Großprojekt Reichswehr

Reichswehr. Die Republik und ihre Streitkräfte 1919-1935

Reichswehr. Die Republik und ihre Streitkräfte 1919-1935

  • Forschung
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Die Reichswehr war die bewaffnete Macht der ersten deutschen Republik. Nach 100 Jahren ist ihre Geschichte nicht ausreichend beforscht. Dieser Mangel ergibt sich zunächst aus der Wahrnehmung der Reichswehr als Streitkräfte einer „Zwischenkriegszeit“. Deren historische und geschichtspolitische Bedeutung hat sich seit jeher mit derjenigen von zwei Weltkriegen messen lassen müssen.

Zweitens wurde die Geschichte der Reichswehr vielfach als eine Geschichte des Scheiterns geschrieben. Dabei wurde sie entweder als verdeckte Fortsetzung der 1918 kompromittierten Militärorganisation und -tradition oder aber als letztlich fruchtloses Experiment republikanischer Streitkräfte wahrgenommen. In einer dritten Deutung wuchs die Reichswehr nach 1945 in der Bundesrepublik Deutschland als Element des politischen Topos auf, nach dem „Bonn nicht Weimar“ gewesen sei. In der Folge etablierte sich in der öffentlichen Rede zur Reichswehr eine politische Distanzierung von ihr, die vorrangig der Legitimierung der jungen Streitkräfte der Bonner Republik diente. So sehr die geschilderten Perspektiven wichtige Anstöße für die Forschung enthielten, so sehr trat dabei die Reichswehr als Armee ihrer Zeit immer mehr in den Hintergrund.

Das Großforschungsprojekt soll deshalb die Grundlagenforschung zu diesem Themenfeld wieder anstoßen. Dabei sollen ältere Erträge kritisch geprüft, die wenigen, neueren Forschungen in eine Gesamtbetrachtung integriert und eigene, ergänzende Arbeiten angestoßen werden.

Dabei muss es das erste Ziel des Projektes sein, die deutsche Militärgeschichte zwischen 1919 und 1935 zunächst überhaupt wieder zum Gegenstand der historischen Forschung zu machen.

Darüber hinaus soll das Projekt dazu dienen, die historische Eigenständigkeit der Jahre zwischen 1919 und 1935 innerhalb des Zeitalters der Weltkriege herauszuarbeiten. Damit sollen auch Vorarbeiten geleistet werden für die zu erwartenden historiografischen und geschichtspolitischen Diskussionen mit Blick auf 100 Jahre Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg ab 2033.

Auch krankt die Forschung zur Reichswehr an ihrer nationalen Selbstbezogenheit. Organisatorische oder politische Besonderheiten, militärische Leistungen und Defizite beim Hauptauftrag der Reichswehr – der Landesverteidigung – lassen sich aber erst präzise herausarbeiten, wenn man den Blick auf die Streitkräfte anderer Staaten in der Epoche wirft.

Die Perspektive des Forschungsprojekts soll das Militär selbst sein, als zeitweise in Frage gestellter Inhaber des Gewaltmonopols und als Instrument der Sicherheitspolitik der Republik. Nur aus dieser Kenntnis heraus lassen sich weitergehende Schlussfolgerungen zu seiner Rolle in Staat und Gesellschaft ziehen.

Projektleitung: Dr. habil.habilitatus Markus Pöhlmann



Kavallerie der Reichswehr (Monografie)

Die Geschichte der Kavallerie der Reichswehr erscheint als historisches Paradoxon: Einerseits nahmen die berittenen Truppen seit Mitte des 19. Jahrhunderts angesichts der Technisierung des Krieges eine zunehmend geringe Rolle ein. Andererseits kam der Kavallerie der Reichswehr im Zuge der Neuordnung durch den Versailler Vertrag eine besondere Bedeutung zu. In dem Bestreben der Siegermächte, die Kampfkraft des 100.000-Mann-Heeres zu beschränken, wurde mit drei von zehn Divisionen ein unverhältnismäßig starker Anteil an Kavallerie vorgeschrieben.

Diese widersprüchlichen Befunde führen zur Leitfrage der Studie: Welchen Stellenwert hatte die Kavallerie in der Reichswehr und welche Folgerungen ergaben sich daraus für den Aufbau und Einsatz der Waffengattung? Durch die exemplarische Analyse des zeitgenössischen Diskurses sollen Erkenntnisse über das militärische Denken und Aspekte militärischer Mentalität in der Reichswehr gewonnen werden.

Autorin: Major Dr. Friederike Hartung


Militärische Gewalt in der Weimarer Republik 1918-1923 (Dissertation)

Die Studie betrachtet Unruhen und deren Bekämpfung als Momente „militärischer Gewalt“ in innerpolitischen Konflikten auf Grundlage einer breiten archivalischen Quellenbasis. Die Arbeit geht der Frage nach, in welchen Situationen „militärische Gewalt“ Anwendung fand und wie Politik, Regierungen und Öffentlichkeit darauf reagierten. Von besonderem Interesse sind dabei die entstehenden Wechselverhältnisse zwischen einer staatlichen Regulierung, einer Politisierung der Streitkräfte und einer Militarisierung gesellschaftlicher Konflikte. Die Untersuchung wird im Feld der Gewaltforschung aus dem Blickwinkel des Militärischen verortet und legt einen Schwerpunkt auf die Geschichte der Reichswehr. In methodischer Hinsicht stellt die Studie eine Verbindung von deduktiver und induktiver Methode dar und ermöglicht so den Begriff „militärische Gewalt“ nicht analytisch, sondern synthetisch zu erfassen. Als Ergebnis soll ein kritischer Überblick über die Verlaufsgeschichte zur Anwendung „militärischer Gewalt“ innerhalb des Deutschen Reiches bis 1923 sowie ein Beitrag zum Verhältnis von Gewalt, Militär und Politik geliefert werden.

