"Der" Experte für NVA-Geschichte
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Das ZMSBw verabschiedet Leitenden Wiss. Direktor Dr. Rüdiger Wenzke in den Ruhestand. Zwei Staaten, drei Dienststellen und nicht weniger als 10 Kommandeure oder Amtschefs hat Rüdiger Wenzke in der Villa Ingenheim erlebt – und dabei schrieb er nicht nur Zeitgeschichte, er verkörpert sie.
Leitender Wiss. Direktor Dr. Rüdiger Wenzke
ZMSBw 2013Nahe „Berlin – Hauptstadt der DDR“ in Baruth geboren, kam Rüdiger Wenzke bereits 1981 nach dem Studium der Geschichte in Leipzig nach Potsdam in das damalige Militärgeschichtliche Institut der DDR (MGI, damals in der Villa Ingenheim). Dass er hier 40 Jahre wirken würde, war nicht abzusehen. Im MGI steckt man ihn zu seinem Leidwesen in die damalig für ihn eher „uninteressante“ 2. Abteilung: „Geschichte der NVA“. 1986 promovierte er sich mit der Studie „Die Entwicklung der Waffenbrüderschaftsbeziehungen der Nationalen Volksarmee der DDR zur Tschechoslowakischen Volksarmee im Rahmen der sozialistischen Militärkoalition (1956-1980)“.
Dieses damals nicht sehr begehrte Thema sollte sich kaum 10 Jahre später als Glücksfall erweisen: Nur in diesem Bereich brauchte das aus Freiburg kommend nach Potsdam verlegte Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFA) der Bundeswehr, das 1990 mit dem das MGI offiziell „vereinigt“ wurde, Spezialisten.
Nach dem Untergang der DDR wurden die Themen NVA und Warschauer Vertrag von ihren politischen Fesseln befreit und damit zu einen spannenden der Aufarbeitung harrenden „Neuland“. Es galt anfangs viele Vorurteile abzubauen und Brücken zwischen den ehemals gegnerischen Armeen und ihren Angehörigen zu schlagen. Dies betraf Ressentiments ehemalige Vorgesetze und Kollegen im Osten, die von ihrem alten, marxistisch-leninistischen Geschichtsbild nicht lassen konnten.
Doch auch viele neue Kollegen hegten Zweifel am wissenschaftlichen Handwerkszeug und der Kompetenz der ostdeutschen Historiker. So konnte man schon mal in „Ungnade“ fallen, wenn man auf der Grundlage solider ostdeutscher und tschechoslowakischer Akten-Kenntnis die Behauptung vertrat, die NVA habe bei der Intervention der Warschauer Vertragsstaaten in der CSSR 1968 nur randständig teilgenommen und damit dem damaligen westdeutschen Kenntnisstand widersprach. – Was heute auch und insbesondere durch die Forschungen von Rüdiger Wenzke gesicherte historische Erkenntnis ist, war damals für manch gestandene Historiker aller Geschlechter zu neu.
Nichts destotrotz konnte sich Herr Wenzke mit seinen wissenschaftlichen Leistungen u.a. zu den Vorläufern der NVA durchsetzen und einen der drei befristeten Dienstposten für ostdeutsche Kollegen im MGFA erringen. Einen unbefristeten Arbeitsvertrag erhielt er 1998, und ein Jahr später die verdiente Verbeamtung.
Mit Rüdiger Wenzke gewann die Bundeswehr einen exzellenten Sachkenner der NVA-Geschichte. Er hat mit seinen Forschungen das Renommee des MGFA bei der Aufarbeitung der DDR-Geschichte und zum „Ost-Block“ international und national begründet. Er war einer der ersten, die im neuen Forschungsbereich „Militärgeschichte der DDR im Bündnis“. Der erste gemeinsame Sammelband „Volksarmee schaffen – ohne Geschrei!“, den das MGFA mit ostdeutschen Kollegen gewagt hatte, wurde ein voller Erfolg, dem viele weitere folgten: Beiträge zur Kaderpolitik der SED, zur Wehrpflicht in der DDR oder zum Krisenjahr 1956; Großprojekte so: „Die NVA und der Prager Frühling“ (1995), „Die Generale und Admirale der NVA“ (1997) und das „Handbuch der bewaffneten Organe der DDR“ (1998). Alle Bände erschienen beim Christoph-Links-Verlag in Berlin und entwickelten sich zu Standardwerken der militärgeschichtlichen Aufarbeitung der DDR.
