Digitale Verteidigung. Wie künstliche Intelligenz die Sicherheit und Verteidigung verändert.
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Herzlich willkommen zu Angelesen, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Heute stellen wir Ihnen das 2026 erschienene Buch „Digitale Verteidigung. Wie künstliche Intelligenz die Sicherheit und Verteidigung verändert„ von Gerrit Hohmann vor. Künstliche Intelligenz (KI) ist in heutiger Zeit allgegenwärtig. Kaum ein Bereich des individuellen und gesellschaftlichen Lebens bleibt von ihr unberührt. Daraus resultiert, dass auch die in der internationalen Politik maßgebenden Akteure bestrebt sind, sich die Vorteile Künstlicher Intelligenz auch auf militärischem Gebiet zu Nutze zu machen. Oberstleutnant Gerrit Hohmann bietet mit dem vorliegenden Werk eine Einführung ins Themenfeld Künstliche Intelligenz unter besonderer Berücksichtigung der Chancen, die sie auf dem Gebiet der äußeren und inneren Sicherheit eröffnet. Allgemein versteht man unter KI „computergestützte Systeme, die Aufgaben ausführen, die üblicherweise menschliche Intelligenz erfordern, wie Problemlösen, Sprachverstehen oder Lernen“. Ihr wesentlicher Nutzen liegt in gesteigerter Effizienz. Aufgaben, die bislang viel Zeit und Personal erforderten, bearbeitet die KI schneller und liefert präzisere Ergebnisse. Arbeitsgeschwindigkeit und Lernfähigkeit der KI machen sie für die Abwehr unerwünschter Übergriffe im digitalen Raum unverzichtbar. Längst gehören massenhafte Cyberangriffe zum Alltag. Auch aus diesem Grund wurde in der Bundeswehr mit dem Kommando Cyber- und Informationsraum (CIR) 2017 ein eigener Organisationsbereich geschaffen. Die KI kann Anomalien in Datenmustern erkennen, die für Cyberangriffe charakteristisch sind. 2017 wurden über zwei Millionen nicht autorisierte Zugriffsversuche auf IT-Systeme der Bundeswehr verzeichnet. „Ohne KI wäre es unmöglich, diese Flut an Ereignissen zu bewältigen und echte Angriffe herauszufiltern“. Doch nicht nur im Cyber-Raum, sondern auch auf dem Gefechtsfeld erweist sich die KI bei Aufklärung und Führungsunterstützung als sehr nützlich. Derzeit erprobt die Bundeswehr in Zusammenarbeit mit verschiedenen auf diesem Gebiet qualifizierten Unternehmen ein KI-System, das durch Einsatz vieler vernetzter Sensoren in Echtzeit ein dreidimensionales Lagebild erzeugt und Bewegungen gegnerischer Kräfte automatisch erkennt. Gefechtsfahrzeuge können durch Ausstattung mit KI-Sensoren mögliche Bedrohungen deutlich früher erkennen und dem Gefechtsstand übermitteln. Der nächste logische Schritt wäre, dass die KI auf Basis umfassender Datenauswertung taktische Entscheidungsoptionen entwickelt, bewertet und den militärischen Entscheidern entsprechende Vorschläge macht. Auch daran wird im Rahmen des Forschungsprojekts „GhostPlay“ (Simulation für KI-basierte Entscheidungsverfahren) bereits gearbeitet. So wird KI „Teil des Human-Machine-Teaming im Gefecht, wo der Mensch durch eine „Mitdenkmaschine“ unterstützt wird“. Wichtig ist dem Autor dabei der Hinweis, dass am Grundsatz der Letztentscheidung durch Menschen festgehalten werden muss. Er zitiert aus einer 2025 vom Fraunhofer Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung veröffentlichten Studie, die zu dem Schluss kommt, dass verantwortungsvoller Einsatz von KI gleichzeitig immer deren Kontrollierbarkeit durch Menschen erfordert. Kontrollierbarkeit setzt wiederum voraus, dass KI-Systeme