Europäische Streitkräfte in einer neuen Weltordnung
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Im Jahr 2026 nahm das ZMSBw erneut bei der ERGOMAS-Konferenz (European Research Group on Military and Society) teil. Unter dem Thema „Home Alone? European militaries and societies facing a new world order“ fand diese vom 31. Mai bis zum 4. Juni an der Universität Aarhus in Dänemark statt.
V.l.n.r.: Gregor Richter, Makus Steinbrecher, Ina Kraft, Nina Leonhard und Martin Elbe bei ERGOMAS in Aarhus
Bundeswehr/Ina KraftNicht nur die seit dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 verschlechterte Sicherheitslage in Europa stellt eine Herausforderung für die Sicherheits- und Verteidigungspolitik in Staaten der euro-atlantischen Zone dar, auch die zunehmende Polarisierung innerhalb der Gesellschaften westlicher liberaler Demokratien beeinflusst Streitkräfte und Politik.
Für die Forschung zu Streitkräften, Gesellschaft und Politik stellen sich daher viele Fragen im Verhältnis von Sicherheit und Demokratie. 170 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler kamen in Aarhus zusammen, um auf der ERGOMAS-Konferenz ihre Forschung zu diesen Themen vorzustellen und zu diskutieren. Für das ZMSBw nahmen Martin Elbe, Ina Kraft, Nina Leonhard, Gregor Richter und Markus Steinbrecher teil.
Martin Elbe hielt im Rahmen der Working Group on Recruitment und Retention einen Vortrag zu den Motiven, Einstellungen und Erfahrungen von Männern und Frauen, die sich bei der Bundeswehr beworben haben und dies mit den tatsächlichen Einstellungen und Motiven einer repräsentativen Stichprobe der Generation Z in Deutschland verglichen. Darüber hinaus hat Elbe zwei Sitzungen der Working Group on Soldiers in Operations geleitet.
In ihrem Vortrag beschäftigte sich Ina Kraft mit der Frage, wie der demokratische Rückschritt, der sich in einigen Demokratien westlicher Prägung, insbesondere in den USA, abzeichnet, nicht nur das Verhältnis von Streitkräften, Politik und Gesellschaft beeinflusst, sondern auch die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den zivil-militärischen Beziehungen.
Bisherige Annahmen gingen fast immer von stabilen demokratischen Verhältnissen aus und kommen somit an ihre Grenzen, wenn demokratisch gewählte Regierungschefs autoritäre Maßnahmen, wie etwa den Einsatz von Militäreinheiten gegen Demonstrierende, im Bereich der Verteidigungspolitik einleiten. Ina Kraft hat in ihrem Vortrag vor dem Hintergrund des demokratischen Rückschritts eine Bestandaufnahme des Forschungsfelds zu den zivil-militärischen Beziehungen in Demokratien vorgenommen und Vorschläge zu deren Weiterentwicklung unterbreitet.
Die Königliche Dänische Bibliothek an der Universität Aarhus
Bundeswehr/Markus SteinbrecherNina Leonhard und Markus Steinbrecher präsentierten Ergebnisse zum Politikverständnis aus dem qualitativen Modul der Studie „Armee in der Demokratie. Ausmaß, Ursachen und Wirkungen von politischem Extremismus in der Bundeswehr“, das auf der Auswertung von Gruppendiskussionen mit Bundeswehrangehörigen beruht.
Gregor Richter präsentierte in seinem Vortrag Erkenntnisse zur militärischen Personalgewinnung. Die Berufswahl junger Menschen ist demnach nicht nur ein rationales Kalkül, sondern Ausdruck der individuellen Persönlichkeit – auch und gerade im militärischen, beruflichen Kontext.
Die dänische Königsyacht Dannebrog während der Konferenz im Hafen von Aarhus
Bundeswehr/Markus SteinbrecherMarkus Steinbrecher stellte seine Forschungsergebnisse zur persönlichen Verteidigungsbereitschaft in Deutschland und ihren Erklärungsfaktoren im Zeitraum von 2021 bis 2025 vor. Die Ergebnisse auf Basis der Bevölkerungsbefragungen des ZMSBw zeigten, dass die Verteidigungsbereitschaft in Deutschland höher ist als erwartet und sie sich nach Ausbruch des Ukrainekriegs sogar etwas erhöht hat (2021: 33 Prozent; 2022: 41 Prozent, 2023: 38 Prozent, 2024: 42 Prozent, 2025: 37 Prozent; alle Zahlen bezogen auf die Bevölkerung zwischen 16 und 50 Jahren).
Die Verteidigungsbereitschaft hängt mit verschiedenen soziodemografischen Merkmalen (Geschlecht, eigene militärische Erfahrung) und politischen Einstellungen (politisches Interesse, Wahlabsicht, Haltungen zu militärischer Gewaltanwendung und zur Bundeswehr) zusammen. Bedrohungswahrnehmungen haben in Deutschland im Zeitraum zwischen 2021 und 2025 nur eine geringe Erklärungskraft für die Verteidigungsbereitschaft. Insgesamt bot der Beitrag die erste umfassende Analyse zu diesem Thema seit langem für den deutschen Fall.
Markus Steinbrecher hat in seiner Funktion als Schatzmeister und somit als Mitglied des Vorstands von ERGOMAS an zahlreichen organisationsinternen Treffen während der Konferenz teilgenommen und zudem das Plenum der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler über die Vorstandsarbeit der vergangenen zwei Jahre informiert. Markus Steinbrecher bleibt zudem weiterhin Koordinator der Arbeitsgruppe „Public Opinion, Mass Media, and the Military“; ein Amt, das er, gemeinsam mit Thomas Ferst aus der Schweiz, bereits seit 2019 innehat.