Bevölkerungsbefragung 2026: Wie wehrbereit ist die deutsche Gesellschaft?
- Datum:
- Ort:
- Potsdam
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Die ZMSBw-Bevölkerungsbefragung 2026 untersucht die Wehrbereitschaft der Bevölkerung in Deutschland. Im April/Mai 2026 wurden über 2.200 zufällig ausgewählte Bürgerinnen und Bürger befragt. Zentrales Ergebnis: Niemand sollte die wehrbereite Gesellschaft unterschätzen – nicht Russland, nicht Deutschlands Verbündete und vor allem nicht die Deutschen selbst.
Das Wachbataillon und Besucherinnen und Besucher beim Tag der offenen Tür der Bundesregierung 2026 im Berliner Sitz des BMVg
Bundeswehr/Tom Twardy
Zentrale Ergebnisse der ZMSBw-Bevölkerungsbefragung 2026 zur Wehrbereitschaft in Deutschland.
Bundeswehr/GrafDie empirischen Daten der diesjährigen Bevölkerungsbefragung wurden auf Basis folgender Annahme ausgewertet: Die gesellschaftliche Wehrbereitschaft hat mehrere Ebenen (vgl. Abb. 1). Grundlage der Wehrbereitschaft ist die subjektive Wahrnehmung einer (militärischen) Bedrohung für die eigene Sicherheit (Erkenntnis). Darauf baut die individuelle Einstellung zur kollektiven Verteidigung gegen die Bedrohung auf (Einstellung). Diese zweite Ebene lässt sich differenziert betrachten als Einstellung zur nationalen Verteidigungsfähigkeit einerseits und zu Deutschlands Verantwortung und Engagement für die internationale Sicherheit andererseits. In letzter Konsequenz stellt sich die Frage, ob und wie die Bürgerinnen und Bürger sich persönlich für die Verteidigung einsetzen würden – im Militär und darüber hinaus (Engagement). Jede Ebene der Wehrbereitschaft lässt sich mit mehreren Indikatoren empirisch messen.
Dem schematischen Aufbau in Form einer Pyramide liegt die Annahme zugrunde, dass nicht alle drei Ebenen der gesellschaftlichen Wehrbereitschaft gleich stark ausgeprägt sind. Selbst wenn eine Mehrheit der Bevölkerung die gleiche Bedrohungswahrnehmung und Einstellung zur Verteidigungspolitik teilt, wird nur ein vergleichsweise kleiner Teil in den Streitkräften dienen und einen bewaffneten Verteidigungsbeitrag leisten. Die Erfahrung aus Russlands Angriffskrieg gegen die Ukraine bestätigt diese Annahme.
"Zweifel an der Wehrbereitschaft der deutschen Bevölkerung sind unbegründet: Die akute Bedrohung durch Russland wird erkannt, die aktuelle Verteidigungspolitik mitgetragen und die persönliche Verteidigungsbereitschaft ist hinreichend stark ausgeprägt."
Ein zentraler Befund zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild 2026: Die Grundlage der gesellschaftlichen Wehrbereitschaft ist die in allen Teilen der Bevölkerung stark ausgeprägte Wahrnehmung von Russland als eine Bedrohung für Deutschlands Sicherheit. Einzig die Wählerschaft der AfD sieht in Russland mehrheitlich keine Bedrohung. Mit dieser Bedrohungswahrnehmung steht und fällt der öffentliche Zuspruch zur Stärkung der nationalen Verteidigungsfähigkeit (Erhöhung der Verteidigungsausgaben, Personalaufwuchs der Bundeswehr und Akzeptanz des Neuen Wehrdienstes) sowie zu Deutschlands militärischem Engagement zum Schutz der NATO-Ostflanke und zur militärischen Unterstützung der Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen Russland.
Angesichts der anhaltenden Bedrohung durch Russland fordert weiterhin eine klare Mehrheit in der deutschen Bevölkerung eine finanzielle und eine personelle Stärkung der Bundeswehr (58 bzw. 64 Prozent). Der Anfang 2026 eingeführte Neue Wehrdienst stößt auf eine große und im Vergleich zum Vorjahr gestiegene gesellschaftliche Akzeptanz (59 Prozent; +6 Prozentpunkte) – auch bei den Jüngeren. Der gesellschaftliche Rückhalt für die Bundeswehr ist und bleibt sehr hoch. Unabhängig von der sicherheitspolitischen Lage geben seit einem Vierteljahrhundert mindestens drei Viertel der Bürgerinnen und Bürger an, eine positive Einstellung zur Bundeswehr zu haben. Aktuell sind es über 80 Prozent. Dass die Bevölkerung eine kritische Haltung zur Bundeswehr habe, ist eine alte Behauptung, der empirische Evidenz fehlt.
"Eine klare Mehrheit der Bevölkerung spricht sich weiterhin für eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben aus. Genauso robust ist der öffentliche Zuspruch zum personellen Aufwuchs der Bundeswehr."
Die Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger hat eine realistische außen- und sicherheitspolitische Auffassung und unterstützt eine aktive deutsche Außenpolitik. Pazifistische, isolationistische und militaristische Positionen vertreten nur Minderheiten in der deutschen Bevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr ist der grundsätzliche Zuspruch zu einer aktiven deutschen Außenpolitik jedoch gesunken, was sich auch in niedrigeren Zustimmungswerten zu annähernd allen Mitteln der Außenpolitik sowie zu den Auslandseinsätzen der Bundeswehr niederschlägt.
