Kapitän zur See a. D.außer Dienst Dr. Werner Rahn †

Kapitän zur See a. D.außer Dienst Dr. Werner Rahn †

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„Das Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenshaften der Bundeswehr trauert um Kapitän zur See a.D. Dr. Werner Rahn. Als Amtschef führte Werner Rahn das Militärgeschichtliche Forschungsamt, eine Vorgängereinrichtung unseres Hauses, von 1995 bis 1997.“

Werner Rahn

Kapitän zur See a.D. Werner Rahn, 1995 bis 1997 Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamts

Werner Rahn 2016

„Die größten Vorteile im Leben, überhaupt wie in der Gesellschaft, hat ein gebildeter Soldat“ stellte Johann Wolfgang von Goethe vieldeutig in seinem Roman Wahlverwandtschaften fest. Wo Eigenschaften und Neigungen zusammenkommen, die sich im tradierten Vorurteil auszuschließen scheinen, kann Neues, Produktives, Überraschendes entstehen. Das gilt einmal mehr für die sehr unterschiedlichen Lebenswelten von pragmatisch orientiertem Militär und empirisch-kritisch bestimmter Wissenschaft. Menschen, die in beiden Welten glaubhaft beheimatet sind und zugleich den Mut haben, zwischen diesen belastbare Brücken zu bauen sind selten.

Kapitän zur See a.D. Dr. Werner Rahn war so jemand: ein anerkannter Marineoffizier, ein Militärhistoriker von hohen Graden, ein respektierter Kamerad und Kollege - und vor allem ein charakterlich integrerer, feiner Mensch.

Anfänge

In Werner Rahns Leben verdichtet sich die deutsche Nachkriegs- und Marinegeschichte wie in einem Brennglas. Am 9. Juli 1939 in Ilsenburg im Harz geboren erlebte er als Kind den Krieg, die sowjetische Besatzung und den Aufbau der DDRDeutsche Demokratische Republik. Die vielfältigen Verwerfungen dieser Zeit bildeten später, wie er immer wieder in persönlichen Gesprächen betonte, die entscheidenden Bezugspunkte für sein historisches Bewusstsein und sein politisches Wertegerüst. Hinzu kam eine feste Verwurzelung im evangelischen Glauben. Nach Abschluss der achten Klasse wurde ihm die Möglichkeit zu einem höheren Schulabschluss verwehrt und so begann Werner Rahn 1953 eine Ausbildung zum Elektroinstallateur. Die Familie entschied sich, 1954 in die Bundesrepublik überzusiedeln und wurde in Herdecke an der Ruhr heimisch, so dass Werner Rahn seine schulische Ausbildung fortsetzen und am dortigen Aufbaugymnasium 1960 sein Abitur ablegen konnte.

In der Bundesmarine

Unmittelbar darauf trat er am 1. April 1960 in die Bundeswehr ein und durchlief als Mitglied von Crew IV/60 die Ausbildung zum Marineoffizier. Später hat er immer wieder davon berichtet, wie prägend gerade diese ersten Jahre bei der Marine waren: seine Zeit auf dem Segelschulschiff „Gorch Fock“ und auf den damaligen Schulfregatten. Sein erstes Bordkommando führte den jungen Leutnant zur See Rahn als Fernmeldeoffizier auf die Fregatte „Lübeck“ (F 224), die zu den ersten Neubauten der jungen Bundesmarine gehörte. Neben seemännischem Geschick, Verlässlichkeit und einer glücklichen Hand im Umgang mit Untergebenen fiel früh sein starkes Interesse für Politik und Geschichte auf. Ab Mitte der 60er Jahre suchte die Bundeswehr zunehmend geeignete Offiziere für die Ausbildung zum Historiker, um den wachsenden Bedarf an Dozenten und Forschern für den Bereich Militärgeschichte zu befriedigen. Dabei fiel das Augenmerk der Marine und der Personalführung auf Werner Rahn.

