Zugehört 87 - Transkript
- Datum:
- Lesedauer:
- 19 MIN
Dieses Transkript wurde nicht redaktionell bearbeitet oder geprüft.
Nimpsch: Herzlich willkommen zu „Zugehört“ – dem Podcast des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Schön, dass Sie wieder eingeschaltet haben. Heute senden wir nicht aus unserem Studio, sondern anlässlich der letzten ITMG direkt aus dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr in Dresden. In dieser Folge präsentieren wir Ihnen einen Vortrag von Dr. Peter Tauber, der sich mit der Frage beschäftigt, wie sicher Deutschland heute ist und welche politischen, gesellschaftlichen und militärischen Herausforderungen sich daraus ergeben. Wir steigen direkt ein – und wünschen Ihnen eine interessante und erkenntnisreiche Zuhörung. Tauber: Meine sehr verehrten Damen, meine Herren, Herr Oberst, der Marburger Historiker Eckhardt Konze hat die Geschichte der Bundesrepublik als eine Suche nach Sicherheit beschrieben. Also offensichtlich ist den deutschen Sicherheit ein Anliegen und zwar in einem ganz umfassenden Sinne. In der Frage von sozialer Sicherheit, Altersarmut. Wie habe ich ein Auskommen? Wie geht es meinen Kindern, meinen Enkeln? Im Sinne der inneren Sicherheit, der Schutz vor Kriminalität, vor Terror. Aber auch, und ich glaube, das ist die Sicherheit, über die wir heute Abend sprechen wollen, in der Abwehr von Gefahren von außen. Und wir merken ja auch, dass diese klare Abgrenzung der verschiedenen Sicherheitsbegriffe so leicht offensichtlich nicht mehr ist im 21. Jahrhundert. Also, wir reden über Sicherheit in Deutschland im Sinne von Kriegstüchtigkeit, im Sinne von Wehrhaftigkeit. Begriffe, die wir lange in der öffentlichen Debatte nicht mehr gehört haben, wieder eingeführt in die Debatte durch unseren Verteidigungsminister Boris Pistorius, auch durch den Generalinspektor der Bundeswehr. Und wenn man nochmal kurz innehält, dann stimmt das ja gar nicht. Dann ist zumindest der Begriff Wehrhaftigkeit uns ganz geläufig, nur in einem, wenn sie so wollen, den militärischen Kern entkleideten Sinne, wenn wir über wehrhafte Demokratie sprechen. Und darunter verstehen wir natürlich die Wehrhaftigkeit einer Demokratie nicht unter Anwendung von Gewalt, sondern wir wollen eine wehrhafte Demokratie mit anderen Mitteln herstellen. Also, wir reden und deswegen erlauben Sie mir, dass ich sehr viel stärker über die Begriffe Kriegstüchtigkeit und Wehrhaftigkeit rede, weil ich glaube, dass sie klarer sind. Und ich auch der Überzeugung bin, dass viele Menschen in Deutschland genau das in der öffentlichen Debatte erwarten, vielleicht sogar vermissen, dass wir Dinge als das beschreiben, was sie sind und nicht sprachlich, ich will nicht sagen verharmlosen, aber doch ihrem eigentlichen Kern entkleiden und damit vielleicht uns auch die eine oder andere Zumutung ersparen, dass wir im Folgenden uns an diesen beiden Begriffen auch abarbeiten. Und wenn die Frage gestellt wird, wie kriegstüchtig ist Deutschland, wie wehrhaft ist Deutschland, dann geht das nicht ohne sie. Das macht ja nicht irgendwer. In der Demokratie, in der alle Staatsgewalt vom Volke ausgeht, machen sie das. Und deswegen müssen Sie jetzt am Anfang schon mitmachen. Ich weiß nicht, ob der eine oder andere sich es sehr gemütlich gemacht hat, da hinten ist es auch ein bisschen dunkler, kann man die Augen schließen, vielleicht auch von schönen Dingen träumen. Aber jetzt müssen Sie mal mitmachen. Deswegen würde ich