Frauen als Zielgruppe bundesdeutscher Streitkräfteplanung
Militärgeschichte nach 1945- Datum:
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Nils Birk untersucht in seinem Dissertationsprojekt die Rolle von Frauen in den Streitkräften und ordnet seine Forschungen geschlechterhistorisch und vergleichsgeschichtlich ein.
Die ersten Soldatinnen der Bundeswehr werden vom Bundesminister der Verteidigung Georg Leber beglückwünscht, 01.10.1975.
Bundeswehr/OedKaum war die Bundeswehr 1955 gegründet, diskutierte die westdeutsche Öffentlichkeit lebhaft darüber, ob auch Frauen Militärdienst leisten könnten und sollten. Dass dies auch innerhalb des BMVgBundesministerium der Verteidigung ein kontroverses Thema war, ist kaum bekannt. Anders als bisher angenommen, führte auch innerhalb der ‚Männerbastion‘ Bundeswehr diese Frage bis 2001 zu umfangreichen Diskussionen.
Während die historische Forschung den Stellenwert von Frauen in deutschen Streitkräften vor 1945 thematisiert hat, finden Frauen in der Geschichtsschreibung über die Bundeswehr bislang wenig Beachtung. Dabei verrät die Geschichte ihrer Exklusion und Integration viel über die Verfasstheit der Bundeswehr: Wie sah in der (männlichen) Bundeswehr der frühe ‚Soldat, weiblich‘ aus? Welche Rolle spielten internationale, gesellschaftspolitische Veränderungen für die internen Planungsgruppen zur Öffnung der Bundeswehr für Frauen? War die Bundeswehr nichts anderes als ein ‚Hort konservativer Männlichkeit‘? Und: wie orientierte sich die Bundeswehr im zeitgenössischen Vergleich mit anderen Streitkräften?
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, liegt der Fokus dieses Dissertationsprojekts auf Entscheidungsprozessen hinter verschlossenen Türen‘. Umfangreiche Aktenbestände des Bundesarchivs/Militärarchivs, des Parlamentsarchivs sowie der Parteiarchive sollen dazu ausgewertet werden. Im Zentrum der Studie mit dem Titel „Frauen als Zielgruppe bundesdeutscher Streitkräfteplanung – Geschlechterhistorische Dimensionen des ‚Soldaten, weiblich‘ im (inter-)nationalen Vergleich“ steht das BMVgBundesministerium der Verteidigung mit seinen Planungsgruppen, die sich mit der zukünftigen Rolle von Frauen in den Streitkräften beschäftigten.
In einem internationalen Vergleich wird untersucht, wie das BMVgBundesministerium der Verteidigung im Zuge gesellschaftspolitischer Veränderungen seit Ende des Zweiten Weltkrieges bis zum Ende des Kalten Krieges den weiblichen Soldaten konzipierte sowie dessen Bild in der Öffentlichkeit kommunizierte. Der Vergleich mit Nationen wie den Vereinigten Staaten, Schweden, Israel oder der DDRDeutsche Demokratische Republik einerseits, mit innerdeutschen Organisationen wie dem Bundesgrenzschutz oder den Landespolizeien andererseits eröffnet neue Perspektiven auf die Planungsprozesse innerhalb des BMVgBundesministerium der Verteidigung.
Israelische Offizierinnen aller Teilstreitkräfte, um 1950. Israels geschlechtsneutrale Wehrpflicht sorgte in der zeitgenössischen westdeutschen Presse immer wieder für Aufsehen.
Wikimedia Commons public domain/National Photo Collection of Israel/Theodore BraunerDie Bundeswehr war eine der letzten Streitkräfte im NATONorth Atlantic Treaty Organization-Verbund, die Frauen den Zugang zum Soldatenstatus gewährte. Seit den 1970er Jahren öffneten nahezu alle NATONorth Atlantic Treaty Organization-Länder ihre Streitkräfte für Frauen. Ausländische bewaffnete Soldatinnen waren immer öfter bei deutschen NATONorth Atlantic Treaty Organization-Manövern sichtbar. Israel stellte mit seiner geschlechtsneutralen Wehrpflicht ein Unikum im ‚westlichen‘ System dar. In der Bundesrepublik Deutschland gerieten zeitgleich vermeintliche Gewissheiten ins Wanken. Seit den 1970er Jahren trugen Polizistinnen Waffen, und ab 1987 waren Frauen im Bundesgrenzschutz ganz offiziell Kombattantinnen – die Bundeswehr aber blieb männlich geprägt. Wie beeinflussten diese Prozesse die Planungen im BMVgBundesministerium der Verteidigung? Profitierten die Planungsgruppen von dem Erfahrungsschatz der verbündeten Nationen im Umgang mit weiblichen Soldaten?
von Nils Birk