Wissenschaftskarriere - in Uniform

Ein Studium war zu dieser Zeit noch nicht Teil der Offizierausbildung und auch die Gründung der Universitäten der Bundeswehr sollte noch einige Jahre dauern. Obwohl er sich auch eine rein seemännische Karriere hätte vorstellen können, entschied sich Werner Rahn, dem Drängen seiner Vorgesetzten nachzugeben und begann 1967 ein Studium der Mittleren und Neueren Geschichte an der Universität Hamburg. Für Werner Rahn erwies sich diese Weichenstellung als Glücksfall. Jetzt konnte er seine persönlichen Interessen für die Marine und für Geschichte akademisch erweitern, vertiefen und vor allem verknüpfen. 1974 schloss er eine von Günther Moltmann betreute Dissertation ab, die zwei Jahre später unter dem Titel „Reichsmarine und Landesverteidigung 1919-1928. Konzeption und Führung der Marine in der Weimarer Republik“ veröffentlicht wurde. Damit war das Fundament einer beeindruckenden, über Jahrzehnte andauernden Forschungstätigkeit gelegt, in deren Mittelpunkt die deutschen Marinen des 19. und 20. Jahrhunderts stehen sollten.

Der frisch gebackene Dr. phil. Werner Rahn wirkte nun vier Jahre als Wehrgeschichtslehrer an der Marineschule Mürwik und anschließend von 1978 bis 1980 an der höchsten Ausbildungseinrichtung der Bundeswehr, der Führungsakademie in Hamburg. Auch hier überzeugte Werner Rahn durch seine unprätentiöse Art, den Blick fürs Detail und gleichzeitig die Fähigkeit, die kleinen Bausteine der Geschichte in einen großen Zusammenhang zu stellen und wertend einzuordnen. Damit fesselte er als Dozent nicht nur seine Lehrgangsteilnehmer, sondern überzeugte auch seine Vorgesetzten.

Im Militärgeschichtlichen Forschungsamt

Folgerichtig ging es 1980 an die Alma Mater der deutschen Militärgeschichte, das Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt), das sich damals in Freiburg i.Br. befand. Die neue, förderliche Verwendung führte zur raschen Beförderung zum Kapitän zur See. Dass die Personalführung Werner Rahn viel zutraute, ist schon allein an den „drei Hüten“ ablesbar, die er gleichzeitig trug: als Leiter des Forschungsbereichs I (Allgemeine Militärgeschichte bis 1939), als Arbeitsgruppenleiter für den Band 6 im Großprojekt „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ und schließlich als Fachleiter Marine. Zudem übernahm er später als „Dienstältester Stabsoffizier“ immer wieder die Vertretung des Amtschefs MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt.

Die außerordentliche Produktivität der nun folgenden Jahre im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt ist bewundernswert. Zusammen mit seinem Freund, Fregattenkapitän Dr. Gerhard Schreiber, gab Werner Rahn zwischen 1988 und 1997 das „Kriegstagebuch der Seekriegsleitung 1939 bis 1945“ in 68 (!) Bänden heraus. Für das Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ wirkte er nicht nur als Co-Herausgeber, sondern lieferte auch maßgebende Beiträge, zum Beispiel im Band 6 („Der globale Krieg“) zu Japan, dem Krieg im Pazifik und dem Seekrieg im Atlantik und im Nordmeer. Grundlegend ist auch seine später, schon im Ruhestand verfasste Darstellung zur deutschen Seekriegsführung 1943 bis 1945 im Halbband 10/1 („Die militärische Niederwerfung der Wehrmacht“).

