Langeoog – Biographie einer deutschen Insel
Die ersten zwei Bände der mikrogeschichtlichen Langzeitstudie sind erschienen.
Zum Deutschen Marinemuseum in Wilhelmshaven pflegt das ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr seit langem eine gute Beziehung. Prof. Dr. Jörg Echternkamp war zu einem Gastvortrag eingeladen, um die Ergebnisse seiner mikrogeschichtlichen Forschung zur NSNationalsozialismus- und Kriegszeit auf der Nordseeinsel Langeoog vorzustellen.
Deutsches Marinemuseum
Bundeswehr/Jörg EchternkampUnter den vielen Gästen im Marinemuseum am Südstrand war so gut wie niemand, der Langeoog nicht bereits besucht hatte. Über die vielschichtige Vergangenheit dieses „Naturparadieses“ (Eigenwerbung) ist jedoch bislang wenig bekannt. Um so größer war das Interesse zu erfahren, ob und wie sich das NSNationalsozialismus-Regime selbst am äußersten Rande des Deutschen Reiches ausgewirkt hat und wie die Insel im Zuge der Vorbereitung auf den Zweiten Weltkrieg militarisiert wurde. Der Hafen, die Betonstraßen und zwei Wohnsiedlungen zeugen bis heute von der Präsenz der Wehrmacht zwischen 1937 und 1945. Der methodische Ansatz der „globalen Mikrogeschichte“ zeigte zugleich, wie sehr das Geschehen auf der Insel mit den Entwicklungen in Deutschland und im besetzten Europa verflochten war.
Prof. Dr. Echternkamp am Rednerpult mit Logo des Marinemuseums.
Deutsches Marinemuseum/NustedeProfessor Echternkamp erinnerte zunächst an den Anfang des Jahres verstorbenen Leiter des Marinemuseums Dr. Stephan Huck, der das Projekt auf seine Weise unterstützt und angeregt hatte, es auch in Wilhelmshaven vorzustellen. Der Vortrag „Insel der 'Volksgemeinschaft' – Tourismus und Nationalsozialismus auf Langeoog“ am 21. November 2024 war der erste im Programm von Dr. Thomas Eisentraut, der im Oktober die Leitung übernommen hatte. Er moderierte eine lebhafte Diskussion – erste Fragen wurden noch während des Vortrags gestellt –, in der Echternkamp Formen und Inhalte der Selbstmobilisierung für die Diktatur wie auch der Verfolgung und des Terrors darstellte. Sie gipfelte zum einen in der Vertreibung einer „jüdischen“ Familie, für die im Sommer 2024 sogenannte Stolpersteine verlegt worden waren, zum anderen im Massensterben sowjetischer Kriegsgefangener 1941/1942, an das eine Kriegsgräberstätte des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge erinnert.
Im Interview mit dem Lokalsender Radio Jade in Wilhelmshaven brachte Echternkamp Kernaussagen seines Vortrags nochmalig auf den Punkt.
Inselhospiz Langeoog auf der Nordseeinsel Langeoog. Ansichtskarte, Heimatverein Langeoog e. V.eingetragener Verein
Kein RechtevermerkAm Wochenende folgte Prof. Echternkamp der Einladung, auf der Insel aus den beiden bisher erschienen zwei Bänden seiner Buchreihe zu lesen. Auch hier, im einstigen Seehospiz des Klosters Loccum, entwickelte sich eine lebendige Debatte, in der nicht zuletzt die Insulaner und Insulanerinnen über ein kaum bekanntes Kapitel der Vergangenheit ins Gespräch kamen – auch wenn viele mit Plätzen auf dem weiträumigen Flur vorliebnehmen mussten. Die Lokalpresse sprach von einem „erneut riesigem Interesse“ an der historischen Aufarbeitung. Ein dritter Band, der Kriegsgefangenschaft, Zwangsarbeit und Gewalterfahrungen im Zeitraum 1939-1945 beleuchtet, soll 2025 zum 80. Jahrestag des Kriegsendes erscheinen.
von Forschungsbereich Militärgeschichte nach 1945