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„Containment“ zum Schutz der freien Welt

Die russische Regierung rechtfertigt den Überfall auf die Ukraine am 24. Februar 2022 einerseits als Denazifizierung der Ukraine und als Entwaffnung faschistischer bewaffneter Gruppierungen. Andererseits ist dieser Krieg auch eine Reaktion Russlands auf die von ihm zu bewertete „Einkreisung“ und Bedrohung durch die NATO (siehe dazu auch das Ukraine-Dossier des ZMSBw). Vor allem der Beitritt einiger ost- und mittelosteuropäischer Staaten zum westlichen Bündnis, allesamt aus freien Stücken und als Folge langjähriger Unterdrückung durch die frühere Sowjetunion und den von ihr dominierten Warschauer Pakt, kann durchaus als Wiederbelebung der Containment-Politik zu Beginn des Kalten Krieges gesehen werden. Damals wie heute geht es um die Eindämmung einer aggressiv agierenden Großmacht – damals der Sowjetunion, heute Russlands. Damit lohnt ein Blick zurück in die Entstehung der Containment-Politik und die Truman-Doktrin.

1946 brach in Griechenland ein bis 1949 andauernder Bürgerkrieg aus. Dabei standen sich kommunistisch dominierte und von den Nachbarländern Albanien, Bulgarien und Jugoslawien unterstützte Partisanenverbände und die zunächst ausschließlich von Großbritannien unterstützten Regierungstruppen gegenüber. Aufgrund der innenpolitischen und desaströsen finanziellen Situation drohte Griechenland zu einem weiteren kommunistischen Satellitenstaat zu werden. Das hätte die strategische Lage auf dem Balkan zugunsten der Sowjetunion verändert.

Zeitgleich forderte die UdSSR von der Türkei die Aufkündigung des „Vertrages von Montreux“ aus dem Jahr 1936. In der auch „Meeres-Abkommen“ genannten Übereinkunft war der Türkei das bis heute gültige Recht zugesprochen worden, die Kriegsschifffahrt der Anrainerstatten des Schwarzen Meeres zu kontrollieren. Zudem wurden Forderungen nach Militärbasen an den Meerengen sowie nach Gebietsabtretungen im Bereich der sowjetischen Kaukasusrepubliken erhoben.

In dieser Situation kündigte die britische Regierung im Februar 1947 an, die finanzielle und militärische Unterstützung der betroffenen Staaten aufgrund wirtschaftlicher Schwierigkeiten einzustellen.

Sollte das Feld in dieser Krisenregion nicht der Sowjetunion überlassen werden, mussten die USA das machtpolitische Vakuum, das der Rückzug Großbritannien hinterlassen würde, mit einer neuen Politik gegenüber der Sowjetunion ausfüllen.

Das „lange Telegramm“

Die darauf folgende Politik der „Eindämmung“ (containment) gegenüber dem sowjetischen Expansionsstreben hatte ihren geistigen Ursprung im sogenannten „langen Telegramm“ vom

22. Februar 1946. Der damals in Moskau akkreditierten US-Diplomat George Frost Kennan (1904-2005) legte darin seine Vorstellungen über das zukünftige Verhältnis der USA zur Sowjetunion (UdSSR) dar. Im Juli 1947 erschien der Inhalt als Artikel unter dem Pseudonym „Mr. X“ in der Zeitschrift Foreign Affairs. In einer umfassenden Analyse der UdSSR und seiner Außenpolitik prophezeite Kennan eine ständig wachsende Expansion des sowjetischen Einflusses. Diese erfolge nicht zwangsläufig durch Krieg, sondern mittels einer beständigen politischen Offensive. Möglichkeiten hierzu böten die Gegensätze zwischen den kapitalistischen Staaten und innerhalb der einzelnen kapitalistischen Gesellschaften. Und diese bestehenden Gegensätze würden von der UdSSR bis zur Reife eines kommunistischen Umsturzes ausgenutzt und vertieft.

Nach Kennans Analyse erforderte das politische System in der UdSSR ein äußeres, kapitalistisches Feindbild, um die Sicherheit im Inneren zu gewährleisten. Strukturell angelegt, war die Polarität zwischen der kommunistischen und nichtkommunistischen Welt für Kennan auch nicht durch einseitige Kompromisse zu überbrücken. In der langfristigen Auseinandersetzung werde die UdSSR nur der Stärke weichen. Hierbei zielte er jedoch nicht auf militärische Reaktionen, sondern auf machtpolitische Stabilität und die moralische Glaubwürdigkeit des Westens. Obwohl die UdSSR derzeit nach außen hin stark erscheine, sei sie im Vergleich die schwächere Partei, so Kennan.

