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Angelesen - Audio-Buchjournal

Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende

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Herzlich willkommen zu Angelesen dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute zum Werk von Sönke Neitzel „Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende.“ Es erschien im Jahr 2025 im Verlag C.H. Beck. Der Militärhistoriker Sönke Neitzel hat seit 2015 den Lehrstuhl für Militärgeschichte und Kulturgeschichte der Gewalt an der Universität Potsdam inne. Seit dem Überfall Russlands auf die Ukraine 2022 hat er durch zahlreiche Auftritte in Hörfunk und Fernsehen eine Bekanntheit erreicht, die weit über militärhistorische Fachkreise hinausgeht. 2020 erschien seine umfangreiche Monographie „Deutsche Krieger“, die die wechselvolle Geschichte der deutschen Streitkräfte von Gründung des Kaiserreichs 1871 bis in die Gegenwart darstellt. Die nun vorliegende Monographie von Neitzel nimmt ausschließlich die Geschichte der Bundeswehr in den Blick und behandelt dabei auch die tiefgreifenden Veränderungen, die sich für die Bundeswehr aus den Konsequenzen des russischen Überfalls auf die Ukraine ergeben. Beim Aufbau der „neuen Wehrmacht“, wie die Bundeswehr in der Publizistik der 1950er Jahre anfangs noch vielfach genannt wurde, griff man im Gegensatz zur DDRDeutsche Demokratische Republik in relativ großem Umfang auf Männer zurück, die schon im so genannten Dritten Reich Soldaten gewesen waren. Insgesamt dienten 40 000 vormalige Angehörige der Wehrmacht und 566 vormalige Angehörige der Waffen-SSSchutzstaffel in der Bundeswehr. Nur durch Männer mit entsprechender Vorerfahrung, so die Annahme, ließe sich eine hinreichend professionelle militärische Ausbildung der Wehrpflichtigen in der Bundeswehr gewährleisten. Die Altgedienten traten allerdings ab 1955 in Streitkräfte ein, die institutionell mit Hitlers Wehrmacht nichts gemein hatten. Für Bundeskanzler Konrad Adenauer waren die neuen Streitkräfte vor allem ein außenpolitisch nützliches Mittel, um der jungen Bundesrepublik im Verhältnis zu ihren westlichen Partnern mehr politisches Gewicht auf der internationalen Bühne zu verleihen. Innerhalb des Wehrressorts legte er größten Wert auf die strikte Durchsetzung des Primats der demokratisch legitimierten politischen Führung. Dem diente die Errichtung einer nicht mit militärischem Personal bestückten Verwaltung der Bundeswehr. Adenauer installierte in den Führungsetagen des BMVgBundesministerium der Verteidigung Beamte seines Vertrauens, etwa den langjährigen Hauptabteilungsleiter Ernst Wirmer, der bis heute für den Ausspruch bekannt ist, die leitenden Beamten im BMVgBundesministerium der Verteidigung hätten sicherzustellen, „dass die Generäle nicht über die Hecken fressen“. Die militärische Führungsspitze hatte sich, so Neitzel, „schweigend und kritiklosin den von der Politik vorgegebenen Rahmen zu fügen“ und tat dies auch. Neben dem fest verankerten Primat der demokratischen politischen Führung war die in der deutschen Militärgeschichte völlig neue Führungsphilosophie der Inneren Führung der entscheidende Unterschied zu früheren deutschen Streitkräften und zur in der DDRDeutsche Demokratische Republik aufgestellten Nationalen Volksarmee. Es dauerte einige Zeit, bis die neue Führungsphilosophie auf allen Ebenen verinnerlicht war. Das hing einerseits mit dem Beharrungswiderstand einer Reihe von Soldaten