Keine Fußnote der Geschichte: Rüdiger Wenzke beim Workshop zur Gründung der NVA
ZMSBw / Bartl 2016Das Innovative an Wenzkes Ansatz war, dass er die Geschichte der NVA nie nur als Ereignis- oder Organisationsgeschichte begriff. Er stellte sie auf der einen Seite zugleich in den Kontext der internationalen Politik oder passte sie in den Rahmen des Warschauer Vertrages ein. Vor allem aber stellte er sie als Geschichte handelnder Menschen dar. Seine Beschäftigung mit dem Offizierskorps, widerständigem Verhalten, der Militärjustiz und den Verhältnissen im NVA-Gefängnis Schwedt, rückte die Angehörigen der NVA in den Fokus. In Verbindung mit seinen Kollegen entstanden so ganzheitliche Betrachtungen wie die „Geschichte der Kasernierten Volkspolizei“ (2002), „Staatsfeind in Uniform“ (2005), „Ulbrichts Soldaten“ (2013) oder sein populärwissenschaftlicher Band „Die Nationale Volksarmee“ (2014). Heute kommt kein Forscher auf diesem Gebiet an seinen Grundlagenwerken vorbei.
Viele seiner Forschungen erschienen in der „Grünen Reihe“ des heutigen ZMSBw und ehemaligen MGFA. Diese – richtig ausgesprochene – „Militärgeschichte der DDR“ startete 2001 mit dem Band „Die getarnte Armee“. Von inzwischen 28 Bänden der Reihe ist er an acht als Autor oder Herausgeber direkt beteiligt, an vielen weiteren darüber hinaus als Impulsgeber, Betreuer oder nur Zeitzeuge oder gutachtender Kollege – von der Vielzahl junger hoffnungsvoller Nachwuchswissenschaftler bei ihren Dissertationen und deren Betreuung zugunsten der „Grünen Reihe“ ganz zu schweigen.
Es versteht sich beinahe von selbst, dass Rüdiger Wenzke in zahlreichen Vorträgen wie auch Interviews in Zeitungen, im Radio oder Fernsehen für seine Themen als gefragter Interviewpartner zur Verfügung stand. Er war die Stimme und das Gesicht der wissenschaftlichen Militärgeschichtsschreibung der DDR.
2009 wurde Dr. Wenzke Projektleiter im Forschungsbereich Militärgeschichte der DDR im Bündnis am MGFA, 2013 Projektleiter „Militärgeschichte der DDR“ im Forschungsbereich Militärgeschichte seit 1945 im ZMSBw, und Ende 2014 übernahm er schließlich die Leitung des Forschungsbereiches „Militärgeschichte nach 1945“ im ZMSBw.
Die Neuausrichtung des Forschungsbereiches, komparatistische Forschung, der Vergleich der beiden deutschen Staaten und insgesamt Militärgeschichte nach 1945 sind hier in naher Zukunft spannende Darstellungen im Vergleich von Ost und West zu erwarten. Herr Wenzke verstand es nicht nur, die neuen Inhalte zu vermitteln und seine Mitarbeiter für ihre Forschungsthemen zu motivieren, er entwickelte im Team erfolgversprechende Konzepte und trieb deren Umsetzung voran. Zugleich schaffte Dr. Wenzke es, Bewährtes zu erhalten und die Forschung zur DDR-Militärgeschichte und damit die „Grüne Reihe“ zu erhalten.
Letztendlich ist es ihm nicht allein durch seine wissenschaftlich anerkannte Fachexpertise, sondern ebenso durch seine ruhige aber bestimmte Bereichsleitung und seine geschätzte Kollegialität gelungen, ein fruchtbares Team in seinem Forschungsbereich zu schmieden. Er hinterlässt seinem Nachfolger eine leistungsstarke Mannschaft, die das Lebenswerk seines nunmehr scheidenden Leiters sicher erfolgreich weiterführen wird.
Seinen Traum, die gesamte Geschichte der NVA tiefgründig zu erforschen und in „seiner (grünen) Reihe“ zu publizieren, konnte er nicht verwirklichen. Den Band „Honeckers Soldaten“ und die ganzheitliche Betrachtung der NVA in den1980er Jahren werden nach der Zurruhesetzung wohl Wenzkes Nachfolger verfassen müssen.
Das ZMSBw verabschiedet Rüdiger Wenzke mit einem weinenden und einem lachenden Auge: Es verliert einen langjährigen, leistungsstarken Forscher und Forschungsbereichsleiter ohne Allüren. Das lachende Auge, den Ruhestand, hat er sich durch akribische Forschungsarbeit redlich verdient.
Was bleibt in diesen Tagen (mehr als sonst): die obligatorischen Wünsch für ewige Gesundheit im „Dritten Lebensabschnitt“. Im ZMSBw bleibt zu hoffen, dass er die stets offene Tür nutzt. Fall es außerdem nach so einem arbeitsreichen Leben langweilig werden sollte, kann das „Alterswerk“ mit dem Titel: Honeckers Soldaten! doch noch entstehen.