Neben der hier geleisteten Grundlagenforschung brachte sich Werner Rahn in mehr als einhundert Fachbeiträgen, Dokumentationen und Aufsätzen in nationalen und internationalen Zeitschriften, Sammelbänden, Lehrbüchern und Nachschlagewerken ein. Zahlreiche Rezensionen, Annotationen und Diskussionsbeiträge in Zeitschriften und überregionalen Zeitungen, wie der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, zeugen davon, wie er den Diskurs in der Öffentlichkeit suchte und konstruktiv bereicherte. Wenn Werner Rahn zur Feder griff, dann erwartete den Leser immer ein fundiertes und verlässliches Urteil in geschliffenem Stil. Die Genauigkeit mit der dieser große Gelehrte seine Themen untersuchte verlief sich nie in Pedanterie. Im Gegenteil: Sie diente immer nur dem Zweck, den Dingen differenziert auf den Grund zu gehen um am Ende ein verlässliches und klares Urteil abzugeben.

Dabei war Werner Rahn alles andere als ein „Fachidiot“. Sein Forschungsfeld, die deutschen Marinen, konnte er wie kaum ein anderer aus unterschiedlichen Perspektiven beleuchten, mit anderen Fächern und Disziplinen verknüpfen, in die unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Systeme einordnen und vor allem: er konnte es einfach und verständlich auf den Punkt bringen. Durch seine langjährigen Erfahrungen als Dozent, sicher auch wegen seines ständigen Engagements in der Förderung des Wissenschaftsnachwuchses, war er ein gesuchter Autor für die maßgebenden Fachlehrbücher in der Bundeswehr, die „Grundzüge deutscher Militärgeschichte“ (1993) und dessen Nachfolger „Grundkurs deutsche Militärgeschichte“ (2006-2008).

Zeitenwenden

Mit dem Ende des Kalten Krieges und der Deutschen Einheit stellten sich neue Herausforderungen, die auch für Kapitän zur See Dr. Werner Rahn persönlich bedeutsam werden sollten. Im Dezember 1990 übernahm er im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt die Leitung des Forschungsbereichs II, der sich mit dem Zweiten Weltkrieg beschäftigte und dessen Herzstück die Fortschreibung des Generationenwerkes „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ bildete. 1991/92 konnte Werner Rahn seinen akademischen und militärischen Horizont noch einmal weiten, indem er im Rahmen eines Austauschprogramms „Secretary of the Navy Research Fellow“ am U.S. Naval War College in Newport, Rhode Island wurde.

Mit der Rückkehr nach Deutschland stand ein weiterer Ortswechsel an, nämlich die Verlegung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes von Freiburg i.Br. nach Potsdam. Diese Veränderung wurde damals nicht nur innerhalb des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt kontrovers diskutiert. Schließlich hatten die räumliche Nähe von Forschungsamt und Bundesarchiv-Militärarchiv sowie gute Kontakte zur Albrecht-Ludwigs-Universität entscheidend zum herausragenden, auch international wahrgenommenen Renommee des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt beigetragen. Der liberale Geist und kulturelle Reiz Freiburgs begründeten überdies eine Identität von Amt und Ort, die es vielen schwer machte nach Potsdam zu gehen. Ohne die Argumente der „Freiburger Fraktion“ abzuwiegeln, warb Werner Rahn für den Umzug und vor allem argumentierte er dabei - wie immer - ausgesprochen sachlich und verbindlich im Ton.

Von Freiburg nach Potsdam

Als das MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt am 1. April 1994 in Potsdam seine Arbeit aufnahm und am 23. September des gleichen Jahres durch den Bundesminister der Verteidigung Volker Rühe feierlich im Schloßtheater des Neuen Palais in Potsdam eingeführt wurde, zeichnete sich bereits die letzte Etappe und Krönung im Berufsleben von Werner Rahn ab. Am 1. April 1995 übernahm er von Brigadegeneral Dr. Günter Roth als Amtschef die Leitung des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes und damit die wichtigste Funktion in der Karriere eines Soldaten in der Laufbahn des Militärhistorikers. Die Aufgaben, die vor ihm lagen, hätten komplizierter kaum sein können. Es ging darum, den guten Ruf des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt zu halten und weiter auszubauen, das Forschungsamt am Standort Potsdam zu entwickeln, Kontakte zu den benachbarten Forschungsinstituten und natürlich zur Universität Potsdam aufzunehmen, Kooperationen auf den Weg zu bringen und die Museumslandschaft der Bundeswehr (die ebenfalls in der Verantwortung des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt lag) neu zu strukturieren.