transparent arbeiten. Für fachkundige Menschen muss nachvollziehbar sein, wie und warum die KI zu bestimmten Handlungsempfehlungen gelangt. Abseits des Gefechtsfelds ist die KI vor allem für Logistik und Instandsetzung hilfreich. Manche KI-Systeme berechnen optimale Wartungsintervalle für Großgerät, andere planen Routen für Konvois und sind imstande, diese in Bedrohungslagen dynamisch anzupassen. In seinen Ausführungen blickt Hohmann auch über Deutschlands Grenzen hinaus und verweist darauf, dass Streitkräfte anderer Länder hinsichtlich Künstlicher Intelligenz schon weiter und erfahrener sind. Die US Air Force z. B. treibt mit großem Aufwand die Entwicklung in Richtung autonomer Luftkampf voran. 2023 fand erstmals eine Luftkampfsimulation zwischen einem „herkömmlichen“ Kampfjet und einem KI-gesteuerten Jet statt. Ziel ist es, dass bemannte Jets künftig gemeinsam mit KI-gestützten Luftfahrzeugen agieren. Auch in kleineren NATO-Staaten, deren Streitkräften deutlich weniger Haushaltsmittel für KI-Forschung zur Verfügung stehen als denen der USA, gibt es bemerkenswerte Innovationen. Ein in Estland entwickeltes System, das dort im Grenzschutz eingesetzt wird, ermöglicht den automatisierten Start von Drohnen zu Patrouillenflügen. Diese können mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz Personen und Objekte erkennen. Ein weiteres Forschungsfeld widmet sich Drohnenschwärmen. Von ihnen erhofft man sich, dass sie in Zukunft „Aufklärung, Störung und sogar Angriff in einem übernehmen“. Die NATO hat ihre Bemühungen zur weiteren Erforschung von KI im Programm DIANA gebündelt. Diese Abkürzung steht für „Defence Innovation Accelerator for the North Atlantic“. Da sich kriegerische Auseinandersetzungen in heutiger Zeit nicht ausschließlich auf Gefechtsfeldern abspielen müssen, widmet Hohmann sich auch der Rolle, die der KI in der hybriden Kriegsführung zukommt. Unter hybrider Kriegsführung versteht man „das orchestrierte Zusammenspiel verschiedener konventioneller und unkonventioneller Mittel“ unterhalb der Schwelle einer völkerrechtlich formellen Kriegserklärung mit dem Ziel, die Gesellschaft in einem gegnerischen Staat zu destabilisieren. Angriffe im digitalen Raum sind fester Bestandteil hybrider Kriegsführung. KI hat in diesem Zusammenhang eine Wirkung, die mit der von Brandbeschleunigern vergleichbar ist. Das gilt sowohl im Hinblick auf automatisiert ausgeführte massenhafte Cyberangriffe als auch für Desinformationskampagnen. In letzteren erleichtert KI einem Angreifer die Massenproduktion von Fake News (gefälschten Nachrichten) und erweitert zudem die Manipulationsmöglichkeiten, weil sie unwahre Tatsachenbehauptungen täuschend echt wirken lassen kann, sogenannte „deep fakes“. Wie kann der Angegriffene solche Bedrohungen abwehren? Entscheidend sind qualifizierte Fachleute – Hohmann nennt sie „Info-War-Experten“ –, über die in der Bundeswehr schwerpunktmäßig das Kommando CIR verfügt. Sie steuern digitale Tools, die KI-gestützt den Angriffen entgegenwirken. Große Bedeutung hat auch die enge Zusammenarbeit mit den Unternehmen, die die einschlägigen Online-Plattformen betreiben, damit die vom Angreifer auf diesen Plattformen platzierten Elemente zügig gesperrt bzw. gelöscht werden. Darüber hinaus sind mittlerweile Cyberkomponenten integraler Bestandteil jeder Einsatzplanung. Die Abwehr realitätsnaher Angriffsszenarien wird in Übungen wie „Locked Shields“ regelmäßig beübt. Als „Kriegstestfeld