Sie gerne bitten, drei Fragen gemeinsam zu beantworten. Die erste Frage ist, glauben Sie, dass Deutschland kriegstüchtig ist? Wer der Überzeugung ist, dass Deutschland kriegstüchtig ist, also in der Lage, eine Gefahr von außen erfolgreich abzuwehren, der Möge bitte mal die Hand heben. Es ist doch überschaubar, auch wenn ich nicht dahinten alles sehe. Vielen Dank. Wer ist der Überzeugung, dass die Bundeswehr, die dann ja eine der wesentlichen Instrumente dieser Gefahrenabwehr ist, kriegstüchtig ist? Der Möge bitte kurz aufzeigen. Es sind ein paar Hände mehr. Wer ist der Überzeugung, dass er selbst kriegstüchtig ist? Und damit meine ich nicht, dass Sie in der Lage sind, vorne im Schützengraben einen wie auch immer gearteten Gegner abzuwehren, sondern dass Sie im Falle eines Konfliktes an der Stelle, wo Sie stehen oder wo Sie hingestellt werden, einen Beitrag dazu leisten, dass Deutschland sicherer wird. Also ob das beim Schutz Ihrer Liebsten ist, in der Erfüllung einer Aufgabe im Job. Wer ist da der Meinung, ich bin kriegstüchtig? Ja, das ist ein erstaunliches Ergebnis. Warum habe ich Sie das gefragt? Ich hatte vor einiger Zeit die Freude, mit 300 jungen Männern und Frauen über die Frage zu diskutieren, wofür lohnt es sich eigentlich zu kämpfen?! Mit jungen Männern und Frauen, die gerade die Streitkräfte eingetreten waren und ihre Grundausbildung erfolgreich absolviert hatten. Im Fallschirmjäger Regiment 26. Also es sind noch keine Fallschirmjäger, aber sie haben sich so gefühlt. Und auch dieser Gruppe haben wir am Ende der Veranstaltung diese Frage gestellt. Und bei der ersten Frage war die Reaktion ähnlich wie bei Ihnen. Also diese jungen Männer und Frauen waren nicht ganz so sicher, ob Deutschland gerade in der Lage ist, einen Angriff von außen erfolgreich abzuwehren. Sie waren etwas zuversichtlicher, was die Bundeswehr insgesamt betrifft, aber sie waren alle der festen Überzeugungen an ihnen, wird es nicht scheitern. Das ist interessant. Vielleicht sind wir deswegen an der Stelle auch sehr deutsch und unterm Strich sehr viel besser als wir denken. Als Nation in der Abwehr einer Krise oder in der Bewältigung einer Krise. Dennoch, dann könnte ich eigentlich aufhören, glaube ich, dass der Befund etwas differenzierter ausfallen sollte. Also drei Bereiche will ich mit Ihnen kurz beleuchten. Erstens natürlich die Politik, zweitens die Bundeswehr und dann komme ich am Ende doch nochmal auf sie selbst zurück. Ich habe es gesagt, unser ehemaliger Bundeskanzler hat ja das Wort von der Zeitenwende geprägt. Boris Pistorius hat es dann mit dem Begriff der Kriegstüchtigkeit noch einmal pointierter ausgedrückt und damit ja auch einen Anspruch formuliert. Nämlich den Anspruch, dass diese Bundesrepublik, sowohl in ihrer Rolle in unserem Verteidigungsbündnis der NATONorth Atlantic Treaty Organization, als auch für sich selbst in der Lage ist, sich erfolgreich zu verteidigen. Und die Politik hat danach ja durchaus gehandelt. Nicht nur das erste Sondervermögen, sondern auch jetzt die entsprechenden Reformen der Schuldenbremse, die Beschleunigung bei der Beschaffung. Auch die Diskussion über eine Technologieoffenheit, die wir offensichtlich brauchen angesichts eines sich dramatisch verändernden Kriegsbildes, wenn wir über das Stichwort Drohnentechnologie reden. Und zuletzt in der ja noch offensichtlich nicht ganz beendeten Debatte, wer dann eigentlich dieses Deutschland verteidigen soll und wo diese Menschen