Weil das Bundesarchiv-Militärarchiv in Freiburg i.Br. verblieb, galt es pragmatische Lösungen für die Aktennutzung zu finden. Für das MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt musste der neue Dienstsitz, die vormals den Hohenzollern gehörende „Villa Ingenheim“, baulich ertüchtigt und den Bedürfnissen eines modernen Forschungsinstituts angepasst werden. Für das zeitlich ins Stocken geratene Reihenwerk „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ brauchte es tatkräftige Impulse, damit der Abschluss wieder in sichtbare Nähe rückte. Vor allem aber musste es gelingen, die Mitarbeiter des damals größten historischen Forschungsinstituts in Deutschland für diese Großaufgaben zu gewinnen. Die Unsicherheiten und Sorgen bei den übernommenen Mitarbeitern des ehemaligen „Militärgeschichtlichen Instituts der DDRDeutsche Demokratische Republik“ waren groß, und die Vorbehalte vieler Soldaten, Beamten und Angestellten aus dem Westen spürbar. Kapitän zur See Dr. Werner Rahn hatte also als Amtschef eine Mammutaufgabe vor sich. Einmal mehr waren jetzt seine bestechenden fachlichen und menschlichen Qualitäten gefragt, vor allem seine Fähigkeit ruhig zuzuhören, klug zu analysieren und mit gemessenem Urteil Entscheidungen herbeizuführen. All das hat, so sein ehemaliger Vorgesetzter, Vizeadmiral a.D. Hans Frank, in seiner Laudatio auf Werner Rahns 70. Geburtstag „viele, bislang geschlossene Türen geöffnet“. Als Kapitän zur See Dr. Werner Rahn am 30. September 1997 in den Ruhestand verabschiedet wurde, konnte er mit Stolz auf das Erreichte zurückblicken - auch wenn Stolz eine Kategorie war, die diesem Gentleman in Marineuniform eher suspekt blieb.

Der Marinehistoriker Werner Rahn

Werner Rahn blieb auch als Pensionär „seiner“ Marine mit großem Interesse verbunden und weiter akademisch aktiv und vor allem produktiv. Qualitativ herausragende Aufsätze beschäftigten sich mit dem seestrategischen Denken Deutscher Marinen im 19. und 20. Jahrhundert, dem deutschen Marine-Nachrichtendienst, dem U-Boot Krieg. Bis heute richtungsweisend ist sein Großbeitrag zur Skagerrak Schlacht im gleichnamigen Sammelband von 2009. Für seinen Nachnachfolger als Amtschef des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt, Kapitän zur See a.D. Dr. Jörg Duppler, zeichnete er 2005 als Herausgeber für den immer noch lesenswerten Sammelband „Deutsche Marinen im Wandel. Vom Symbol nationaler Einheit zum Instrument internationaler Sicherheit“ verantwortlich. 2006 bis 2009 übernahm er das Berliner Büro der „Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik“.

2016 verlieh ihm das U.S. Naval War College den renommierten „Hattendorf Price“ für sein marinegeschichtliches Lebenswerk.

Werner Rahn hinterlässt mehrere Lücken: als Musterbeispiel des wissenschaftlich gebildeten Soldaten, als Marineoffizier der durch Haltung und berufliches Selbstverständnis überzeugte, als Marinehistoriker der Maßstäbe gesetzt hat und als Mensch, der durch charakterliche Integrität und einen feinen Humor zu gewinnen verstand. Am 19. November verstarb Werner Rahn im Alter von 83 Jahren in Potsdam.

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Oberst a.D. Dr. phil. Hans Ehlert - (Amtschef des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes 2004-2010)
Oberst i.G.im Generalstabsdienst Prof. Dr. phil. habil.habilitatus Matthias Rogg - (Direktor Militärhistorisches Museum der Bundeswehr 2010-2017)