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Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario

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Herzlich willkommen zu „Angelesen! dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute zum Werk von Carlo Masala. „Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario“. Infolge des Angriffskriegs, den Russland seit Februar 2022 gegen die Ukraine führt, ist die Expertise des Politikwissenschaftlers Carlo Masala, der als Spezialist für Fragen der internationalen Politik an der Universität der Bundeswehr in München lehrt, sehr gefragt. In seiner jüngsten, Anfang 2025 erschienenen Buchpublikation befasst er sich mit der Frage der zukünftigen weltpolitischen Entwicklung, falls Russland den Krieg gegen die Ukraine gewinnen würde. „Gewinnen“, stellt Masala klar, bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, dass die Ukraine gänzlich an Russland fällt und als souveräner Staat von der Landkarte verschwindet, wie es der ursprüngliche, im Februar und März 2022 gescheiterte russische Operationsplan vorgesehen hatte. Tatsächlich hat Russland gewonnen, wenn es mit dem Segen der internationalen Gemeinschaft das bislang eroberte ukrainische Territorium behalten darf. Davon geht Masalas fiktive Erzählung aus. Die USA stellen in diesem erfundenen Szenario 2025 sämtliche direkte und indirekte Unterstützungsleistungen für die Ukraine ein. Die europäischen NATO-Staaten billigen dies nicht, sind jedoch nicht imstande, die wegfallende US-Unterstützung zu ersetzen. Daher unterschreibt die Ukraine unter Vermittlung der USA und Chinas einen Friedensvertrag, der praktisch eine Kapitulation bedeutet. Russland behält die im Rahmen des Angriffskrieges besetzten Gebiete in vollem Umfang. Sicherungsmechanismen gegen mögliche künftige russische Aggression sind nicht Teil dieser Vereinbarung. Wenig später verblüfft Wladimir Putin die Welt durch seinen Rücktritt. Neuer russischer Präsident wird ein fiktiver Nachwuchspolitiker namens Obmantschikow. Er versteht es, sich durch geschickte Öffentlichkeitsarbeit als liberal gesinnt und reformfreudig zu präsentieren. Sein Plädoyer für Entspannung wird in vielen europäischen Ländern begeistert begrüßt, besonders in Deutschland, wo Obmantschikow gern mit Michail Gorbatschow verglichen wird. Dabei gibt Masala durch die Namenswahl einen subtilen Hinweis: Der Name des Putin-Nachfolgers leitet sich vom russischen Wort obmantschik ab, das so viel wie Betrüger bedeutet. Dabei fungiert dieser frei erfundene Obmantschikow nur als Strohmann. Tatsächlich behält Putin die Fäden in der Hand und registriert zufrieden, dass sich die Welt von Obmantschikow täuschen lässt. Warnende Stimmen finden in Europa kaum Gehör: „Zu groß ist die Sehnsucht nach Hoffnung, nach guten Perspektiven“. Die Lage der Ukraine bessert sich in Masalas Werk auch nach Kriegsende nicht. Die Beseitigung der enormen Kriegsschäden kommt mangels Finanzierung kaum voran. Die Wirtschaft liegt darnieder. Viele Ukrainer verlassen das Land. Russische Geheimdienste infiltrieren die politischen und militärischen Schaltstellen in der Ukraine. In Europa bestärken das Kriegsende und die Charmeoffensive Obmantschikows die politischen Kräfte, die die während des russisch-ukrainischen Kriegs beschlossenen sehr kostenintensiven militärischen Aufwuchsziele aufgeben wollen. Während Obmantschikow auf internationaler Bühne Nebelkerzen wirft, Rüstungskontrollverhandlungen und anderes vorschlägt, wird die russische Politik im Sinne Putins fortgeführt. Die russischen Streitkräfte gleichen die im Krieg in der Ukraine erlittenen Verluste zügig aus. Der russische Sicherheitsrat beschließt, bei günstiger Gelegenheit zu testen, inwieweit die NATO willens und in der Lage ist, auf einen Vorstoß russischer Truppen auf NATO-Territorium zu reagieren. Die Gelegenheit ergibt sich in Masalas fiktiver Erzählung Ende März 2028. Europa wird von einer neuen Flüchtlingskrise in Anspruch genommen, die Russland zusammen mit seinen regionalen Verbündeten in Afrika entfacht hat. Die US-Außenpolitik ist auf die massiven Spannungen zwischen China und den Philippinen fokussiert, die zum Krieg zu eskalieren drohen. Am 27. März besetzen in Masalas fiktivem Szenario russische Truppen die nahe der russischen Grenze gelegene, knapp 60 000 Einwohner zählende estnische Stadt Narwa sowie die estnische Insel Hiiuma. Tags darauf taucht ein russisches Atom-U-Boot vor der zwischen Kanada und Grönland gelegenen Hans-Insel auf. Matrosen betreten das winzige, unbewohnte, zwischen Kanada und Dänemark geteilte Eiland und hissen die russische Flagge, bevor sie samt ihrem U-Boot wieder abtauchen. Der russische Botschafter in Washington macht in Masalas Werk im Gespräch mit dem nationalen Sicherheitsberater der USA klar, dass Moskau zwar eskalieren könne, dies aber keineswegs wolle. 