herkommen, Stichwort Wehrdienst oder Wehrpflicht. Manche diskutieren das noch ein bisschen weiter und fassen diesem Begriff auch dann in einem Gesellschaftsjahr zusammen in der Überzeugung, dass nicht alleine Streitkräftesicherheit im Falle eines Krieges generieren. Also könnte man sagen, die Politik hat doch ihre Hausaufgaben gemacht. Es ist jetzt eigentlich nur noch eine Frage der Umsetzung und das braucht natürlich auch Zeit und wir können eigentlich ganz entspannt sein. Leider, ich weiß nicht wie es Ihnen geht, ist das ein bisschen wenig Wasser im Wein. Ich glaube, dass wir eher konstatieren müssen, dass die Politik nicht schnell genug entscheidet, vielleicht auch manchmal nicht mutig genug entscheidet. Und für mich ist diese Wehrpflicht-Debatte, das sage ich hier sehr offen, ein Ausdruck dieser Unentschlossenheit in der Politik, die nicht dazu führt, dass andere den Eindruck bekommen, Deutschland ist sich seiner Verantwortung bewusst und ist im Zweifel auch bereit mit allen Mitteln Frieden und Freiheit zu verteidigen. Man könnte das auch in dem Satz zusammenfassen, dass Desinteresse mancher Politiker an Sachproblemen der Verteidigung und der Bundeswehr wirkt sich nachteilig aus für die Streitkräfte. Das ist kein Satz von mir. Also woran liegt das denn? Und ich weiß, dass hier auch einige sitzen, sie haben das heute auf der Tagung ja auch getan mit der Frage beschäftigen, was kann man eigentlich aus dem Kalten Krieg für heute lernen? Und dann gibt es zwei Lager, die einen sagen, wir müssen uns das genau anschauen, weil da können wir was daraus lernen und dann gibt es andere, die sagen, das ist doch alles Schnee von gestern, das bringt doch alles gar nichts mehr. Die Lage ist heute komplett eine Andere. Aber eine Sache glaube ich, muss man sich bewusst machen und die hat vielleicht damit zu tun, dass viele im politischen Raum sich so schwer tun, jetzt die Lage nicht nur zu erfassen, sondern dann auch in eigenen Worten zu beschreiben, diejenigen, die in der Alten Bundesrepublik politisch Verantwortung getragen haben, während des Kalten Krieges waren teilweise selber Kriegsgedient und oder hatten Krieg erlebt. Und diejenigen, die jetzt politisch Verantwortung tragen haben, und das mag man ihnen gönnen, haben keinen entsprechenden eigenen Erfahrungshintergrund. Und da bin ich gar nicht bei der Frage haben die Wehrdienst geleistet oder nicht. Sondern die viel dramatische Erfahrung der Generation, die während des Kalten Krieges Verantwortung in der Bundesrepublik hatte, war ein komplett anderer. Ich glaube, dass das eine Antwort darauf sein kann, warum manche Wortmeldungen aus dem politischen Raum uns bisweilen ja vielleicht sogar unbeholfen vorkommt. Also fehlt der Politik ein Grundverständnis für militärische Notwendigkeiten? Und ist das eine Ursache dafür, dass die Streitkräfte nicht das haben, was sie eigentlich bräuchten, um den Auftrag, den wir ihnen gemeinsam gegeben haben, zu erfüllen? Wenn das so ist, dann gilt ja ein zweiter Satz, der ist auch nicht von mir, den möchte ich aber zitieren: „Die militärische Führung darf nicht von sich aus auf notwendige Forderungen verzichten, deren Durchführbarkeit ihr aus politischen Gründen oder zum gegebenen Zeitpunkt zweifelhaft erscheint.