für Technologien der Zukunft“ betrachtet Hohmanns Darstellung schließlich auch den Ukrainekrieg. Die Dimension der digitalen Verteidigung war in diesem Krieg vom ersten Tag an von enormer Bedeutung. Der überfallenen Ukraine wurde hier die Unterstützung durch US-Unternehmen zuteil. Nachdem russische Angriffe die Kommunikationsmittel der ukrainischen Streitkräfte unbrauchbar gemacht hatten, stellte die Firma SpaceX das Satellitennetzwerk Starlink zur Verfügung, das wegen seiner dezentralen Struktur vom Aggressor nicht wirksam bekämpft werden kann. Auch das Software-Unternehmen Palantir schlug sich auf die Seite Kiews und ermöglichte durch massenhafte Datenerfassung und ‑auswertung die Erstellung digitaler Lagekarten, was zu deutlichen Verbesserungen hinsichtlich Aufklärung und Zielerfassung führte. Mit dem Gefechtsführungssystem DELTA hat die Ukraine zwischenzeitlich auch eigene KI-Fähigkeiten auf diesem Gebiet entwickelt. Drohnen nahmen im Lauf des Krieges erheblich an Bedeutung zu. Panzer, die man in der Anfangsphase noch in großer Zahl sah, sind vom Gefechtsfeld nahezu verschwunden. Die Stahlkolosse hätten sich als allzu anfällig für die Attacken von Drohnenschwärmen erwiesen. Waren die Drohnen zunächst noch von Menschen gesteuert, kommt nun auch hier verstärkt KI zum Einsatz. Bei neueren Drohnenmodellen markiert der Bediener nur noch das Ziel, alles Weitere übernimmt die Künstliche Intelligenz. Die Trefferquoten der neueren Modelle sind nach ukrainischen Angaben deutlich höher als die der älteren. Welche Lehren kann die Bundeswehr aus diesen Erkenntnissen und dem Ukrainekrieg ziehen? Hohmann fordert mehr Flexibilität im Beschaffungssystem und engstmögliche Kooperation mit Start-Ups der Verteidigungswirtschaft, um im Verteidigungs-Fall Innovationen schnell in die Truppe einführen zu können. Zudem empfiehlt er, Drohnen gegenüber klassischem Großgerät aufzuwerten, denn „Masse und Schwarmfähigkeit können Klasse schlagen“. Ebenso wünschenswert wären der weitere Ausbau der Fähigkeiten zur Erzeugung digitaler Echtzeit-Lagebilder und zur Abwehr von Cyberangriffen, so der Autor. Verbessert werden sollte auch der Schutz der kritischen Infrastruktur. Die Erstellung und Einübung von Notfallplänen für den Fall, dass kritische Infrastruktur lahmgelegt werden sollte, sind aus der Sicht des Autors ebenfalls unerlässlich. Nicht zuletzt rät Hohmann zum Ausbau der zivil-militärischen Zusammenarbeit, deren hoher Stellenwert sich in der Ukraine gezeigt hat. Dort blieb Landesverteidigung nicht allein Sache der Soldatinnen und Soldaten. Vielmehr reihten sich zahlreiche Privatleute freiwillig ein und brachten ihre Fähigkeiten als IT-Fachleute oder Drohnenbauer ein. Abschließend plädiert Hohmann dringend für eine nationale Strategie zur militärischen KI und für eine deutliche Steigerung der für Digitalisierung und KI aufgewandten Haushaltsmittel in den Bereichen Verteidigung, Wirtschaft und Bildung: „Wer jetzt nicht in KI, Drohnen, Cloud und digitale Souveränität investiert, riskiert nicht nur seine sicherheitspolitische Rolle, sondern auch den Verlust demokratischer Kontrolle über die Technologie der Zukunft“.
Das war Angelesen, das Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Heute stellten wir Ihnen das 2026 erschienene Buch „Digitale Verteidigung. Wie künstliche Intelligenz die Sicherheit und Verteidigung verändert “ von Gerrit Hohmann vor.
Text: Christoph Kuhl
Gelesen von: Christoph Jan Longen