Hier ist Krieg-Transkript

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Herzlich willkommen zu „Angelesen“, dem Buchjournal des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Heute stellen wir das Buch von Markus Götz, „Hier ist Krieg“. Afghanistan-Tagebuch 2010 vor. Es wurde von Christian Hartmann herausgegeben und erschien 2021. Als Hauptfeldwebel Markus Götz im März 2010 in Afghanistan eintraf, entschied er sich, Tagebuch zu schreiben. Jeden Tag wollte er aufschreiben, was er erlebt hatte, wie es ihm ging, woran er dachte. Entstanden ist ein ehrlicher, in der Sprache eines Soldaten geschriebener Bericht über den Krieg in Afghanistan. Da der Text nachträglich weder durch den Autor noch durch den Herausgeber überarbeitet wurde, ist er ganz dicht am Kriegsgeschehen sowie an der Stimmungs- und Motivationslage des damaligen 22. ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzkontingentes. Das Buch „Hier ist Krieg“ enthält neben den Tagebuchaufzeichnungen zwei weitere Texte. Es beginnt mit einer umfassenden Einführung in die strategische Ausgangslage und die taktisch-operative Durchführung des Einsatzes der Bundeswehr im Norden Afghanistans. Darin analysiert der Historiker Christian Hartmann, wie es überhaupt dazu kam, dass deutsche Soldaten am Hindukusch kämpften. Das Buch schließt mit einer Bilanz, mit sehr informativen Übersichten über die in Afghanistan eingesetzten Waffen und Waffensysteme sowie mit Biogrammen über das deutsche und internationale Führungspersonal. Es enthält zudem viele Farbbilder; die meisten sind von Markus Götz aufgenommen. Für den Leser, der zunächst die wissenschaftliche Analyse studiert, wirken Sprache und Inhalt der Tagebuchaufzeichnungen wie aus einer anderen Welt. Aus einer Welt, die durch physische und psychische Ermattung der Soldaten sowie deren bohrende Fragen nach dem Sinn des Ganzen gekennzeichnet ist. Darin finden die hehren sicherheitspolitischen Zielsetzungen und strategischen Kalküle keinen Platz. Am Ende des Tages bleibt den Soldatinnen und Soldaten nur ihr eigener Wertekompass.

Warum waren deutsche Soldaten am Hindukusch? Die strategische Ausgangslage.

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 waren ein Wendepunkt in der Geschichte Afghanistans. USUnited States-Präsident Bush drohte allen Staaten, die Terroristen Unterschlupf boten, sie als Feinde zu betrachten. Dennoch weigerten sich die Taliban, Mitglieder von Al Qaida, die als Urheber der Anschläge identifiziert waren, an die USAUnited States of America auszuliefern. Die USUnited States-Streitkräfte führten daraufhin Militärschläge gegen das Taliban-Regime durch. Zahlreiche Taliban- und Al Qaida-Führer wichen daraufhin ins benachbarte Pakistan aus. Unmittelbar nach den Terroranschlägen verkündete die deutsche Bundesregierung unter Bundeskanzler Gerhard Schröder ihre „uneingeschränkte Solidarität“ mit den USAUnited States of America. Schon weil einige Attentäter lange und gut integriert in Deutschland gelebt hatten, stand die rot-grüne Bundesregierung unter Zugzwang. Auch deshalb übernahm sie die Führungsrolle bei der Planung und Durchführung einer internationalen Konferenz zum Aufbau eines demokratischen Afghanistans. Die Konferenz fand noch Ende 2001 auf dem Petersberg bei Bonn statt. Bestärkt durch Erfahrungen in Kambodscha und auf dem Balkan war die deutsche Regierung optimistisch, dass man auch in Afghanistan Erfolg haben könne. Um innenpolitisch Zustimmung zum Einsatz militärischer Mittel zu erhalten, engagierte sich Deutschland in besonderer Weise für den zivilen Wiederaufbau Afghanistans. Der militärische Fußabdruck sollte allerdings denkbar klein sein. In seiner Einführung diskutiert der Historiker Christian Hartmann den geläufigen Vorwurf an die Bundesregierung, sie habe keine Strategie gehabt. Dies stimmte. Allerdings wäre die Erwartung, Deutschland hätte Ende 2001 eine Strategie haben müssen, unrealistisch gewesen. Denn 9/11 kam wie ein „Schwarzer Schwan“ völlig unerwartet. Alte Gewissheiten waren in Frage gestellt. Klar definierte nationale Interessen als Kompass für außenpolitisches Handeln waren genauso wenig vorhanden wie Kenntnisse über die Region. Der Historiker überrascht mit seiner Feststellung, dass es 2001 vielleicht nicht zu wenig, sondern zu viel Strategie gab. Selbst wenn es eine festgezurrte Strategie gegeben hätte: Wären damit die Probleme, die später auftauchten, zu lösen gewesen? Hinzu kam, dass die USAUnited States of America als Führungsmacht des Westens die strategischen Leitlinien vorgaben. Es bestanden nur begrenzte Handlungsspielräume für die deutsche Afghanistan-Politik. Als deutsche Soldaten Ende 2001 afghanischen Boden betraten, war dieser zentralasiatische Staat zwar von den Taliban befreit. Nach dem jahrelangen Bürgerkrieg, der dem Abzug der sowjetischen Besatzungstruppen 1989 folgte, galt das Land allerdings als ein failed state.