Autor: Hauptmann Pierre Köckert M.A.Master of Arts


Wissen und Krieg. Taktisches Lernen des deutschen Heeres 1888 bis 1926 (Monografie)

Die Studie nimmt das taktische Lernen des deutschen Heeres zwischen 1888 und 1926 in den Blick. Sie fragt nach dem Prozess organisationalen Lernens, insofern nach der Erschließung, der Bewahrung, dem Transfer und der Umsetzung von taktischem Wissen für den Krieg. In diesem lernkulturellen Kontext soll geklärt werden, ob und wie sich längerfristig ein spezifisches taktisches Lessons-Learned System entwickelt hat und wie die taktische Aus- und Fortbildung der Offiziere gestaltet wurde.

Die Untersuchung erfolgt in einem längsschnittartigen, analytischen Dreischritt, bestehend aus einer Phase der Vorbereitung auf einen Krieg, dem eigentlichen Krieg und schließlich dessen unmittelbarer Aufarbeitung. Letztere vollzog sich maßgeblich in den Jahren 1920 bis 1926. Für das Reichswehr-Projekt wird der Blick auf die prägende Wirkung Hans von Seeckts auf das organisationale Lernen bzw. die Lernkultur des Reichsheeres von besonderem Interesse sein.

Autor: Oberstleutnant Dr. Christian Stachelbeck


Der Stahlhelm als politischer Akteur und sein Verhältnis zum Nationalsozialismus 1918-2000 (Dissertation)

Die Wehrverbände in der Weimarer Republik haben in der Forschung seit den organisationsgeschichtlich orientierten Überblicksarbeiten der 1960er Jahren trotz ihrer innenpolitischen Bedeutung ein Schattendasein geführt. Erst in den letzten Jahren ist ein wachsendes Interesse an diesen Organisationen zu beobachten, zu denen auch der Wehrverband „Stahlhelm – Bund der Frontsoldaten“ zählt. Der Stahlhelm war eine rechtsgerichtete Massenorganisation, die sich als überparteiliche, politische Sammlungsbewegung verstand. Als solche stand er in einem erbitterten Konkurrenzverhältnis mit der NSNationalsozialismus-Bewegung um die Vorherrschaft innerhalb des nationalen Lagers. Mit dem Aufstieg der NSDAP ab dem Ende der 1920er Jahre verschärfte sich dieser Konflikt und führte teilweise zur offenen Feindschaft. Nach 1933 wurde der Stahlhelm teilweise in die SA überführt und schließlich aufgelöst. Die Studie betrachtet diese Entwicklung am Beispiel Bayerns und der Pfalz und erweitert die Perspektive darüber hinaus auf die Neugründung des Bundes im Jahr 1952.

Autor: Major Dr. Dennis Werberg


Die Reichswehr. Deutschlands Streitkräfte 1919-1935 (Monografie)

In der deutschen Militärgeschichte gilt die Reichswehr noch immer als die große Unbekannte. Im direkten Vergleich zum deutschen Militär des Ersten Weltkrieges und insbesondere zur Wehrmacht wurde den deutschen Streitkräften zwischen 1919 und 1935 von der geschichtswissenschaftlichen Forschung bislang nur wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Das Bild der Reichswehr wird daher bis heute von zahlreichen Mythen und Stereotypen geprägt. Deren Geschichte weist zahlreiche Leerstellen auf. Das Studienbuch soll im Rahmen der Reihe „Militärgeschichte Kompakt“ den aktuellen Stand der Reichswehrforschung zusammenfassen, diesen dabei kritisch hinterfragen sowie neuste Erkenntnisse in komprimierter Form darstellen.

Autor:  Major Dr. Dennis Werberg


Streitkräfte in Europa zwischen den Weltkriegen. Erfahrungen und Erwartungen in der transnationalen Diskussion (Internationale Tagung für Militärgeschichte 2024)

Die deutsche Forschung zur Reichswehr war bislang in der Regel national bezogen, mit starkem innenpolitischem Schwerpunkt. Verstärkt durch die besondere staatsrechtliche Ausgangslage (Versailler Vertrag) griff so die Vorstellung eines militärischen Sonderwegs Raum. Auch wenn die spezifische Situation der Reichswehr nicht in Abrede gestellt werden soll, lassen sich doch eine ganze Reihe von universalen Herausforderungen für Streitkräfte nach 1918 identifizieren.
Ziel der Internationalen Tagung für Militärgeschichte 2024 soll es deshalb sein, vom Projekt „Reichswehr“ ausgehend eine inter- und transnationale, möglichst multidisziplinär ausgeleuchtete Perspektive auf die militärgeschichtliche Epoche zu gewinnen und diese Erkenntnisse wiederum für das Projekt nutzbar zu machen. Dabei soll bei allen Beiträgen der Blick entweder von Deutschland ins militärische Ausland oder von dort auf Deutschland geworfen werden. Einen besonderen Stellenwert soll das Problem der militärischen Prognose (Kriegsbilder) bekommen. Die doppelte Herausforderung einer Demobilisierung von Streitkräften und des folgenden Wiederaufbaus von Kräften und Strukturen im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung soll erstmals historisiert werden. Die (Selbst)Verortung von Streitkräften in einem sich grundlegend verändernden sozio-politischen Umfeld soll evaluiert werden.

Projektbeauftragte: Dr. habil.habilitatus Markus Pöhlmann und Oberstleutnant PDPrivatdozent Dr. John Zimmermann