"Vor dem Hintergrund der akuten Bedrohung durch Russland priorisieren die Bürgerinnen und Bürger die Landes- und Bündnisverteidigung als Auftrag der Bundeswehr."
Diese Entwicklung führt zu einer wachsenden Diskrepanz zwischen dem prinzipiellen Bekenntnis zu Deutschlands Verantwortung für die internationale Sicherheit und der öffentlichen Unterstützung für das konkrete (militärische) Engagement zum Schutz dieser Sicherheit – im Rahmen der EU, der NATO und der Vereinten Nationen. Ungeachtet dieser Entwicklung spricht sich eine Mehrheit von 55 Prozent der Befragten dafür aus, dass Deutschland militärische Gewalt zur Verteidigung eines östlichen NATO-Mitgliedslandes einsetzen sollte, wenn dieses durch Russland militärisch angegriffen werden würde, ein Viertel (26 Prozent) ist unentschlossen und eine Minderheit (14 Prozent) lehnt dies ab.
Im Falle eines militärischen Angriffs auf Deutschland wären große Teile der Bevölkerung bereit, sich im Zivilschutz (49 Prozent), im medizinischen Bereich (44 Prozent), in verteidigungsrelevanten Wirtschaftsbereichen (28 Prozent) oder auch in den Streitkräften zu engagieren (23 bis 29 Prozent). Dabei sind Männer eher bereit, sich in technischen oder militärischen Verwendungen zu engagieren, während Frauen sich eher einen Einsatz im medizinischen Bereich vorstellen können. Es sind auch deutlich mehr Männer (53 Prozent) als Frauen (15 Prozent), die grundsätzlich bereit wären, im Falle eines militärischen Angriffs Deutschland mit der Waffe zu verteidigen. Das konkrete Interesse am Neuen Wehrdienst ist bei jungen Männern (34 Prozent) ebenfalls deutlich größer als bei jungen Frauen (17 Prozent). Gleiches gilt für den Soldatenberuf: 20 Prozent der jungen Männer und 5 Prozent der jungen Frauen können sich vorstellen, Soldat bzw. Soldatin zu werden.
Download des Forschungsberichtes zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild 2026
Forschungsbericht 140 PDF, nicht barrierefrei, 1,1 MB
Rekruten während der Basisausbildung in einer Kompanie des Heimatschutzes in Münster
Bundeswehr/Carl SchulzeWie sind die Zustimmungswerte zur persönlichen Verteidigungsbereitschaft mit der Waffe und zum Interesse am Dienst in den Streitkräften zu bewerten? Allein in der Gruppe der 20- bis 40-Jährigen erklären sich 50 Prozent der Männer und 16 Prozent der Frauen – im Falle eines militärischen Angriffs auf Deutschland – zum bewaffneten Kampf bereit. In absoluten Zahlen entspräche das gemäß des letzten Zensus fünf Millionen Männern und etwas weniger als zwei Millionen Frauen. Jeder fünfte Mann im Alter von 16 bis 29 Jahren kann sich zudem eine berufliche Tätigkeit als Soldat in der Bundeswehr vorstellen. In absoluten Zahlen wären das gemäß Zensus mehr als eine Million Männer. Und die 16–29-Jährigen, die ein mittleres bis sehr starkes Interesse am Neuen Wehrdienst bekunden, entsprächen in absoluten Zahlen circa zwei Millionen Männern und circa einer Million Frauen. Über die Gruppe der 18-jährigen Männer hinaus besteht also weiteres Potenzial an Interessenten für den Neuen Wehrdienst.
"Das Wehrpotenzial in der deutschen Bevölkerung ist beträchtlich. Die Herausforderung besteht darin, das vorhandene Potenzial auszuschöpfen."
Dr. Timo Graf forscht zur öffentlichen Meinung über Sicherheits- und Verteidigungspolitik, zu strategischen Kulturen sowie zu den zivil-militärischen Beziehungen in Deutschland. Dr. Graf leitet die jährliche ZMSBw-Bevölkerungsbefragung.
Die jährliche ZMSBw-Bevölkerungsbefragung ist seit Beginn der Umfragestudie im Jahr 1996 der Gradmesser für die gesellschaftliche Legitimation, Relevanz und Integration der Bundeswehr. Ihre Ergebnisse dienen dazu, das Verhältnis zwischen Bundeswehr und Gesellschaft zu analysieren sowie die Informationsarbeit der Bundeswehr zu evaluieren (Ressortforschung). Mit der öffentlichkeitswirksamen Publikation der Befragungsergebnisse in vielfältigen Formaten leistet das ZMSBw einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik (Wissenstransfer). Darüber hinaus werden die Befragungsdaten in wissenschaftlichen Fachpublikationen aufbereitet, als Grundlage für sozialwissenschaftliche Qualifikationsarbeiten und in der universitären Lehre genutzt sowie der Forschung allgemein im Datenarchiv des GESIS zur Verfügung gestellt (Grundlagenforschung).
von Timo GrafForschungsberichte zum sicherheits- und verteidigungspolitischen Meinungsbild in Deutschland