“ Also wenn man eine Ahnung davon hat, dass nicht jeder in politischer Verantwortung versteht, wie militärische Prozesse und Notwendigkeiten hergeleitet werden müssen, ist da nicht ein militärischer Ratschlag umso notwendiger? Und wer sollte ihn eigentlich geben, wenn nicht die Bundeswehr selbst? Damit bin ich bei der Bundeswehr. Der Letzte, der das sozusagen als Kind seiner Zeit für alle hörbar und damit auch eine öffentliche Debatte auslösend getan hat, ist der ehemalige Inspekteur des deutschen Heeres Alfons Mais. Der in einem sozialen Netzwerk, in einem Post offen geschrieben hat, das deutsche Herr ist blank. Das hat eine breite Debatte ausgelöst, viel Unwohlsein. Ich weiß auch, dass es in der Bundeswehr darüber Debatten gab, darf der das eigentlich und ist das jetzt klug aller Welt kund zu tun, dass das deutsche Herr nicht so schlagkräftig und furchteinflößend ist, wie es eigentlich sein sollte. Aber er hat zumindest dahingehend seinen Auftrag erfüllt, dass er der Politik sehr deutlich gesagt hat, wie die Lage ist und damit die Politik sich nicht dahinter verstecken kann zu sagen, wir wussten das ja gar nicht, wie der Zustand ist. Die Herausforderung ist und er hat das wie gesagt sehr kurz eigentlich nur mit einem Wort gemacht, dass das lange vor ihm keiner mehr getan hatte in der Führung der Streitkräfte. Das letzte Mal, dass ein Papier eine solche Diskussion ausgelöst hat, zumindest öffentlich wahrnehmbar in dieser Schärfe und Intensität ausgelöst hat, das war die sogenannte Schnez-Studie. Also, wenn wir über Sicherheit im militärischen Kontext reden, dann müssen wir ja die Frage stellen, welche Armee brauchen wir eigentlich? Und dann ist, wenn von Kriegstüchtigkeit die Rede ist und darüber reden wir sehr verhalten, inzwischen der Minister nutzt das Wort ja auch nur noch sehr leise, dann müssen wir über Abschreckung reden. Auch das Wort findet zwar im öffentlichen Diskurs statt, aber was meint das eigentlich? Das meint doch, dass wenn andere von außen auf dieses Deutschland schauen und vor allem auf seine Streitkräfte, man nicht den Eindruck hat, dass das eine Armee ist, in der mit Wattebällchen geworfen wird. Sondern zur Abschreckung gehört, dass man glaubwürdig und auch habituell sichtbar den Eindruck erweckt, dass es keine gute Idee wäre, sich mit denen da anzulegen. Und jetzt kann sich jeder fragen, ob wir in unserer Kommunikation, ich meine noch gar nicht von den Fähigkeiten und von dem, was sozusagen auf dem Hof steht, ob wir von unserer Kommunikation bei möglichen Gegnern diesen Eindruck erwecken. Wenn Sie sich erinnern, welche Debatten die Aussagen des neuen Inspekteur des Heeres bei seinem Besuch der Brigade in Litauen ausgelöst haben, wo er gesagt hat, er will, dass wenn solche Soldaten kämpfen, sie auch siegen, dann haben wir da eine Baustelle. Also der Inspekteur des Heeres hat eine Selbstverständlichkeit ausgesprochen: Ich schick doch keine Soldaten in einen Gefecht, wenn ich nicht will, dass sie gewinnen. Alles andere wäre zynisch und mit meinem Staatsbürger Verständnis auch nicht vereinbar. Ich möchte nicht, dass Menschen einfach nur sterben, um sozusagen den Nachweis erbracht haben, dass sie tapfer sterben können. Das kann in der Demokratie nicht der Anspruch an eigene Streitkräfte sein. Sondern wenn ich Menschen abverlange, ihr Leben einzusetzen, dann mit der Aussicht, dass sie Gewinnen und Frieden und Freiheit verteidigen können erfolgreich. Nichts anderes hat der Inspekteur gesagt. Aber, und das ist interessant an seiner Aussage, er hat sozusagen gleich die kompletten russischen Treu-Fabriken angezündet, hat einen entsprechenden Kommentar in der Taz ausgelöst und man