Für die USA käme es für Kennan künftig darauf an, den Völkern zu beweisen, dass sie ihre Interessen verteidigen, ihre innenpolitischen und wirtschaftlichen Herausforderungen lösen, sich mit den ideologischen Strömungen der Welt messen sowie ihrer Weltmachtstellung gerecht werden könne. Unter diesem Eindruck und dessen Aufrechterhaltung muss der sowjetische Kommunismus früher oder später an seinen Zielen scheitern. Mit Unterstützung seitens der freien Völker könnten die USA die UdSSR massiv belasten, ihr so Mäßigung und Besonnenheit aufzwingen und damit Tendenzen fördern, die schließlich zu einem Zusammenbruch oder zu einem Machtverlust der UdSSR führen müssten.

Die Truman-Doktrin

Diese neue Grundausrichtung der US-Außenpolitik konkretisierte am 12. März 1947 US-Präsident Harry S. Truman in einer Rede vor dem US-Kongress: Hier sprach er den Gegensatz zwischen den USA und der Sowjetunion erstmalig an und forderte Wirtschafts- und Militärhilfe für Griechenland und die Türkei. Zudem betonte er den festen Willen der USA jeglicher Ausdehnung des sowjetischen Einflusses entgegenzutreten und allen freien Völkern beizustehen, „die sich ihrer Unterwerfung durch bewaffnete Minderheiten oder Druck von außen widersetzen“ würden. Die Unterstützung seitens der USA sollte vorrangig als Wirtschafts- und Finanzhilfe gewährt werden, direkte militärische Interventionen waren nicht beabsichtigt. – Damit folgte die Rede des Präsidenten der USA der Auffassung Kennans von „Containment“ als einer politischen Eindämmung.

Als Folge wurde die Vereinigung der amerikanischen, britischen und französischen Besatzungszonen in Westdeutschland (der späteren Bundesrepublik) vorbereitet, der UdSSR eine Beteiligung an der Verwaltung des ebenfalls besiegten Japans verweigert, die Grenzkorrekturen gegenüber der Türkei verhindert und deutlich gemacht, dass die USA eine sowjetische Besetzung Süd-Koreas nicht hinnehmen würden. Als sowjetische Reaktion erfolgte im September 1947 die Gründung des Kommunistischen Informationsbüros (Kominform), um sowjetfreundliche Bewegungen zu unterstützen.

Weltkarte mit blauen Ländern als Bündnispartner und roten kommunistischen Ländern

Das Bündnissystem als "Containment"

Bundeswehr/Bernd Nogli 2022

Der Marshall-Plan

Der sowjetische Diktator Josef Stalin untersagte als Reaktion auf diesen Politikwandel seitens der USA allen mittel- und osteuropäischen Staaten im sowjetischen Macht- und Einflussbereich die Teilnahme am European Recovery Programm (ERP). Damit scheiterte die Hoffnung, deren Bindung an die UdSSR zu lockern oder sie dem kommunistischen Lager vollends zu entreißen. Benannt nach dem amtierenden US-Außenminister und früheren Fünf-Sterne-General George C. Marshall, richtete sich das Finanzhilfeprogramm im Rahmen der Eindämmungspolitik grundsätzlich an alle Staaten Europas.

Die teilnehmenden Staaten waren jedoch verpflichtet, gemeinsam und gemäß ihres zur Verfügung stehenden Potentials konkrete Pläne zum Wiederaufbau des durch den Krieg auch wirtschaftlich und finanziell schwer getroffenen Kontinents auszuarbeiten. Absicht dieses Hilfsprogramms war es, die Empfängerländer wirtschaftlich zu stärken, gegen antikapitalistische Umstürze und kommunistische Agitation zu wappnen und zu immunisieren sowie für die Politik der USA einzunehmen.

Damit erwies sich der Marshall-Plan als weiteres Teilstück einer Stabilisierungspolitik zur Begrenzung der sowjetischen Einflussnahme und Bedrohung. Die Abwehr der Berlin-Blockade 1948/49 sowie die Gründung Bundesrepublik Deutschland und der NATO 1949 sollten weitere Bausteine der Eindämmung sowjetischer Machtausdehnung und Stabilisierung bilden.

Teilnehmerstaaten des Marshallplan in blau und kommunistische Staaten in rot dargestellt

Bis auf die Staaten im Machtbereich der Sowjetunion partizipierten nahezu alle europäischen Staaten vom Marshallplan.

Bundeswehr/Bernd Nogli 2022

Text und Karte zum Herunterladen: 

DOI: https://doi.org/10.48727/opus4-542

© ZMSBw 2022 / Karte: Bernd Nogli, Text: Kai Uwe Bormann

von Dr. Kai Uwe Bormann

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