90 Prozent der Einwohner Narwas seien Russen. Die Besetzung der Stadt diene ausschließlich dem Schutz der Rechte der russischen Minderheit in Estland, die von der estnischen Regierung ständig mit Füßen getreten würden. In diesem erdachten Szenario kommen die Staats- und Regierungschefs der NATO am 28. März zu einem Sondergipfel in Brüssel zusammen. Einziger Tagesordnungspunkt ist der Antrag der estnischen Regierung, man möge beschließen, die Besetzung Narwas als Anwendungsfall des Artikels 5 des NATO-Vertrags einzustufen. Der US-Präsident, der in Masalas fiktiver Erzählung nicht beim Namen genannt wird, jedoch nach seinem Gebaren als Donald J. Trump erkennbar ist, redet sich in Rage: Warum sollten die USA für Europa bluten, das in der NATO doch immer nur Trittbrettfahrer Washingtons gewesen sei? Das Problem betreffe nur Estland und Russland und sei auf diplomatischem Weg gut lösbar. Deswegen werde er doch keinen Dritten Weltkrieg riskieren. „Wenn ihr Europäer was machen wollt militärisch, dann ist es eure Sache, aber wir werden dem weder zustimmen noch es irgendwie unterstützen“. Der deutsche Bundeskanzler widerspricht. Die weitere Aussprache ergibt, dass eine Reihe von NATO-Staaten, darunter Frankreich, die Position der USA teilt. Estland zieht daraufhin seinen somit aussichtslosen Antrag zurück. Am 29. März verkündet Obmantschikow im Kreml feierlich, dass Weißrussland 2030 der Russländischen Föderation beitreten werde. Das von Professor Masala in seinem Buch erdachte Szenario endet mit einem Telefonat zwischen Obmantschikow und dem chinesischen Präsidenten Xi Jinping, in dem beide erfreut darin übereinstimmen, dass ihre beiden Staaten nun in der Welt tonangebend seien. Wie lässt sich verhindern, dass ein derartiges erfundenes Szenario Realität wird? Ausgehend von dem Befund, dass Russland „auf absehbare Zeit die zentrale sicherheitspolitische Bedrohung in Europa“ bleibt, lassen Masalas Handlungsempfehlungen an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig: Abschreckung und Eindämmung sind im Angesicht der Bedrohung die einzig in Frage kommenden Mittel. Nur wenn Moskau die mit weiteren militärischen Aggressionen verbundenen Risiken als so hoch einschätzt, dass die zu erwartenden Gewinne es nicht lohnen die Risiken einzugehen, wird Europa sicher sein. Nur dann wird Europa seine liberale Lebensart, die nur in einer freiheitlichen demokratischen Gesellschaftsordnung möglich ist, dauerhaft bewahren können. Dazu ist es unerlässlich, den mit Beginn des russisch-ukrainischen Kriegs eingeschlagenen Kurs des Aufwuchses und der Ertüchtigung der Streitkräfte fortzusetzen. Masala hebt die entscheidende Rolle hervor, die dabei den Regierenden zukommt. Sie müssen der Bevölkerung „sehr klar kommunizieren, was auf dem Spiel steht“ und entschlossen für die nötigen Entscheidungen werben, auch wenn diese Entscheidungen unpopuläre finanzielle Umschichtungen im Staatshaushalt mit sich bringen. Sie müssen politische Führung zeigen. Politische Führung kann somit die Anforderungen an gesellschaftliche Resilienz verdeutlichen und gleichzeitig zur Stärkung gesellschaftlicher Resilienz beitragen. Denn gesellschaftliche Resilienz ist unverzichtbar, um die zur Bewahrung der Freiheit nötigen Belastungen zu tragen. Masala führt dazu aus: „Wenn du mehr Angst vor Verwaltungsgerichten und Rechnungshöfen hast als vor den russischen Streitkräften, wirst du…nie eine resiliente Gesellschaft bauen“. 

Das war Angelesen das Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute zum Werk von Carlo Masala. „Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario“.

Text: Christoph Kuhl

Gelesen von: Christoph Jan Longen

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