Ein Nachruf

Manfred Messerschmidt (1926-2022)

Manfred Messerschmidt (1926-2022)

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Der Nestor moderner Militärgeschichte

Dr. Manfred Messerschmidt (1926-2022), Leitender Historiker im MGFA 1970-1988

Dr. Manfred Messerschmidt (1926-2022), Leitender Historiker im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt 1970-1988, bei einem sicherheitspolitischen Vortrag im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt. Rechts: Brigadegeneral Wolfgang Altenburg, der spätere Generalinspekteur der Bundeswehr.

MGFA 1977

Wer Manfred Messerschmidt im Kontext von beruflicher Lebensgestaltung unter dem Vorzeichen von Eigenfindung bei gleichzeitiger Wahrnehmung sozialer Verpflichtung zu würdigen sucht, begegnet einer Persönlichkeit, die 96 Jahre engster schicksalhafter Verwobenheit in seine Zeit mit bemerkenswerter Selbstbestimmung zu nutzen verstand.

Messerschmidt, 1926 in Dortmund geboren, verbrachte den bewussten Teil seiner Kindheit und Jugend während des sogenannten Dritten Reichs. Mit 16 Jahren als Flakhelfer, anschließend zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet, folgte Mitte 1944 seine Einberufung zur Wehrmacht. Nach kurzer USUnited States-Gefangenschaft 1945 holte Messerschmidt 1947 das Abitur nach. Das in Münster begonnene Geschichtsstudium beendete er 1954 in Freiburg. Seine Dissertation über „Die Wandlungen des Deutschlandbildes in der englischen Geschichtsschreibung der letzten hundert Jahre“ betreute Gerhard Ritter, einer der renommiertesten, wenngleich konservativen Historiker der Nachkriegszeit. Anschließend drückte Messerschmidt noch einmal die Universitätsbank und absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften, das er 1959 mit dem ersten und 1962 mit dem zweiten Staatsexamen abschloss.

Anfänge im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt

Als der Volljurist und legitimierte Historiker als wissenschaftlicher Mitarbeiter 1962 in das Freiburger Militärgeschichtliche Forschungsamt (MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt) eintrat, bedeutete dies eine fachliche Ausrichtung der besonderen Art. Die Positionierung des Militärs und damit ihr politischer Stellenwert hatten sich seit Bismarck verschoben. Der Krieg 1870/71 hatte das Deutsche Kaiserreich dort aus der Taufe gehoben, wo die westalliierten Siegermächte es 1919 wieder beisetzten – in Versailles. Das Dritte Reich manövrierte sich – bei blinder Gefolgschaft der Wehrmacht unter Hitlers Befehl und der antibolschewistisch-rassistisch motivierten Eroberung deutschen Lebensraums – selbst in den staatlichen Ruin. Nach der bedingungslosen Kapitulation zog sich die deutsche Gesellschaft aus der Militärgeschichte in das Vergessen zurück – in den Schulbüchern sowohl als Spezialdisziplin der universitären Geschichtswissenschaft. Das sollte und musste sich spätestens ändern, als die staatliche Teilung Deutschlands gleichbedeutend wurde mit der militärischen Bedrohung von Demokratie, Wirtschaft und Gesellschaft der Bundesrepublik durch die UdSSRUnion der Sozialistischen Sowjetrepubliken. Dieser Herausforderung galt es zwingend, militärisch Rechnung zu tragen, ohne zugleich Kriegsschauplatz zu werden.