Die operative Umsetzung

Gut zwei Jahre nach dem Kosovo-Krieg von 1999 musste sich Deutschland ein zweites Mal mit der Frage beschäftigen, wie das Militär als Teil einer Gesamtstrategie sinnvoll eingesetzt werden kann. Die militärische Absicherung des Wiederaufbaus Afghanistans litt von Anfang an darunter, dass es keinen entscheidenden militärischen Sieg über die Taliban gegeben hatte. Diese verloren zwar einen großen Teil ihrer Kämpfer, es gelang ihnen aber, sich in Pakistan zu regenerieren und erneut in Afghanistan Fuß zu fassen. In den Folgejahren fügten sie der internationalen Schutztruppe mehr und mehr Verluste zu. Auf deutsche Initiative übernahm 2003 die NATO das Kommando über die Internationale Schutztruppe. Gleichzeitig wurde ihr Mandat über Kabul hinaus auf ganz Afghanistan ausgeweitet. Erneut versuchte die Bundesregierung, den USAUnited States of America mit proaktivem Engagement in Afghanistan entgegenzukommen. Denn nach der Kritik an dem Irakkrieg der Bush-Administration waren die transatlantischen Beziehungen auf einem Tiefpunkt angelangt. Die Deutschen gingen mit Beispiel voran und übernahmen die Sicherheitsverantwortung im Norden Afghanistans. Diese Region erschien ihnen vergleichsweise sicher. Die Paschtunen, welche die Rekrutierungsbasis für die Taliban bildeten, stellten hier nur eine Minderheit dar. Der Norden schien also günstige Rahmenbedingungen zu bieten, um den Personalumfang des deutschen Militärkontingentes gering zu halten und von schweren Waffen abzusehen. „Nirgends“, so stellt Christian Hartmann fest, „waren die ISAFInternational Security Assistance Force-Kontingente so schwach wie im Norden Afghanistans“. Den ab 2006 zunehmenden Angriffen von Aufständischen waren deutsche Soldaten oftmals hilflos ausgeliefert. Ihre Regeln für die Anwendung von Gewalt legten fest, dass zuvor ein gegnerischer Angriff erfolgt sein müsse. Vorausschauendes, auf Eigeninitiative beruhendes offensives Operieren, wie es deutsche Führungsvorschriften fordern, war ihnen untersagt. Zudem fehlten die Mittel für eine bewegliche, raumgreifende Gefechtsführung oder die Bekämpfung des Gegners auf weite Entfernungen. Den Soldatinnen und Soldaten blieb kaum mehr übrig als auf Patrouille zu fahren, um die wichtigsten Verbindungsstraßen sowie ihre Feldlager zu sichern. Kein Wunder, dass sie sich dabei wie auf einem Präsentierteller vorkamen. Ihre Gegner konnten Ort, Zeit und Angriffsverfahren frei wählen. Hinzu kam noch, dass sich die Aufständischen nicht an die Regeln des Völkerrechts hielten. Vor allem die Zivilbevölkerung missbrauchten sie als Schutzschild für ihre Kämpfer. Die deutschen Soldatinnen und Soldaten stellten zunehmend den Sinn ihres Einsatzes in Frage. Ihren Auftrag, den Wiederaufbaus Afghanistans militärisch abzusichern, konnten sie auf diese Weise nicht erfüllen. Sie mussten ohnmächtig zusehen, wie der Einfluss- und Machtbereich der Aufständischen zunahm und die afghanische Bevölkerung sich von ihnen distanzierte. Die Menschen waren sich einfach nicht mehr sicher, ob die westlichen Truppen gewinnen würden.