könnte sagen, dass die Taz natürlich in einer freien und offenen Gesellschaft einen Beitrag leistet, auch zu hinterfragen, wie Streitkräfte aussehen. Aber wenn die Bundeswehr anfängt, sich so aufzustellen, dass die Taz glaubt, es wäre eine gute Armee, dann hat sie ihren Kernauftrag nicht verstanden. Sondern wenn die Taz so über die Bundeswehr berichtet, dann hat die Bundeswehr offensichtlich was richtig gemacht. Es gibt in einer freien Gesellschaft genau dieses Spannungsfeld und deswegen hat die eine Position natürlich ihre Berechtigung, die Frage ist nur, welche Ableitungen treffen die Streitkräfte daraus? Und ich bin nicht ganz sicher, ob wir da gerade die richtigen Ableitungen treffen. Und das sage ich jetzt noch als Steuerzahler, wenn man so viel Geld für Streitkräfte ausgibt, dann hätte ich gerne, dass sie sozusagen ihren Zweck erfüllen. Und der Zweck ist mindestens, dass andere sagen, mit denen legen wir uns lieber nicht an. Also, da ist noch ein bisschen was zu tun, deswegen glaube ich, ist es verkürzt, wenn wir immer nur über Stäbe reden und den angeblichen Wasserkopf und dann Bürokratie und SAZVSoldatenarbeitszeitverordnung und Mindset, es ist sozusagen die Summe oder die Menge, die das Gift macht, wenn sie so wollen. Also natürlich auch ein Befund wie ein Sönke Neitzel neulich auch poentiert getroffen hat, dass es schon zu hinterfragen ist, wenn es in einer Armee gefühlt genauso viele Oberstleutenante gibt wie Hauptgefreite, ob das noch eine funktional kluge Struktur ist. Die Frage ist ja legitim. Die Frage ist jetzt nur, was macht der Militärische Ratschlag damit und geht jemand zum Minister und sagt, Herr Minister, wir müssen mal reden. Damit ist man bei der dritten Säule, bei der Gesellschaft oder bei uns und da ist der Befund sehr viel besser als bei der Politik und bei der Bundeswehr. Ich glaube, die Deutschen sind sehr viel weiter als die Bundeswehr und die Politik. Die Deutschen haben sehr wohl verstanden, dass sich unsere Welt dramatisch verändert und dass wir wahrscheinlich nicht einfach so weiter machen können wie bisher. Ob das jetzt an uns ist, daraus immer die richtigen Ableitungen zu treffen und gar die Antworten zu formulieren, das können wir gerne gemeinsam nachher diskutieren. Aber die Zahlen, das ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr mit seiner Studie, Herr Oberst, Sie hatten ja neulich die Gelegenheit, das auch Abgeordneten des Deutschen Bundestages vorzustellen und für Sie alle ist diese Studie ja auch online einsehbar, die sind doch aus meiner Sicht beeindruckend. Ich versuch das im Starkato in Kurzform. Die Wahrnehmung Russlands als Bedrohung hat sich seit 2022 dramatisch verändert. Die übergroße Zahl der Deutschen sieht Russland als Bedrohung für Stabilität und Frieden in Europa. Die Einsicht, dass Sicherheit einen Preis hat, sprich Geld kostet, hat sich dramatisch verändert. Dass es mehr Geld für die Streitkräfte braucht, das verneinen nur noch circa 10 Prozent, ein bisschen mehr. Deutlich über 60 Prozent sagen ja, das ist richtig, dass wir da mehr investieren. Auch die Zustimmung zum Bündnis liegt bei über 70 Prozent. Also die Menschen haben ein Gefühl, dass wir als Deutsche in der Mitte Europas gut daran tun, uns gemeinsam mit anderen darauf zu verständigen, wie wir weiter sicher in Frieden und Freiheit leben können, dass wir das nicht alleine machen können und dass wir auch keine große Schweiz sind. Nur 23 Prozent sind kategorisch gegen