zusammen, die die irrige Befürchtung hatten, die Innere Führung schwäche die militärische Disziplin und damit die Verteidigungsfähigkeit. Andererseits genoss vor allem der möglichst zügige Aufbau der Bundeswehr Vorrang. Bei Eintritt der Bundesrepublik in die NATONorth Atlantic Treaty Organization hatte Adenauer dem Bündnis die Aufstellung von 500 000 Mann binnen drei Jahren zugesagt – ein Zeitplan, der sich als illusorisch erwies. Es gab zu wenig qualifiziertes Personal für die Ausbildung der seit 1957 eingezogenen Wehrpflichtigen. Auch ließ die für den Dienstbetrieb einer umfangreichen Wehrpflichtarmee nötige Infrastruktur sich nicht so schnell aus dem Boden stampfen wie zunächst beabsichtigt. 1965, zehn Jahre nach dem NATONorth Atlantic Treaty Organization-Beitritt, wurde die letzte der zugesagten zwölf Heeresdivisionen der NATONorth Atlantic Treaty Organization zugewiesen. Der aktive Personalumfang der Bundeswehr lag mit 440 000 zu diesem Zeitpunkt jedoch immer noch unterhalb des in Aussicht gestellten Streitkräfteumfangs. Die versprochene halbe Million Mann wurde erst 1972 erreicht. In Sachen Strategie blieb die militärische Führung infolge der personellen Kontinuitäten dem aus den ersten Jahren des Zweiten Weltkriegs überkommenen „Dogma der Beweglichkeit“ verpflichtet, d.h. im Verteidigungsfall sollte alles darangesetzt werden, schnellstmöglich zum massiven, im Wesentlichen von der Panzerwaffe vorgetragenen Gegenangriff überzugehen. Entsprechend verfügte die Bundeswehr 1969 über 3700 Kampf- und 4550 Schützenpanzer, aber nur über etwa 1000 Geschütze. 1972 endet in Neitzels Periodisierung die Phase der Gründerjahre der Bundeswehr. Die folgende Phase reicht von 1972 bis zur Wiedervereinigung 1990 und stand im Zeichen der Konsolidierung. Es wurde viel für die Steigerung der Attraktivität des Dienstes für Längerdienende getan. Die Gründung der beiden Universitäten der Bundeswehr und damit die Einführung des Studiums im Rahmen der Offiziersausbildung diente ebenso diesem Zweck wie die Einführung des Berufsförderungsdienstes für ausscheidende Zeitsoldaten. Der Verteidigungsfall wurde im Verbund mit den in der Bundesrepublik stationierten Truppenteilen der NATONorth Atlantic Treaty Organization-Partner regelmäßig und umfangreich geübt. Das Ergebnis konnte sich sehen lassen. In der der NATONorth Atlantic Treaty Organization erzielte die Bundeswehr Bestnoten. Auch die Militäraufklärung der DDRDeutsche Demokratische Republik stufte die Bundeswehr als ernstzunehmenden potentiellen Gegner ein. Diese Wehrhaftigkeit hatte ihren Preis. Der Anteil der Verteidigungskosten am Bruttoinlandsprodukt hatte mit 4,9 Prozent im Jahr 1963 seinen höchsten Punkt erreicht, lag allerdings 1988 bei einem Bruttoinlandsprodukt, das fünfmal so hoch wie das von 1963 war, immer noch bei 2,64 Prozent. Aus heutiger Sicht sei ergänzt, dass diese nicht unerheblichen Mittel sich im regulären Bundeshaushalt aufbringen ließen. Probleme gab es dennoch. Je länger die Friedenszeit dauerte, als desto unwahrscheinlicher galt der Eintritt eines Verteidigungsfalls. Mancher Kamerad machte es sich im Friedensdienst bequem. Die Bürokratisierung nahm stark zu. Eine Besonderheit der Bundeswehr war das nicht, wie Neitzel betont. Viele Armeen hatten in langen Friedenszeiten „die Tendenz, sich vor allem mit sich selbst zu befassen“. Seit den späten 1960er Jahren war die Zahl der Wehrdienstverweigerer stark gestiegen. Seit den 1980er Jahren kam erschwerend