Militärgeschichte im Umbruch

Die Militärhistorie hatte sich im Schatten zweier Weltkriege als eine an den Bedürfnissen der Streitkräfte orientierte Disziplin derart kompromittiert, dass ihr die Etablierung an den der Freiheit von Forschung und Lehre verpflichteten Universitäten der Bundesrepublik versagt blieb. Die überlieferten, gesellschaftspolitisch klassifizierenden militärischen Begrifflichkeiten hatten ihre Faszination verloren oder konnten im Zuge der Wiederbewaffnung nur mühsam restituiert werden, als da waren: Adel, Marschälle, Admirale, Kämpfer, Helden, Sieger und Opfer. Nach den beiden Weltkriegen haben die Gräberfelder den Blick auf die Heldendenkmäler nahezu ins Nirgendwo entrückt. Nach dem Willen der regierungspolitisch Verantwortlichen in der Bundesrepublik sollte die Militärgeschichte aber als Auskunftei zur Vergangenheitsbewältigung integraler Bestandteil der historischen Bildung verstanden werden. Deshalb zählte die Darstellung des Krieges in seiner politischen, militärischen, ökonomischen und sozialen Dimension zu den primären Aufgaben des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt. Es galt, deren Aufarbeitung in Angriff zu nehmen, die Rolle des Militärs im Wechselbad von Staat und Gesellschaft und die daraus resultierenden Erfahrungen für die Rekrutierung einer Armee unter Vermeidung einer sogenannten Remilitarisierung zu erörtern und festzulegen. Über Gerhard Ritter, der sich mit dem Verhältnis von „Staatskunst und Kriegshandwerk“ befasst hatte, war Messerschmidt bereits mit der Militärhistorie in Berührung gekommen. Als er sich dem Spannungsverhältnis von NSNationalsozialismus-Regime und Streitkräften zuwandte, passte dieses Thema exakt in den Forschungsrahmen des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt. Mit seinem 1969 vorgelegten Buch „Die Wehrmacht im NSNationalsozialismus-Staat“ verdeutlichte er die enge Vernetzung zwischen Hitler-Regime und Militär.

Leitender Historiker im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt

Im Verlauf des Jahres 1970 übernahm Messerschmidt die Funktion des Leitenden Historikers im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt. In Angleichung zentraler Forschungsstätten an universitäre Institutionen richtete der Bund im MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt die Position des Direktors und Professors ein, mit der Messerschmidt bei erweiterten dienstlichen Zuständigkeiten im Dezember 1971 vom Bundespräsidenten betraut wurde. Zwei ausgedehnte Themenbereiche bildeten fortan die Schwerpunkte der Forschungs- und Publikationstätigkeittätigkeit des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt. Umfängliche Untersuchungsfelder erhielten nun eine moderne inhaltliche Ausrichtung. So wurde eine 10-bändige Untersuchung über „Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg“ in Angriff genommen, die sich dem bereits in Publikation befindlichen 6-bändigen DDRDeutsche Demokratische Republik-Konvolut „Deutschland im zweiten Weltkrieg“ thematisch an die Seite stellte.

Wohl auch zur Korrektur des sozialistisch ideologisierten ostdeutschen Werkes gedacht, war das Forschungsprojekt doch von der Einsicht mitgetragen, dass es den wenigen westlichen Darstellungen an dem gesellschaftlichen Bezug zum Zweiten Weltkrieg mangelte. Außerdem zählte zu den westlichen Inhaltsdefiziten bislang der Gesamtzusammenhang von Krieg und Wirtschaft, dem nun Aufmerksamkeit dort gewidmet wurde, wo die marxistische Historiographie sich auf die Suche nach Belegen für die These vom Krieg als Ausdruck von Kapital und Ausbeutung beschränkte. Das unter Messerschmidt entworfene Konzept der Untersuchung kriegerischer Konflikte unter Einbeziehung der These vom interdependenten Verhältnis zwischen militärischem Geschehen und Gesellschaft hat bis heute keine Widerlegung gefunden. Es hat sich als derart beispielhaft erwiesen, dass das Weltkriegswerk des MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt durch Oxford University Press Eingang in die englische Sprachwelt gefunden hat. Ein vergleichbares Werk gibt es nicht.

Der Umgang mit der Wehrmacht

Im geschichtlichen Umgang mit dem Militär, insbesondere mit der Wehrmacht, entdeckte der Historiker Messerschmidt als Jurist neben dem Tor zum Kasernenhof der „sauberen Wehrmacht“ eine verschlossene Pforte, die sich mit dem Zugangspasswort „Verbrechen der Wehrmacht“ erst spaltbreit öffnen ließ, jedenfalls den Blick auf Militärjustiz und Kriegsverbrechen freigab. Das gültige Bild von der „sauberen Wehrmacht“ verschwand in der mythologischen Ecke.