einen neuen Wertdienst. Und jetzt ist noch die spannende Frage, wer sind dann diese 23 Prozent eigentlich? Die große Zahl der Deutschen sagt, wir müssen da offensichtlich was tun und vielleicht haben wir alle da eine Verantwortung und nicht nur die, die wir sonst in einer ja arbeitsteiligen Welt explizit dafür bezahlen. Weil die Menschen auch ein Gefühl dafür haben, dass diese Konflikte sich nicht mehr einhegen lassen, dass Krieg entgrenzt stattfindet und hybrid beginnt und lange bevor ein Panzer über eine Grenze rollt, wahrscheinlich schon Infrastruktur attackiert wird übers Netz oder mit Drohnen oder anderen Formen. Dafür haben die Leute ein sehr gesundes Gefühl. Also sagen sie, das muss wer machen. Und im Idealfall ist das gar nicht so schlecht, wenn wir alle an irgendeiner Stelle einen Beitrag leisten. Und natürlich kann das als Wehrdienstleister in den Streitkräften sein. Das kann beim THW sein, das kann beim Roten Kreuz sein. Weil wenn wir Sicherheit umfassender denken müssen, wird es ohne diese ganzen Organisationen ja gar nicht gehen. Wie dann dieser neue Wehrdienst aussieht, das ist eine spannende Debatte. Wenn Sie da in die Zahlen schauen, dazu lade ich Sie wirklich ein, dann erleben Sie, dass es ganz viele unterschiedliche Vorstellungen und Bilder gibt. Genauso interessant finde ich immer den Befund, wie die Menschen auf die Bundeswehr schauen. Es gibt nur eine sozusagen staatliche Institution, die ein höheres Ansehen genießt, dass die Polizei, die Deutschen vertrauen ihren Streitkräften. Das muss man manchmal Angehörigen der Bundeswehr noch mal sagen, weil die sich gerne oft in diesem Bild gefallen, ja eigentlich mag uns keiner und Entschuldigung, dass wir da sind. In Wahrheit ist das Gegenteil der Fall, die Deutschen möchten gerne stolz auf ihre Armee sein. Das mag zugegebenermaßen bei manchen Schlagzeilen und manchen, dem man dann gegenübersteht, erklärungsbedürftig sein. Aber ich kann Ihnen das sagen, bei ganz vielen Veranstaltungen, wo ich bin, möchten die Leute nicht hören, was alles nicht läuft. Das lesen sie in der Zeitung. Sie möchten wissen, warum sie stolz auf ihre Streitkräfte sein können, weil sie es gerne sein möchten. Und das finde ich ist ein ganz großer Vertrauensbeweis. Das würden sich andere mal wünschen, Politiker oder Journalisten, dass Menschen so auf sie schauen und sagen, wir wissen eigentlich nicht, warum wir euch toll finden, aber wir möchten euch gerne toll finden. Weiß ich nicht so genau. Auch geändert hat sich die Einstellung zu internationalen Krisen und Kriegen. Bis 2014, also dem ersten Angriff Russlands auf die Ukraine war die Meinung geteilt. Da haben viele in Deutschland gesagt, naja, also vielleicht doch besser, wir halten uns aus allem raus. Spätestens seit 2022 wissen die Leute, dass das wahrscheinlich keine gute Idee ist. Es ist immer noch ein Drittel der Bevölkerung, der sagt, es wäre eigentlich schön, wir halten uns aus allem raus. Aber zwei Drittel sagen eben auch, aktiv, es geht nicht. Wir müssen, ob wir wollen oder nicht, uns verhalten zu dieser Welt, in der wir leben. Nicht nur, weil wir eine der stärksten Volkswirtschaften auf dieser Erde sind. Und am bemerkenswerten fand ich die Zahl, die man auf die Frage bekommt, wer ist das dann eigentlich, wer kämpft dann eigentlich für Deutschland? Und Sie alle kennen diese Umfragen angeblich, sagen nur 17 Prozent der Deutschen, Sie sind bereit, Frieden und Freiheit mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Na ja, gut, wenn man da alle fragt, dann kann ich auch verstehen, dass jemand, der 74 ist, sagt, also wenn ihr mich noch braucht, dann ist eigentlich wahrscheinlich schon alles zu spät. Wenn man aber das Altersband fragt, was wir sozusagen brauchen würden, um Frieden und Freiheit zu verteidigen, dann kommen wir auf eine Zahl von rund 8 Millionen Deutschen, die sagen, ja natürlich bin ich bereit, Frieden und Freiheit im Zweifel auch mit der Waffe in der Hand zu verteidigen. Und ich glaube, das ist eine ausreichende Zahl. Um die Frage, können wir eine wehrhafte Nation sein, mit Ja zu beantworten. Das ist aus meiner Sicht auch Ausdruck des Befundes, dass die Deutschen sehr wohl wissen, was die Stunde geschlagen hat. Und das macht mich unterm Strich, ehrlich gesagt, ziemlich hoffnungsfroh. Es wäre schlimm, wenn es umgekehrt wäre weil es würde nicht funktionieren, wenn nur eine politische Klasse richtige Entscheidungen trifft. Wenn vielleicht die Führung der Streitkräfte verstanden hat, was die Stunde geschlagen hat. Wenn wir als Bürgerinnen und Bürger sagen, es hat mit uns allen nichts zu tun. Vielleicht müssen wir den Druck auf die Entscheidungsträger noch erhöhen. Vielleicht müssen wir den Politikern noch sagen, traut euch mal. Entscheidet mal. Natürlich werden wir darüber streiten und es wird Menschen geben, die sehen das anders, aber ihr müsst entscheiden. Und vielleicht ist das auch Aufgabe von Offizieren der Generalität zu sagen: jetzt ist Führung gefragt. Ihr müsst sagen, wo es lang geht. Das ist kein Prozess, aus dem man sich herausziehen kann. General Oberst Ludwig Beck hat mal den schönen Satz gesagt: „Es ist ein Mangel an Größe und an Erkenntnis der Aufgabe, wenn ein Soldat in höchster Stellung in solchen Zeiten seine Pflicht und Aufgaben nur in dem begrenzten Rahmen seiner militärischen Aufträge sieht, ohne sich der höchsten Verantwortung vor den gesamten Volke bewusst zu werden.“ Das hat er natürlich im Kontext des 20. Juli gesagt. Vor so einer Aufgabe steht gar kein militärischer Führer. Er muss nicht Angst um Leib und Leben haben, wenn er einen militärischen Ratschlag gibt. Aber und das findet Ausdruck in diesen Worten Becks, der Offizier fühlt sich verantwortlich für das große Ganze über seine militärische Sphäre hinaus, ohne den Anspruch zu haben, in ihr zu entscheiden. Aber und das haben wir in der Bundeswehr als in dem Begriff des Staatsbürgers in Uniform gekleidet, natürlich nicht sozusagen sich auf seine reine Fachlichkeit zurückziehen. Und ich glaube, die Antwort auf die Frage ist nicht, wie sicher ist Deutschland? Sondern was müssen wir tun, damit wir weiter in Frieden und Freiheit leben können? Wir alle müssen aufhören, nur Kästchenkunde zu machen. Es reicht nicht, wenn jeder nur auf seinen kleinen Bereich schaut und sagt, wofür bin ich zuständig. Wir alle haben eine Verantwortung. Also es geht nicht um Zuständigkeiten, es geht um Verantwortung. Und die ist oft weitergefasst. Und das gilt für diejenigen, die gerade für uns politisch entscheiden. Das gilt für alle in der Bundeswehr, aber das gilt natürlich in letzter Konsequenz auch für uns als Bürgerinnen und Bürger. Und ich freue mich auf eine sehr muntere Debatte, was das dann heißt. Was können wir denn eigentlich tun, jeder in seinem Verantwortungsbereich? Und ich bin mir ziemlich sicher, wenn ich so in die Runde schaue, dazu fällt auch Ihnen ganz schön viel ein. Vielen Dank fürs Zuhören.