Neue Forschungen zur Reichswehr

Ein vernachlässigtes Thema

Ein vernachlässigtes Thema

  • Reichswehr
  • Weimarer Republik
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4 MIN

 Unter dem Titel „Die Streitkräfte der Weimarer Republik. Neue Forschungen zur Reichswehr“ leitete ein Workshop des Forschungsbereichs „Militärgeschichte bis 1945“ im ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr einen neuen Forschungsschwerpunkt ein.

Die Reichswehr gehört weiterhin zu den großen Unbekannten der deutschen Militärgeschichte. Die jahrzehntelange Beschäftigung vieler Historikerinnen und Historiker wie auch des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr mit den beiden Weltkriegen hat eine inzwischen störende Leerstelle in der Geschichtsschreibung zum deutschen Militär entstehen lassen. Der erste Reichswehr-Workshop des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr diente deswegen dazu, zunächst einmal den Stand der Forschung zu überprüfen, mögliche Forschungslücken zu identifizieren und neue Pfade der Forschung aufzuzeigen. Nach zwei Jahren Corona-Pause konnten außerdem persönliche Kontakte zu Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern in diesem Forschungsfeld geknüpft oder intensiviert werden.

Die Veranstaltung bildet den Auftakt zu einem auf sechs Jahre angelegten Forschungsprojekt. Inhaltlich deckten die Workshopbeiträge ein breites Spektrum von Fragen zur Organisation, zur Einbindung in Politik und Gesellschaft, zu Doktrinen und Strategien und zu Vorstellungen von Geschlecht ab.

Bundesarchiv_Bild_146-2005-0163,_Thüringen,_Reichswehrmanöver,_Hans_v._Seeckt

Originalunterschrift unter diesem offiziellen Bild: Der Schöpfer und Organisation der Reichswehr [General Hans von Seeckt] mit seinen Infanterieschülern (Dresden) im ersten Reichswehrmanöver 1925 in Thüringen, bei Erfurt als Chef der Heeresleitung.

Bundesarchiv

Forschungsfelder und -fragen

Als erste Beobachtungen lassen sich folgende Punkte festhalten:

Erstens fällt auf, dass gerade die Geschichtsschreibung zur Reichswehr auffällig stark durch historische Schlagworte gerahmt ist: »Schwarze Reichswehr«, »Staat im Staat«, »Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr«, »Republik ohne Republikaner« oder »Bonn ist nicht Weimar« zählen bereits seit vielen Jahren dazu. Dies ist insofern kurios, da schon der Chef der Heeresleitung von 1920-1926, Generaloberst Hans von Seeckt, selbst gegen Schlagworte angeschrieben hatte. Neue Forschungen müssen und sollten  diese kritisch hinterfragen und hinter sich lassen, wenn sie keinen wissenschaftlichen Mehrwert bieten.

Zweitens wird die Reichswehr bis heute fast ausnahmslos aus einer verengten, rein deutschen Perspektive und dabei oft als bloßes Produkt des Versailler Vertrages, fürderhin also als militärgeschichtlicher Sonderfall betrachtet. Ein Vergleich mit Streitkräften anderer Staaten in dieser Zeit fehlt in der Regel. Die Reichswehr ist daher stärker in das europäische Militärwesen ihrer Zeit einzuordnen und zu fragen: Inwiefern ähnelten bzw. unterschieden sich diese Streitkräfte etwa hinsichtlich ihrer Militärverfassung, ihrer Organisation, etwaiger paramilitärischer Strukturen, dem operativen Denken, der Militärtechnik, aber auch ihren Vorstellungen von (soldatischer) Männlichkeit? Existierten im Bereich des Militärischen gar internationale Verbindungen, vielleicht sogar transnationale Verflechtungen?

Drittens ist ein starkes Ungleichgewicht innerhalb des Untersuchungszeitraumes feststellbar: So lagen bisherige Forschungsschwerpunkte entweder auf der Frühphase der Reichswehrgeschichte bis 1923 oder auf ihrer Endphase ab 1930. Für die Frühphase standen der Einsatz im Inneren und das Paramilitär im Vordergrund, für die Spätphase die Rolle der militärischen Eliten bei der Zerstörung der Republik. Die mittlere Phase, die in der allgemeinen Geschichte der Weimarer Republik als Phase der Stabilität oder gar als die „goldenen Zwanziger“ galten, ist für die Reichswehr dagegen weniger intensiv behandelt worden. Dieses Ungleichgewicht hängt mutmaßlich mit der Bedeutung zusammen, welche diese beiden Zeitabschnitte für die jeweiligen Debatten um das Kaiserreich und den Nationalsozialismus hatten, weniger aber mit den Debatten um die Reichswehr selbst.

Viertens wird zu fragen sei, ob die Reichswehr so einfach als Nachfolgerin der Streitkräfte des Wilhelminischen Kaiserreichs zu verstehen ist. Denn tatsächlich hatte sich die deutsche Armee im Verlauf des Ersten Weltkrieges extrem verändert. Sie hatte über vier Jahre militärisch, sozial und politisch neue Erfahrungsräume betreten und damit Erfahrungshorizonte gewonnen. Es ist also diese Weltkriegsarmee, aus der dann ab 1919 die (vorläufige) Reichswehr aufgebaut wurde.

Erste Ergebnisse

Der Workshop bot zu zahlreichen Einzelthemen mehr Fragen als Antworten an. Bis heute ist die Geschichte der Reichswehr weitgehend die ihres Offizierkorps. Aus militär-, alltags- und sozialgeschichtlicher Perspektive ist diese Engführung jedoch problematisch. Mannschaftssoldaten und Unteroffiziere der Reichswehr sind bis heute fast unbekannte Wesen. Das gleiche gilt für die Untersuchung der Reichswehr als Arbeitgeber (Berufsarmee), womit arbeits- und sozialhistorische Perspektiven berührt werden. Was und wie aber war nun das Berufsverständnis von Mannschaften, Unteroffizieren und Offizieren in der Reichswehr? Gab es einen speziellen Habitus des Reichswehrsoldaten? Welchen Einfluss hatten militärische Tradition einerseits und die in Ansätzen betriebene politische Bildung in der Demokratie andererseits? Präsentierte sich die Reichswehr als attraktiver Arbeitgeber? Welche Rolle spielten Fürsorge-Maßnahmen und Frühformen der Partizipation über Vertrauensleute und Heeres- bzw. Marinekammer dabei? Auch hinsichtlich der Militärtechnik liegen zwar einzelne Erkenntnisse vor, doch eröffnet sich hier das weite Feld einer modernen Technikgeschichte. Stichworte sind hier Motorisierung und Mechanisierung, militärische Luftfahrt, Nachrichtentechnik und Raketentechnologie.

Im weiteren Verlauf des Projekts sollen spezifische Themenfelder zielgerichtet erforscht und beschrieben sowie das wissenschaftliche Netzwerk auch international ausgebaut werden.

Den Flyer zum Workshop mit den Angaben zur Themen udn Referenten udn referentinnen finden Sie zum Download hier.




von Markus Pöhlmann / Dennis Werberg