hinzu, dass die zur Einziehung anstehenden Jahrgänge geburtenschwächer waren als zuvor. Bei dieser demographischen Entwicklung zeichnete sich ab, dass man den Friedensstand von rund 500 000 Mann nicht auf Dauer würde halten können. Ab 1989 sah die militärische Planung eine schrittweise Absenkung auf 425 000 Mann vor. Unvorhergesehene weltgeschichtliche Entwicklungen machten diese Planung obsolet. Mit dem Ende der deutschen Teilung und der Blockkonfrontation begann 1990 die mit dem Stichwort „Out of Area“ überschriebene Phase, die in Neitzels Periodisierung bis 2023 reicht. Die Siegermächte des Zweiten Weltkriegs knüpften ihre Zustimmung zur Deutschen Einheit u. a. an die Bedingung, dass die gesamtdeutschen Streitkräfte maximal 370 000 Mann umfassen durften. Manchen Stimmen in der deutschen Politik und Publizistik schien auch das noch zu viel. Wozu überhaupt noch eine Bundeswehr, da man doch jetzt, wie gängige Phrasen der frühen 1990er Jahre lauteten, „von Freunden umzingelt“ sei und es gelte, die „Friedensdividende“ einzustreichen. In der Tat gingen die Ausgaben für die Streitkräfte deutlich zurück. Der Anteil des Verteidigungsetats am Bundeshaushalt hatte bis 1990 bei rund 20 Prozent gelegen. 2014 lag er noch bei 11 Prozent und sank bis 2021 auf 8 Prozent. Landes- und Bündnisverteidigung blieb offiziell Teil des Aufgabenspektrums. Tatsächlich bildete nun jedoch die Beteiligung am internationalen Krisen- und Konfliktmanagement den Aufgabenschwerpunkt der Bundeswehr. 1994 waren durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts rechtliche Unklarheiten bezüglich der Zulässigkeit von Einsätzen außerhalb des NATONorth Atlantic Treaty Organization-Gebiets beseitigt worden. Neitzel schildert die großen Einsätze, beginnend mit der Beteiligung an der UNUnited Nations-Mission in Somalia 1993/94 über das Engagement zur Beendigung der jugoslawischen Staatszerfall-Kriege bis hin zu den Einsätzen in Afghanistan und Mali, die 2021 bzw. 2023 endeten. Dabei spart der Autor nicht mit Kritik an der politischen Führung. Alle Bundesregierungen der Zeit von 1990 bis 2023 nutzten die Auslandseinsätze der Bundeswehr gern, um die Bereitschaft Deutschlands zur Übernahme von Verantwortung in der Welt zu demonstrieren. Gleichzeitig war man bemüht, die Einsätze gegenüber dem bundesdeutschen Publikum eher als Entwicklungshilfe und ihren militärischen Charakter allenfalls als Nebenaspekt darzustellen. Neitzel erinnert: „Das Brunnenbohren wurde fortan zum geflügelten Wort“. Beim 20 Jahre währenden Einsatz in Afghanistan, bei dem allein 35 Soldaten im Kampf gegen die aufständischen Taliban fielen und 24 weitere Soldaten starben, führte die Entwicklung vor Ort diese politische Taktik in Berlin zunehmend ad absurdum. Das Einsatzziel, ein sicheres Umfeld zu schaffen, in dem die afghanische Regierung ungestört ihre Aufgaben wahrnehmen konnte, war objektiv in weiter Ferne. Auch mit bis zu 133 000 Soldaten – die meisten von ihnen Amerikaner – ließen sich die erstarkenden Taliban nicht niederkämpfen. Neitzels treffendes Fazit lautet dazu: „Die Bundeswehr war von Gerhard Schröder und Angela Merkel in eine „mission impossible“ geschickt worden“. Das Ende dieses Einsatzes war der überstürzt wirkende Abzug der letzten westlichen Truppen aus Kabul im September 2021. Es wurde gemutmaßt, dass sich Wladimir Putin angesichts der Fernsehbilder dieses Abzugs, die den Eindruck eines schwachen, militärisch unfähigen Westens