass für einen möglichen ISF-Einsatz zuvor andere Einsatzverpflichtungen wegfallen müssten. In der Presse wurde vom Rand der Sitzung ein nicht namentlich
genannter General zitiert, dass angesichts der prekären afghanischen Sicherheitslage die Mission „unser letztes und gefährlichstes Aufgebot“ wäre. Dieser General war sehr wahrscheinlich Gudera selbst. Daraufhin rief offensichtlich die Leitung des Verteidigungsministeriums Gudera zur Ordnung. Er ruderte zurück und veröffentlichte zwei Tage später mit General Kujat ein Papier, in dem er seine Loyalität zum Verteidigungsminister erklärte. Im Gegenzug hieß es darin, dass das Heer in einer angespannten Lage sei.
Sehr viel leichter als bei OEF gelang es der Bundesregierung, kritische Abgeordnete für das Bundestagsmandat für ISF zu gewinnen. Hierzu etablierte sie das Narrativ, dass es sich bei der ISF um eine kurze und sehr viel ungefährlichere Mission als OEF handelte. Am 11. Dezember 2001 informierte Außenminister Fischer die Außenpolitiker der Koalition, dass sie „maximal für zwei Jahre“ geplant sei. Dies mag Wunschdenken gewesen sein. Gleichzeitig betonte Fischer aber auch die „Trennung von OEF“ und Deutschlands „Schwerpunkte seien Bildung, Erziehung, Frauen“. Damit rückte er offenbar bewusst den tatsächlich personell und materiell weit überwiegenden deutschen militärischen Beitrag in den Hintergrund. Die im Vorfeld der OEF-Abstimmung noch kritischen Bundestagsabgeordneten und die breitere Öffentlichkeit akzeptierten gleichwohl dieses Narrativ der vermeintlich kurzen und risikoärmeren Mission. Am Tag der Verabschiedung des neuen Mandats versicherte Fischer noch einmal der grünen Bundestagsfraktion, „es gäbe kein dauerhaftes deutsches Interesse an Afghanistan, also auch kein Dauerengagement.“
Die Hauptkräfte des deutschen Einsatzkontingents für die mittlerweile in International Security Assistance Force (ISAF) umbenannte Mission trafen ab dem 11. Januar 2002 in Kabul ein. Drei Tage später begannen sie, in dem noch auf Kabul und Umgebung beschränkten Einsatzraum der ISAF zu patrouillieren.
Die schließlich rund 1200 Soldatinnen und Soldaten waren Teil einer von Deutschland geführten Battle Group, zu der auch Truppen aus Dänemark, den Niederlanden und Österreich gehörten. Ihr Einsatz erfolgte in einem äußerst volatilen Umfeld. Anders als in Bonn vereinbart, hatten sich die Milizen der „Nordallianz“ nicht aus Kabul zurückgezogen und stellten damit eine potenzielle Bedrohung für die Interimsverwaltung dar. Die ISAF war zudem auf die Kooperation von afghanischen Sicherheitskräften angewiesen, die ihr als hochgradig korrupt erschienen. Im Laufe des Jahres erfolgten erste Raketenangriffe auf das am Ostrand von Kabul gelegene deutsche Feldlager, die glücklicherweise keine Leben kosteten. Im Hintergrund formierte sich die ins pakistanische Exil geflohene Taliban-Führung neu.
Beginn der militärischen Zusammenarbeit: KSK-Angehöriger (m.) und US-Kommandosoldaten mit afghanischen Verbündeten im Rahmen der Operation "Anaconda"
Bundeswehr/KSKAngesichts dieser Herausforderungen bewertete der Führer des ersten deutschen Einsatzkontingents ISAF, Brigadegeneral Carl-Hubertus von Butler, die Personalobergrenze in seinem Erfahrungsbericht vom Juni 2002 vorsichtig kritisch „als zu eng angepasstes Kleid“. Bereits am 11. April stellte der Chef des Stabes des Einsatzführungskommandos der Bundeswehr aufgrund der herausfordernden Lage und relativ geringen Kräfte einen grundlegenden Unterschied zu den Missionen auf dem Balkan fest: „nicht ISAF beherrscht die Lage im Einsatzland, die Schutztruppe kann grundlegende Lageänderungen nicht verhindern“. Er leitete seine Bewertung an den Führungsstab der Streitkräfte des BMVg weiter. Zugleich erbat er vor „einer Entscheidung zur Verlängerung unseres ISAF-Einsatzes eine sorgfältige Beurteilung der möglichen Entwicklung der Lage auf der Zeitachse“.
Kooperation im Einsatzgebiet: Deutsche Soldaten der ISAF patrouillieren gemeinsam mit afghanischen Sicherungskräften im Februar 2002 durch Kabul.
Bundeswehr / Detmar ModesDie überwiegend vorsichtig und verhalten geäußerte Kritik der militärischen Führung am ISAF-Einsatz verfing jedoch nicht bei der politischen Leitung der Bundesrepublik. Vielmehr blieb es bei den Weichenstellungen der ersten Monate nach dem 11. September 2001, als diese entschied, sich aus nicht auf Afghanistan bezogenen Gründen in dem Land zu engagieren. Es ging um die Stärkung der eigenen Position in der Welt. Daher hatte sich Deutschland, wie andere Partner der USA, in die OEF gedrängt, um seinen Wert an der Seite der USA zu demonstrieren. An ISAF, der Mission mit unabsehbarem Ende und anfangs ohne US-Beteiligung waren die deutsche Bundesregierung und andere Bündnispartner dagegen zunächst nicht sonderlich interessiert. Ohne einen klaren, mit Afghanistan verbundenen politischen Zweck zu definieren, konnten auch die nachfolgenden Bundesregierungen keine kohärente militärische Strategie entwickeln. Unter den Bedingungen einer zunehmend verschärften Sicherheitslage wuchs sich daher das Engagement ungeplant und reaktiv zum zweitlängsten und verlustreichsten Einsatz der Bundeswehr aus. Er fand erst fast 20 Jahre später ein Ende, als die internationalen Truppen nach dem raschen Zusammenbruch der afghanischen Regierung überstürzt westliches Personal und afghanische Partner evakuieren mussten.
Philipp Münch, Ambitious Solidarity. German politico-military Decision-making in the Wake of „9/11“. In: Journal of Transatlantic Studies 24 (2026), 9, https://rdcu.be/e2hGR
Philipp Münch, Militärische Operationen in Afghanistan. Zwischen Stabilisierung, Aufstands- und Terrorismusbekämpfung. In: Afghanistan-Dossier ZMSBw, 6.3.2024, https://zms.bundeswehr.de/de/mediathek/afghanistan-dossier-militaeische-operationen-5746724
von Philipp Münch