Die Wende 2010 und das 22. Einsatzkontingent ISAFInternational Security Assistance Force

Das Jahr 2010 markiert eine Wende für den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan. Die Lage war so schwierig geworden, dass es einer Entscheidung bedurfte, wie es dort weitergehen sollte. Auch die Alliierten, die schon länger Krieg führten, forderten ein Ende des deutsches Sonderweges.

Mit der Aussage des neuen Verteidigungsministers zu Guttenberg, die Zustände in Afghanistan seien „kriegsähnlich“, war der Weg frei für eine realistischere Lagebeurteilung. Zudem sah die neue USUnited States-Strategie für Afghanistan eine aktive Aufstandsbekämpfung vor. In deren Mittelpunkt stand ein noch stärkerer Schutz der afghanischen Bevölkerung sowie die Intensivierung der Ausbildung der afghanischen Sicherheitskräfte. Starke USUnited States-Kampfverbände wurden zur Verstärkung in den Norden Afghanistans entsandt und dem deutschen Kommando unterstellt. Auch Deutschland vergrößerte sein Truppenkontingent, lieferte schwere Waffen wie den Schützenpanzer Marder und die Panzerhaubitze 2000. Nun wurden auch die Einsatzregeln so angepasst, dass deutsche Soldaten aktiv Aufständische bekämpfen konnten.

Mit dem 22. ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzkontingent stand dafür ein erfahrener, gut ausgebildeter Verband mit handlungssicheren Soldatinnen und Soldaten zur Verfügung. Dass sie sich in einem Krieg befanden, bestätigen die Verluste: Sieben Soldaten fielen, 28 wurden zum Teil schwer verwundet. Gleich zu Beginn ihres Einsatzes fand am 2. April 2010 das Karfreitagsgefecht statt, das von vielen als eine empfindliche Niederlage wahrgenommen wurde. Auch die Ergebnisse von Befragungen aller Soldatinnen und Soldaten dieses Kontingents unterstreichen die Intensivität der Kämpfe: 53 % der Befragten berichteten über feindlichen Beschuss, 52% hatten den Zusammenbruch, 50% die Verwundung und 44 % den Tod eines Kameraden erlebt. 28% hatten aktiv an einem Schusswechsel teilgenommen.

Für das berufliche Selbstverständnis hatten diese schwierigen vier Monate des Einsatzes durchaus positive Auswirkungen: 92% der Soldatinnen und Soldaten hielten die Leistungen ihrer damaligen Teileinheit für gut, 81% waren stolz darauf, zu diesem Kontingent gehört zu haben, noch 55% hielten dessen Einsatz für erfolgreich und nur 8 % wollten auf die damals gemachten Erfahrungen verzichten.

Hauptfeldwebel Götz war Angehöriger des 22. ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzkontingents. Er führte eine Gruppe von insgesamt acht Panzergrenadieren.