In Symbiose seiner doppelten fachlichen Qualifikation nahm sich Messerschmidt der Militärjustiz in einer Weise an, die ihm auf diesem Arbeitsfeld zu internationaler Reputation verhalf, ihn aber auch zum angefeindeten homo politicus stilisierte. Bekanntlich wurde der baden-württembergische Ministerpräsident Hans Filbinger 1978 bezichtigt, als Marinerichter Todesurteile gefällt zu haben, was sich bestätigen sollte. Erweisen sich seine Schuldsprüche schon dort als fragwürdig, wo er das Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ missachtete, so lag das eigentlich Erschütternde der Affäre in der Einsichtslosigkeit eines renommierten Politikers in Geschichte gewordene persönliche Fehlleistungen. Sie trat in seiner Verteidigungsformel, dass „heute nicht Unrecht sein kann, was gestern Recht“ war, zutage. Und so ist es verständlich, dass Messerschmidt die von Filbinger ihm persönlich vorgetragene Bitte um ein bestätigendes Gutachten über die Gültigkeit der zitierten Formel ausschlug. Stattdessen engagierte er sich in den 1980er Jahren in der Waldheim-Kommission, in die er formal berufen worden war. Diese sollte aufklären, ob der österreichische Bundespräsident nicht nur „ein Pferd der SASturmabteilung geritten“ hatte, sondern als Steigbügelhalter der NSPDAP in Kriegsverbrechen verwickelt war. Das internationale Gremium entkräftete zwar die letztgenannte Anschuldigung, setzte aber eine längst überfällige innerösterreichische Debatte über die NSNationalsozialismus-Vergangenheit der Alpenrepublik in Gang, zu der nicht zuletzt Messerschmidt seine sachbezogenen Argumentationen beigetragen hatte.

Nach der totalen Niederlage der Wehrmacht, nach dem Zusammenbruch der deutschen städtischen Wohnstruktur, des Bildungs- und Kulturlebens und in Anbetracht der Umstellung einer zum Großteil zerstörten Rüstungs- in eine Zivilwirtschaft in einem demokratische Staat rief dessen Verteidigungsnotwendigkeit gegenüber dem Sowjetkommunismus keine militärische Begeisterung in der deutschen Bevölkerung hervor. Ebenso wenig löste die sogenannte westdeutsche Wiederaufrüstung bei den von der Wehrmacht in den Kriegsjahren besetzten, nun mit der Bundesrepublik verbündeten Mächten überschwängliche Freundschaftsbekundungen aus. Die westlichen Besatzungstruppen waren nun zu Garanten der Bundesrepublik avanciert, zu Kombattanten.

Neue Wege der Militärgeschichte

Um diesen erhofften und mit Abstrichen erreichten Wandlungsprozess ergründen und bewerten zu können, bedurfte es der historiographischen Aufarbeitung der „Anfänge westdeutscher Sicherheitspolitik“. Dieses Projekt wurde von Messerschmidt mit viel Engagement unterstützt. Es gibt kein vergleichbares thematisch ausgerichtetes Werk, schon gar nicht, wenn man die ausgewerteten Quellengrundlagen einbezieht. Die Archive und die Bundesbehörden haben den Autoren sämtliche benötigten Dokumente aller Geheimhaltungsstufen zur Einsicht vorgelegt, diese z. T. herabgestuft. Vom Bundestag bis zu den Bundesministerien wurde nach Wegen gesucht, die Akteninhalte vermitteln zu können. Die 4 Bände verstehen sich nicht nur vor dem Hintergrund des Kalten Krieges, vielmehr auch der innerdeutschen Auseinandersetzung um Wiederbewaffnung in Reflexion der katastrophalen militärischen Vergangenheit. Die in der Ära Messerschmidt angeregten, konzipierten und inhaltlich gestalteten Studien besitzen nach wie vor Richtung weisenden Charakter für eine gesellschaftsbezogene Militärhistorie, die – auch ein Novum – über zahlreiche weibliche Repräsentanten verfügt. Heute kann die Universität Potsdam der interessierten Studentenschaft erneut mit einem militärgeschichtlichen Lehrstuhl dienen, und das renommierte Münchner Institut für Zeitgeschichte besitzt inzwischen einen entsprechenden thematischen Schwerpunkt.

Die deutsche Militärgeschichte verdankt es nicht zuletzt Manfred Messerschmidt, sie wieder wissenschaftlich hoffähig gemacht zu haben.

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Text: Prof. Dr. Hans-Erich Volkmann, Historisches Seminar der Universität Freiburg i. Br., Direktor und Professor a. D.außer Dienst im Militärgeschichtlichen Forschungsamt

Eine Würdigung zum Abschied Dr. Manfred Messerschmidts als Leitendem Historiker aus dem MGFAMilitärgeschichtliches Forschungsamt im Jahr 1988 finden Sie hier.