vermittelten, endgültig zur Vollinvasion in der Ukraine entschlossen habe. Schon seit 2014 hielt er in deren östlichen Gebieten durch Unterstützung prorussischer Milizen einen Kleinkrieg am Köcheln. Seit der völkerrechtswidrigen russischen Annexion der ukrainischen Halbinsel Krim 2014 erhielt die Landes- und Bündnisverteidigung in Deutschland wieder mehr Aufmerksamkeit, nachdem sie mehr als 20 Jahre im Schatten des internationalen Krisen- und Konfliktmanagements gestanden hatte. Die konsequente Konzentration der überschaubaren verfügbaren Ressourcen auf die Auslandseinsätze hatte weitreichende Folgen für die Landes- und Bündnisverteidigung. Die Umfänge aus früheren Jahrzehnten waren erheblich geschrumpft. Statt wie 1969 über 3700 Kampfpanzer verfügte das Heer 2016 noch über 132, statt über 4550 Schützenpanzer noch über 222, statt über rund 1000 Geschütze noch über 41. Die entsprechenden Zahlen der anderen Teilstreitkräfte boten ein ähnliches Bild. Seit 2016 stieg der Wehretat wieder an, jedoch nicht im erforderlichen Maß. Seinerzeit regierte eine Koalition aus CDUChristlich Demokratische Union/CSUChristlich-Soziale Union und SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands. Die Absicht der Unionsparteien, die Bundeswehr zu ertüchtigen, scheiterte an der SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands, die das mitunter für unnötig hielt. So lehnten die Sozialdemokraten hartnäckig die Beschaffung bewaffneter Drohnen ab. Als einen „Akt der Realitätsverweigerung“ bezeichnet Neitzel diese Entscheidung. Ein hartes, doch berechtigtes Urteil, war doch in Fachkreisen damals schon klar, was sich mittlerweile auf den Gefechtsfeldern in der Ukraine bestätigt hat: Die Drohne ist d a s Waffensystem der Zukunft. Die russische Vollinvasion in der Ukraine am 24. Februar 2022 brachte in dieser Frage eine Wende. In seiner als Zeitenwende-Rede bekannt gewordenen Rede im Bundestag am 27. Februar 2022 kündigte Bundeskanzler Olaf Scholz neben einem Sondervermögen von 100 Mrd. Euro zur Ertüchtigung der Bundeswehr u. a. auch die Beschaffung bewaffneter Drohnen an. Nicht ohne Grund versieht Neitzel jedoch die Kapitelüberschrift „Zeitenwende“ sowohl mit einem Ausrufe- als auch mit einem Fragezeichen. Auch nachdem der russische Präsident den Krieg in Europa entfesselt hat, gibt es (nicht nur) in der SPDSozialdemokratische Partei Deutschlands viele, die diesen Krieg für eine zwar bedauerliche, doch vorübergehende Episode halten und nach möglichst rascher Wiederherstellung der deutsch-russischen Beziehungen streben, die vor dem Krieg auf dem Gebiet der Energiewirtschaft bestanden. Planungen des BMVgBundesministerium der Verteidigung zum Personalaufwuchs der Bundeswehr hätte Scholz 2024 mit Rücksicht auf diese Strömung in seiner Partei gestoppt. Damit, so Neitzel, entzog Scholz der Bundeswehr „auf absehbare Zeit die Personalgrundlage, um ihren Verteidigungsauftrag zu erfüllen“. Das vorliegende Werk erschien im März 2025. Für die Bewertung aktueller Entwicklungen der deutschen Sicherheitspolitik bietet das Buch eine komprimierte Rückschau aus der Feder eines kritischen Wegbegleiters der Geschichte der Bundeswehr. Das war Angelesen das Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr, heute stellten wir das Buch von Sönke Neitzel „Die Bundeswehr. Von der Wiederbewaffnung bis zur Zeitenwende.“ Vor. Es erschien im Jahr 2025 im Verlag C.H. Beck.

von Christoph Kuhl
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