Aufgeblättert – Bücherschatz

Johann Sporschil: Geschichte der Kreuzzüge, 1843

Johann Sporschil: Geschichte der Kreuzzüge, 1843

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Die Vorgeschichte der immer wieder neu aufflammenden Konflikte im Nahen Osten ist lang. Oft werden die Kreuzzüge ab dem 11. Jahrhundert dazu gezählt. Waren die Kreuzzüge wirkliche Religionskriege? Was motivierte die Kreuzritter, in den Krieg zu ziehen? Welche Kriegsziele hatten die christlichen Eroberer und wurden sie erreicht?

Illustration auf der Titelseite im aufgeschlagenen Buch: 3 Kreuzritter im Vordergrund, Stadtabbildung im Hintergrund

Titelblatt des Buches Geschichte der Kreuzzüge mit Darstellung von Jerusalem

Bundeswehr/Gabriele Bosch

Historische Einordnung

Der Schriftsteller Johann Chysostomus Sporschil wurde 1800 im mährischen Brünn geboren. Nach Abschluss seines Jurastudiums in Wien wandte er sich beruflich dem Journalismus und der Geschichtsschreibung zu. 1827 zog Sporschil nach Leipzig, 1832 weiter nach Braunschweig. Über die Jahre entwickelte er sich zum Vielschreiber vor allem zu historischen Themen. Er veröffentlichte sowohl Zeitungsartikel als auch ganze Bücher. In einem Nachschlagewerk aus dem Jahr 1893 (Allgemeine Deutsche Biographie) wird Sporschils konservativer Schreibstil als populär und nicht wissenschaftlich bezeichnet. Insbesondere bei der Lektüre des Buchs „Geschichte der Kreuzzüge“ wird das deutlich. Die zwölf ausdrucksstarken Stahlstiche von Johann Jacob Kirchhof (1796-1848) unterstreichen die dramatischen Schilderungen Sporschils. Kirchhoff besuchte in Berlin die Domschule der französisch reformierten Gemeinde. An der Akademie der Künste in Berlin wurde er zum Maler und Kupferstecher ausgebildet. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, arbeitete er überwiegend als Geschichtsmaler und erhielt Aufträge von Verlagen und Buchhandlungen zur Illustration von Büchern.

Aus dem Inhalt

Buchseite zeigt Abbildung einer Karte vom Mittelmeerraum

Landkarte zur Geschichte der Kreuzzüge, Mittelmeerraum

Bundeswehr/Gabriele Bosch

Sporschil schreibt sehr gefühlsbeladen und reißerisch. Die sieben Kreuzzüge von 1095 bis 1270 schildert der Verfasser als großartige und völlig berechtigte Kriegszüge, um das christliche Abendland wieder bis ins Heilige Land nach Jerusalem auszudehnen. Der Autor lebte als Katholik sowohl in Leipzig als auch in Braunschweig in einer jeweils mehrheitlich protestantischen Umwelt. Vom Liberalismus in Leipzig zurückgestoßen, zog sich Sporschil 1858 wieder zurück nach Wien, wo er 1863 starb. Vor dieser Folie liest sich seine Geschichte der Kreuzzüge als ein glühender Aufruf, Ungläubige zu bekämpfen, sie zu vernichten und verlorenes Terrain zurückzuerobern.

Illustration in aufgeschlagenem historischem Buch zeigt Kirchenangehörige und Ritter kniend vor dem Papst

Papst Urban ruft zum ersten Kreuzzug auf

Bundeswehr/Gabriele Bosch
Geschichte der Kreuzzüge, S. 18.
„Von seinem erhabenen Throne, über die Häupter der Menschen wegsehend, erhob der Papst die Stimme und von seinen Lippen floß der Strom heiliger Beredsamkeit.“

Wissenschaftliche Untersuchung

Ebenfalls im Bestand der Bibliothek des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr befindet sich das Buch von Friedrich Wilken (1777-1840) mit dem Titel: Geschichte der Kreuzzüge nach morgenländischen und abendländischen Berichten, 1832 in Leipzig erschienen. Dieses Buch ist ein Beispiel dafür, dass bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wissenschaftlich zur Geschichte der Kreuzzüge gearbeitet wurde. Friedrich Wilken war Professor für Geschichte und Orientalistik an der Friedrich-Wilhelm-Universität zu Berlin. Wilken war der erste Autor, der in der Geschichtsschreibung der Kreuzzüge auf Urkunden und Berichte in arabischer Sprache zurückgriff, sie übersetzte und interpretierte. Bis heute gilt sein Werk zu den Kreuzzügen als brauchbare Forschungsarbeit. Sein Schreibstil ist nüchtern und abwägend. Wilken lässt Raum für verschiedene Perspektiven und scheut sich nicht, Verbrechen der Kreuzritter und die grausame Verfolgung der jüdischen Bevölkerung zu benennen (S. 782-783). Misserfolge und das Scheitern der Kreuzzüge werden ohne Umschweife benannt.