Hauptfeldwebel Götz und sein Tagebuch

Sprache und Inhalt des Tagebuches unterscheiden sich deutlich vom offiziellen Erfahrungsbericht des 22. ISAFInternational Security Assistance Force-Einsatzkontingents. Die Texte verfasste Hauptfeldwebel Götz nicht am Ende seines Einsatzes, sondern tagtäglich im Schützengraben, im Fahrzeug oder im Unterkunftscontainer. Darin beschreibt er das Leben, wie es auf der untersten taktischen Ebene konkret war. Besonders beeindruckend sind seine Aufzeichnungen während des verlustreichen Karfreitagsgefechts. Damit unterscheidet sich Markus Götz‘ Tagebuch von Kriegserinnerungen wie beispielsweise Ernst Jüngers „In Stahlgewittern“. Jünger verfasste sein Buch erst Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs. Es ist eine tiefsinnige intellektuelle Verarbeitung seines Kriegserlebnisses. In den zahlreichen Auflagen seines Buches nahm er immer wieder Änderungen vor. Markus Götz dagegen schrieb unter dem unmittelbaren Eindruck seiner Gefechtserlebnisse und zunehmender körperlicher und seelischer Erschöpfung. Es ist daher nicht verwunderlich, dass im Tagebuch von Markus Götz weder philosophische Reflexionen noch sicherheitspolitische Analysen zu finden sind. Von Anfang an stellt Markus Götz in seinem Tagebuch heraus: „Hier ist Krieg.“ Damit bringt er zum Ausdruck, dass sein zweiter Einsatz so ganz anders ist als der erste zwei Jahre zuvor. Sein Einsatz übertrifft sogar alle während der intensiven Vorausbildung vermittelten Vorhersagen. Ein Bild, das ihn in einer Stellung auf der Höhe 431 zeigt, unterschreibt er mit „Wie bei Verdun“. Dabei ist für ihn klar: „Und wenn es losgeht, schlag gnadenlos mit allem zu, was du hast!“ Dieser Selbstappell verdeutlicht, welche Bedeutung schwere Waffen haben. Sehnsüchtig blickt er auf den Schützenpanzer Marder, den er für seine Aufträge nutzen würde, um seine eigene Sicherheit zu erhöhen und Eskalationsdominanz gegenüber dem Gegner zu gewinnen. Immer wieder geht Markus Götz auf die nervlichen Anspannungen und die enormen körperlichen Belastungen ein. „Wir sind wieder angespannt – fast bis zum Zerreißen“. Der Körper reagiert auf den Stress: „Fühle mich ekelhaft. Mein Körper klebt. Meine Klamotten sind voll Staub, Schweiß und Dreck.“ Im weiteren Verlauf des Einsatzes wird deutlich, dass seine Kräfte schon längst aufgebraucht sind; dass es nur noch darum geht, irgendwie bis zum Ende der Einsatzzeit durchzuhalten. Seine Devise lautet deshalb: hinlegen, schlafen, wo und wann immer es geht. Wegen der Hitze und häufiger Alarme gelingt es allerdings oftmals nicht. Die einzige kleine Belohnung zwischendurch: der Cappuccino. Schlafen und Cappuccino gehören zu den häufigsten Eintragungen. Gegen Ende seines Einsatzes stellt er fest: „Im Spiegel sehe ich aus wie der Tod – Augenringe.“ Belastungen sind allerdings auch auf Langeweile zurückzuführen. Die Eintönigkeit des Essens aus der Einmannpackung trägt dazu genauso bei wie das Warten auf neue Befehle. Abmarschzeiten für Patrouillen werden manchmal kurzfristig verändert oder um viele Stunden verschoben. Nicht selten wissen die Soldaten überhaupt nicht, warum Einsatzbefehle aufgehoben oder geändert wurden. Neben Erschöpfung und Langeweile belastet insbesondere die empfundene Hilflosigkeit gegenüber den Angriffen der Aufständischen. Diese sind überaus geschickt, ihre Eskalationsdominanz zu demonstrieren und damit die Motivation der deutschen Soldatinnen und Soldaten zu untergraben. Während der Liveübertragung der Gedenkfeier für die kurz zuvor gefallenen Kameraden führten sie einen Sprengstoffanschlag auf einer Verbindungsstraße und gleichzeitig einen Raketenangriff auf das Feldlager durch. Hauptfeldwebel Götz fragte sich daraufhin: „Können wir jemals wieder rausfahren, ohne dass gleich um die Ecke der Tod lauert?“ Es ist nicht verwunderlich, dass interne Diskussionen nach dem Sinn des Ganzen von Tag zu Tag zunehmen. Gerade jüngere Soldaten verbreiten eine gereizte Stimmung im Zug, als immer mehr gefallene und verwundete Kameraden zu beklagen sind. Es gelingt dem erfahreneren Hauptfeldwebel Markus Götz nicht immer, ihnen zu helfen. Er selbst leidet zunehmend an Sinndefiziten. Schon früh, am 6. April, äußerte er starken Zweifel. „Schwanke ständig zwischen Kampfeswillen und Bocklosigkeit, hier wegen nix zu verrecken.“ Gegen Ende seines Einsatzes, als noch einmal Gefechte stattfinden, schreibt er: „Keiner glaubt noch, dass dies hier draußen etwas bringt. … Jeder hat die Schnauze voll.“ Aus seiner Sicht handelte sein Zugführer richtig, als er dem Gefechtsstand meldet, der Zug sei nicht mehr einsatzbereit. Deutlich wird hier: Krieg nutzt den Menschen in kürzester Zeit ab. Und diese Abnutzung verläuft besonders schnell, wenn der Gegner die Initiative besitzt oder wenn es den Angegriffenen nicht möglich ist, diese Entwicklung irgendwie zu beeinflussen. Weniges zermürbt so sehr wie das hilflose Abwarten. Wer hätte die Motivation steigern können? Scheinbar ist dies weder Politikern noch den militärischen Führern gelungen. In den Tagebuchaufzeichnungen finden sich jedenfalls keine positiven Bemerkungen darüber. Bei einem Besuch eines Staatssekretärs aus dem Verteidigungsministerium ärgert ihn, dass dieser nur am Tisch mit den Fallschirmjägern sitzt und die Panzergrenadiere nicht beachtet. Über eine in Kunduz gehaltenen Rede des damaligen Kommandeurs der ISAFInternational Security Assistance Force-Schutztruppe, General Stanley McChrystal, hält er nur fest, dass sie politisch klingende Phrasen enthielt. Von deutschen Generalen, die zur Dienstaufsicht kamen, berichtet er, dass er sich in Gesprächen mit ihnen auskotzte und offen die Meinung sagte. Ihre Antworten spielen in den Tagebuchaufzeichnungen keine Rolle. Überhaupt hält er deren Besuche für nicht sinnvoll, da sie zu spät kämen – zumindest für sein Kontingent. Motivationssteigernd wirkte hingegen das Verlangen, es den Taliban heimzahlen zu können. „Jetzt den Kopf in den Sand zu stecken, wäre bestimmt fatal. Den Erfolg und die Genugtuung sollten wir den Arschlöchern nicht geben.“ Andererseits vergrößerte dieses Verlangen eine tiefsitzende Frustration über die Grenzen des eigenen militärischen Handelns. Markus Götz beklagt, „… dass wir dauernd einstecken müssen, aber nie wirklich mit aller Macht zuschlagen dürfen und erkannte Insurgents einfach mit den Jets wegbomben können, bevor sie uns wieder Verluste zufügen.“ Es ist daher nicht verwunderlich, dass die deutschen Soldaten neidisch auf die USUnited States-Truppen und deren militärische Fähigkeiten schauen. Zwar kritisiert er, dass die amerikanischen Spezialkräfte unkoordiniert vorgingen, doch bewundert er ihre Effektivität: „Türen eintreten und die Arschlöcher, die für den Anschlag verantwortlich sind, finden – richtig so!“ Vor den Amerikanern hätten die Aufständischen deutlich mehr Angst und Respekt als vor den Deutschen. Als die deutschen Soldaten mit mehr Schützenpanzer Marder ausgestattet wurden und auch die Panzerhaubitze 2000 eintraf, entwickelte sich bei Hauptfeldwebel Götz ein erstes, vorsichtiges Gefühl der Überlegenheit. Es hielt allerdings nicht lange an, da er schon bald seinen Schützenpanzer abgeben musste. „Ich bin stinksauer! Ich haue mir aus Frust ein paar Bier hinter die Binde. Meine Wut wird größer, und ich brauche ein Ventil“. Auch bei der Panzerhaubitze kommt schnell der Verdacht auf, dass vorgesetzte Dienststellen deren Einsatz eher unterbinden würden.