Kampf ums Heilige Land

 

Illustration in aufgeschlagenem historischen Buch zeigt Kreuzritter, die die Stadt Jerusalem einnehmen

Erstürmung von Jerusalem

Bundeswehr/Gabriele Bosch

Auch Sporschil stellt die erste Eroberung Jerusalems durch Heerführer Gottfried von Bouillon (1060-1100) mit seinen Truppen am 15. Juli 1099 als grausames Gemetzel dar. Die Grausamkeiten haben nach Sporschil den Zweck, dass die Feinde Christi zur Hölle fahren und Jerusalem fortan den Christen des Abendlandes gehören sollten (S. 121).

 

Illustration in aufgeschlagenem historischem Buch zeigt Junge Menschen welche mit Kreuzfahnen durch eine Landschaft ziehen

Kreuzzug der Kinder

Bundeswehr/Gabriele Bosch

Der neunte Stahlstich von Kirchhoff zeigt den Kreuzzug der Kinder. Im Frühjahr 1212 rief ein Jüngling aus Köln namens Nikolaus junge Männer dazu auf, eine Kreuzfahrt ins Heilige Land zu wagen. Es handelte sich jedoch keineswegs um Kinder. Das lateinische Wort puer bedeutet Knabe, aber auch Knecht. So schlossen sich junge Bauernsöhne Nikolaus an, kamen aber nur bis Genua. Dort wurden sie an sarazenische Sklavenhändler verkauft. Die wenigen historischen Quellen lassen darauf schließen, dass die unbewaffneten Männer zu einem Pilgerzug nach Jerusalem aufbrachen. Sporschil lässt Papst Innozenz III. (1198-1216) stolz auf die Knaben schauen, die tapfer zur Eroberung des Heiligen Landes loszogen und so zu christlichen Märtyern wurden (S. 447).

Die Kreuzzüge des Mittelalters waren Kriegszüge. Alle sieben erreichten nicht ihr Ziel, das Heilige Land zurückzuerobern. Die Motive für diese Feldzüge waren nicht nur religiöser Natur. Auch familiäre, wirtschaftliche, machtpolitische und ökonomische Gründe zählten dazu. In der Geschichtsschreibung wünscht man sich mehr von Friedrich Wilkens kühlem Sachverstand als von Johann Sporschils überhitzter Polemik.

Wie kam das Buch in die Bibliothek des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr?

Auf dem Vorsatzblatt erkennt man einen kleinen Stempel „Historische Abteilung“. Worauf er sich bezieht, lässt sich nicht sagen. Der Stempel auf der Rückseite des Titelblattes deutet auf eine institutionelle Provenienz hin. Im Zugangsbuch der Bibliothek des ZMSBwZentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ist verzeichnet, dass das Buch „Geschichte der Kreuzzüge“ am 25. Oktober 1972 von Strausberg – in der Inventarliste steht fälschlicherweise Straußberg - an die Bibliothek des Instituts für Deutsche Militärgeschichte abgegeben wurde.

Abbildung eines Stempels im Buch mit Beschriftung der Besitzbibliothek

Stempel des Instituts für Militärgeschichte der DDRDeutsche Demokratische Republik

Bundeswehr/Gabriele Bosch

1965 wurde die Deutsche Militärbibliothek der DDRDeutsche Demokratische Republik gegründet. 1971 zog sie nach Dresden um und wurde 1972 in Militärbibliothek der DDRDeutsche Demokratische Republik umbenannt. In Potsdam entstand 1958 das Institut für Deutsche Militärgeschichte, das 1972 den Namen Militärgeschichtliches Institut der DDRDeutsche Demokratische Republik erhielt. Grundstock der Bibliothek bildete die Zuweisung von Altbeständen, die nach dem „Befehl Nr. 4 des Kontrollrates vom 13. Mai 1946, die Einziehung von Literatur und Werken nationalsozialistischen und militaristischen Charakters betreffend“ aus den Bibliotheken der Sowjetischen Besatzungszone aus aufgelösten Militärbibliotheken oder aus aufgelösten Behörden beschlagnahmt und entfernt worden waren. Als die zentrale Militärbibliothek der DDRDeutsche Demokratische Republik von Strausberg nach Dresden umzog, kam es zu sehr vielen Abgaben an das Militärgeschichtliche Institut in Potsdam.

URN: https://nbn-resolving.org/urn:nbn:de:kobv:po79-opus4-7311

DOI: https://doi.org/10.48727/opus4-731

von Gabriele Bosch  E-Mail schreiben

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