Erkenntnisse aus dem Tagebuch

Das Tagebuch bietet vielfältige Anregungen für die Debatte über die Führung von Truppe im Einsatz, vor allem für die Innere Führung und deren Weiterentwicklung. Auf den ersten Blick sprechen die von Hauptfeldwebel Götz wahrgenommenen Sinndefizite für ein Scheitern der Inneren Führung. Andererseits ist es gerade die Innere Führung, die auf die Bedeutung des Sinns für die Motivation von Soldaten hinweist. Einsicht in die Sinnhaftigkeit eines Auftrags steigert deren Bereitschaft, Eigeninitiative zu zeigen und Risiken einzugehen. Hauptfeldwebel Götz‘ Tagebuchaufzeichnungen unterstreichen die Richtigkeit dieses Grundsatzes. Defizite scheinen daher weniger bei den Führungsgrundsätzen zu bestehen als vielmehr bei deren Anwendung durch die Vorgesetzten. In seinen Tagebuchaufzeichnungen schreibt Hauptfeldwebel Götz an keiner Stelle über Vorgesetzte, die ihnen die Sinnhaftigkeit ihres Auftrags erläutern und ihr Tun in den Gesamtzusammenhang des Wiederaufbaus Afghanistans einordnen. Nur an einer Stelle erwähnt er einen höheren Vorgesetzten, der zumindest Verständnis für die Frustrationen der Soldatinnen und Soldaten zeigte. Im gesamten Tagebuch finden sich keine Bemerkungen über die übergeordneten strategischen Ziele Deutschlands. Selbst die neue Strategie der Aufstandsbekämpfung erwähnt Hauptfeldwebel Götz nicht. Vielleicht setzte der diese als bekannt voraus; oder sie hatte keine Relevanz für ihn im täglichen Kampf ums Überleben. Offensichtlich traf Hauptfeldwebel Götz auf keine Vorgesetzten, die das Geschehen ganz unten in den größeren Sinnzusammenhang der Aufstandsbekämpfung eingeordnet und damit sein Denken und Handeln beeinflusst haben. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als nach seinem eigenen Wertekompass zu entscheiden und das zu tun, was er für richtig und anständig hielt. Selbst in ihrer eigenen Domäne, der taktisch-operativen Führung, haben Vorgesetzte scheinbar zu wenig erklärt. An keiner Stelle seines über 100 Seiten umfassenden Tagebuchs spricht Hauptfeldwebel Götz von der Absicht der übergeordneten Führung. Er beschreibt viele taktische Maßnahmen seines Zuges, ohne diese in Bezug zu setzen zu einem größeren Ganzen: Was ist der Auftrag seiner Kompanie, was ist die Absicht des Kommandeurs? Vorgesetzte jenseits des eigenen Zuges spielen kaum eine Rolle. Anstelle der Führungsleistung von Vorgesetzten betont Hauptfeldwebel Götz die Kameradschaft. Zum inneren Kreis der Kameraden zählen diejenigen, die ohne Dienstgrad nur mit Vornamen angesprochen werden. Sie bilden die eigentliche Vertrauensgemeinschaft, in der alle wichtigen Informationen ausgetauscht werden. Spätestens auf der Ebene der Kompaniechefs endet die vertikale Kohäsion. Die Tagebuchaufzeichnungen lassen allerdings auch Rückschlüsse darauf zu, was Motivation und Eigeninitiative steigern könnte. Dazu gehören zunächst einmal Erfolgserlebnisse im Kampf gegen Aufständische, also das siegreiche Gefecht. Die Truppe muss eine Chance haben zu siegen. Voraussetzung dafür sind neben guter Führung auch überlegene Waffen und Waffensysteme. Darin kommen viele Dinge zum Ausdruck, die für die Soldatinnen und Soldaten im Einsatz wichtig sind: Anerkennung durch Politik und Gesellschaft, Überlegenheit der Führung und Führungsgrundsätze, Klarheit von Strategie und Auftrag. Die Macht der Waffen beflügelt die Motivation, endlich mal wieder „am Drücker“ zu sein, also die Initiative zu haben. Dann wirkt es umso enttäuschender für die Truppe, wenn eigene Gefechtsfahrzeuge an andere Einheiten abgegeben werden müssen.

Schlussbemerkungen

Die Bundeswehr hat in Afghanistan nicht nur das Kämpfen gelernt. Mehr noch: Sie hat an Professionalität gewonnen - trotz ungünstiger taktisch-operativer Lagen, trotz fehlender oder wenig überzeugender Strategien: Deutsche Soldaten waren jederzeit pflichtbewusst, gehorsam und leidensfähig. Sie überzeugten zudem durch Disziplin im Gebrauch der Waffen: In vielen Kriegen reagierten Soldaten mit überzogener Gewalt und sogar Massakern auf die hinterhältige Kriegführung von Gegnern, der sich nicht an die Regeln des Völkerrechts hielten und die Zivilbevölkerung als Schutzschilde missbrauchten. Hauptfeldwebel Götz‘ Tagebuch ist ein Beleg dafür, dass deutsche Soldaten sich trotz aller körperlichen und seelischen Belastungen nicht radikalisierten. Dafür zollt ihnen der Historiker Christian Hartmann am Ende seiner Bilanzierung des Afghanistaneinsatz großen Respekt.

von ZMSBw